Leseprobe - Tödliche Zeilen - Meinen Worten sollst du folgen

Prolog

Wie ein Tier fiel Antonio Morelli über den leblosen Körper seiner Frau her. Er störte sich nicht daran, dass die Fliegen sich bereits auf ihr niedergelassen hatten. Es interessierte ihn in seinem Rausch auch nicht, dass seine beiden Kinder auf dem Sofa saßen, und seinen Akt der Begierde beobachteten. Sie verstanden nicht, wieso ihre Mutter keinen Mucks von sich gab.

Antonio hatte jegliche Verbindung zur Realität verloren. Seine Augen waren leer, die Pupillen geweitet, und sein Gesicht zeigte keinerlei Anzeichen von Reue oder Scham. In diesem Augenblick existierte für ihn nur noch der morbide Akt, den er gerade vollzog.

Die Kinder beobachteten das grausame Geschehen mit glasigen Augen, unfähig zu begreifen, was hier vor sich ging. Ihr kleiner Verstand konnte die Perversion, die sich vor ihren Augen abspielte, nicht erfassen. In ihrer kindlichen Naivität dachten sie, ihre Mutter schlafe, und Antonio tue das, was Erwachsene eben manchmal tun. Doch ihre Instinkte sagten ihnen, dass irgendetwas nicht stimmte. Die Laute, die ihr Vater von sich gab, waren beängstigend. Grunzend und keuchend bewegte er sich hemmungslos und unrhythmisch über seiner Frau.

Der Raum war erfüllt von einem unerträglichen Gestank, doch Antonio bemerkte auch diesen nicht.

Das Mädchen, die jüngere der beiden Kinder, hatte Tränen in den Augen und klammerte sich ängstlich an ihren Bruder. Sie fühlten sich wie Eindringlinge in einer Welt, die sie nicht verstanden.

Streit, Alkoholexzesse und Drogen hatten in ihrem Zuhause schon immer zur Tagesordnung gehört. Doch das, was jetzt geschah, löste eine furchtbare Dunkelheit in ihnen aus. Sie würden diese traumatische Szene niemals vergessen können, und sie wussten, dass sie nie mehr die gleichen sein würden.

Erst Stunden später, als seine Kinder bereits eingeschlafen waren und Antonio sich bewusst wurde, wie schwerwiegend seine Tat war, begann er bitterlich zu weinen und traf eine Entscheidung.

Kapitel 1 

»Nicht mal die Wochenenden sind diesen Pennern heilig«, schnaufte Kriminalhauptkommissar Frank Kessler, als er mit seinem Kollegen Kommissar Erik Wagner auf dem Wanderparkplatz in der Nähe des Waldbades in Hilden eintraf. Es war Mitte Januar und die eisige Kälte durchdrang ihre Gliedmaßen. Wagner rieb sich die Finger, während er seinen Mantel enger um sich zog. Der Atem der Ermittler bildete kleine Wolken in der kalten Morgenluft.

»Natürlich nicht. Die meisten Verbrecher gehen ganz normalen Berufen nach, Frank. Wann soll man sich denn sonst die Zeit nehmen, eine Leiche zu entsorgen?«

»Trottel«, antwortete Kessler mürrisch.

»Ah, da seid ihr ja. Wurde ja auch langsam Zeit.« Polizeikommissar Ismael Yilmaz trat hinter der Absperrung hervor, ging auf die beiden zu und reichte ihnen die vorgeschriebene Schutzkleidung. »Macht euch auf was gefasst, das sieht echt übel aus.«

Die Kälte ließ die Schutzkleidung steif werden, als Yilmaz sie zu der Leiche führte, die in den frühen Morgenstunden gefunden wurde. Die Frau, vermutlich Anfang bis Mitte dreißig, lag nackt auf dem Rücken. Unter ihr befand sich ein blauer Müllsack, den die Kollegen von der Spurensicherung bereits vorsichtig geöffnet hatten.

Kessler trat näher. Die Scheinwerfer, die von den Polizisten vor Ort aufgestellt wurden, betonten jedes Detail der Szenerie. Dem Opfer wurden an verschiedenen Stellen Fleisch vom Körper geschnitten. In ihrer Brust klaffte ein offenes Loch. Der Täter hatte ihr das Herz entfernt. Ihre Augen waren mit dunklem Klebeband zugeklebt, ihre Mundwinkel wurden an beiden Seiten aufgeschlitzt. Als hätte der Täter ihr ein Lächeln ins Gesicht schneiden wollen. Die eisige Ruhe in der Luft verstärkte die makabere Szenerie, die selbst den erfahrenen Ermittler verstörte. Frank Kessler war sechsundfünfzig und hatte schon viele grausame Dinge sehen müssen. Eine Leiche, die auf eine solche Art und Weise zugerichtet wurde, hatte meistens eine Bedeutung. Irgendetwas Symbolisches. Aber das, was er vor sich sah, wirkte wie eine zahllose Aneinanderreihung von willkürlichen Verstümmelungen.

»Sie wurde definitiv eine Weile irgendwo festgehalten«, stellte Kessler fest und deutete auf die Fesselspuren, die sich an Hand- und Fußgelenken befanden.

»Fragt sich nur, wie lange. Außerdem hat da wohl ganz offensichtlich jemand ein schlechtes Gewissen. Oder wie würdest du die zugeklebten Augen deuten, Frank?«, fragte Wagner und deutete auf das Klebeband. 

»Schon möglich. Mal sehen, was Constanze dazu zu sagen hat.« 

Anschließend betrachtete Wagner den geöffneten Brustkorb des Opfers. »Dafür braucht man doch sicher vernünftiges Werkzeug und etwas Fingerspitzengefühl, oder? Ich wüsste jetzt nicht, wie ich ’nem Menschen mal eben so das Herz entfernen könnte. Auch, wenn ich sicher schon wirklich viele Herzen gestohlen habe. Habt ihr das Herz irgendwo gefunden?«

»Nein, haben wir nicht. Auch den Zeh nicht«, er wies auf den rechten Fuß des Opfers. »Auch sonst gibt es keine wirklichen Spuren. Nur die Leiche und den Müllsack. Sie wurde heute Morgen von einem Spaziergänger gefunden, der mit seinem Hund Gassi ging. Alles Weitere muss die Kriminaltechnik und die Rechtsmedizin klären. Ich glaube aber, dass es in der heutigen Zeit verdammt leicht ist, an solches Werkzeug heranzukommen. Durch all die True Crime Serien und YouTube-Videos gibt es sicherlich irgendwo im Netz Anleitungen zur Entfernung von Herzen. Wir wissen natürlich auch noch nicht, wer die Frau ist, da sie keinerlei Papiere bei sich hatte. Ihr solltet euch auf jeden Fall die Vermisstenfälle ansehen.«

Yilmaz hatte recht. Allein das Internet bot all den Wahnsinnigen da draußen einen nahezu lückenlosen Informationsfluss für jedes noch so kranke Verbrechen. Kessler meinte sich sogar zu erinnern, dass Constanze einmal von einer Internetseite gesprochen hatte, auf der man Rezepte basierend auf Menschenfleisch finden konnte. Seltsamerweise musste er bei dem Anblick der verstümmelten Frau genau daran denken.

»Gibt es hier irgendwelche Zeugen?«, fragte Wagner, unfähig, den Blick von der Leiche abzuwenden. Seit fast drei Jahren war er nun bei der Kripo tätig, und trotz seiner zweiunddreißig Jahre galt er für die meisten immer noch als junges Gemüse. Während sein Kollege bereits eine gewisse Nüchternheit beim Anblick von Leichen entwickelt hatte, wuchs in dem jungen Kommissar die Faszination für diese morbide Realität zunehmend.

Yilmaz schüttelte den Kopf. »Bisher nicht. Der Spaziergänger hat die Leiche entdeckt, die Polizei gerufen, und das war’s. Hier steppt auch um die Uhrzeit nicht wirklich der Bär.« Er sah auf seine Armbanduhr. Es war 4:50 Uhr. »Außerdem ist es Samstag. Normale Menschen schlafen um die Uhrzeit noch.«

Kessler nickte: »Dann bleibt uns wohl jetzt nichts anderes übrig, als herauszufinden, wer die Frau ist, und auf die Ergebnisse von Dr. Stern und den Kollegen zu warten.«

Kapitel 2 

Jerry Kramer verabscheute diesen Job, aber was blieb ihm anderes übrig? Schließlich musste der Kühlschrank gefüllt werden, und die Rechnungen bezahlten sich leider auch nicht von allein. Seine neueste Klientin trug den Namen Cora Springer, eine dieser spät im Leben gebärenden Damen, die ihre Kinder eher als Accessoires denn als Lebewesen betrachteten. Ihre ständige Sorge war, dass ihr kostbares Schneeflöckchen sich mit den falschen Leuten abgeben könnte. Dass ihre eigene Tochter, Fiona, zu diesen »falschen Leuten« gehören könnte, kam Frau Springer natürlich nicht in den Sinn. Schließlich war es offensichtlich, dass Fiona nur von Unschuld und Tugend umgeben war – genau wie jeder andere Teenager, den Jerry in den letzten drei Jahren observieren musste.

Und so fand er sich in der eisigen Kälte auf einer Parkbank im Düsseldorfer Volksgarten wieder, um Fiona und ihre Clique zu beobachten. Das Schneeflöckchen war eindeutig die Anführerin dieser Gruppe. Sie schien den »schlechten Einfluss« geradezu zu verkörpern.

Gemäß den Informationen, die ihm ihre Mutter geliefert hatte, war Fiona fünfzehn Jahre alt, eine Einserschülerin und das Musterkind schlechthin. Jedoch machte ihre Mutter sich Sorgen, da sie in letzter Zeit sehr abwesend sei und ihre Noten allmählich den Bach runtergingen. Dieses »Musterkind« sah aus, als wäre sie einer Gruft entsprungen. Mit ihren schlecht gefärbten, pechschwarzen Haaren, einem Kajalstrich, der den Äquator umrunden konnte, Ringen an jedem Finger und einer auffälligen Kette mit einem Pentagramm-Anhänger erfüllte sie wirklich jedes Klischee, das man sich vorstellen konnte. Du hältst dich wirklich für so unvorhersehbar und originell, nicht wahr?, dachte Jerry. Insgeheim war er froh, dass dieser Kelch an ihm vorbeigegangen war und er sich in seinem Privatleben nicht mit Teenagern und deren hormongesteuerten Problemen beschäftigen musste.

In der einen Hand hielt Fiona eine Bierflasche, in der anderen einen üppigen Joint, an dem sie genüsslich zog, ohne auch nur einmal zu husten. Man musste kein Profiler sein, um zu erkennen, dass das nicht ihre erste Tüte war. Wegen dieser Kackbratze verpasste Jerry also das Telefonat mit seiner Mutter? Er wusste, dass sie daraus wieder ein Drama machen würde.

Unauffällig machte er ein paar Bilder und begab sich in Richtung der S-Bahn-Haltestelle »Volksgarten«. In Kürze würde er Frau Springer alle erforderlichen Informationen zur Verfügung stellen können. Doch vermutlich würde sie trotzdem hartnäckig an der Unschuld ihres »kleinen schwarzen Schneeflöckchens« festhalten. Wie dem auch sei, sein Auftrag war erledigt, und er hatte sich unerwartet schnell 500 Mäuse verdient.

Natürlich hatte die S1 mal wieder eine exquisite Vorstellung ihrer Verspätung gegeben – na ja, immerhin fuhr sie ausnahmsweise mal –, sodass er seinen Anschlussbus, den 783er, um Haaresbreite verpasste. Doch bevor er nun eine Ewigkeit auf den nächsten Bus wartete – wirklich, warum zur Hölle fuhr dieser Bus an einem Sonntag nur einmal stündlich? –, kam ihm der Gedanke, dass er die Strecke nach Hause besser zu Fuß zurücklegen sollte. Schließlich, nach all den Jahren, in denen er inzwischen in Hilden lebte, war diese unsinnige Busfrequenz einfach nicht mehr zu ertragen.

An den Wochenenden war es im Industriegebiet auffällig ruhig, abgesehen von einigen rücksichtslosen Rasern, die die Niedenstraße gerne als private Rennstrecke nutzten. Viele Anwohner hatten schon lange den Wunsch geäußert, dass hier endlich ein Blitzer dauerhaft aufgestellt werden sollte. Das hätte nicht nur die Verkehrssicherheit verbessert, sondern auch die Stadtkasse kräftig gefüllt.

In seiner bescheidenen Wohnung, die definitiv keine Prämie für ihre Geräumigkeit gewinnen würde, hatte er endlich Schutz vor der eisigen Kälte gefunden. Die leeren Pizzakartons stapelten sich an verschiedenen Stellen, und die Wäscheberge hatten bereits olympische Ausmaße erreicht. Die vielfältigen Gerüche aus der Küche und der Wäschekorb sorgten für eine Duftmelange, die wohl am besten als einzigartige »Wohnatmosphäre« bezeichnet werden konnte.

Nachdem er sich halbwegs aufgewärmt und ein Bier geöffnet hatte, startete er seinen Laptop, um Cora Springer die Bilder ihrer Tochter und die Rechnung für seine Dienste zuzusenden. Gerade, als er seinen Laptop zuklappte und sein zweites Bier öffnete, klingelte es an seiner Tür, die sich auch sofort öffnete. Da er offiziell noch im Dienst war, konnten potenzielle Klienten einfach eintreten. Natürlich war das nicht unbedingt die sicherste Methode, denn wer wusste schon, welcher Irrsinnige sich Zutritt zu seinem Reich verschaffen würde. Aber da er ohnehin immer eine geladene HK P30, ein Überbleibsel aus seiner Zeit bei der Kripo, in der Schublade seines Schreibtisches griffbereit hatte, machte er sich darüber weniger Sorgen. In einem Film noir hätte jetzt vermutlich eine hochgewachsene, umwerfende Blondine seine heiligen vier Wände betreten und ihn unter Tränen angefleht, Beweise für die Untreue ihres geliebten Ehemannes zu finden. Aber an diesem Tag betrat eine Person seine Wohnung, die seiner Meinung nach alles andere als umwerfend war.

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Kommentare: 4
  • #1

    Nadja (Montag, 15 Januar 2024 12:15)

    Alter Falter, ich will es sofort weiterlesen. Ich sage meiner Tochter immer '' will jibbet nicht das heißt ich möchte '' aber hier WILL ich es am liebsten sofort weiterlesen �
    Der erste Satz des Prologs hatte mich sofort und ich weiß jetzt schon das es wieder ne geile Story wird!

  • #2

    Karsten L. (Montag, 15 Januar 2024 12:40)

    Ich schließe mich meiner Vorkommentatorin an und möchte sofort weiterlesen!!
    Ich will! Ich will! Ich will!

  • #3

    Axel Dönninghaus (Montag, 15 Januar 2024 14:21)

    Das war schon sehr gut geschrieben und jetzt kann man nur hoffen das es nicht mehr solange dauert bis das Buch heraus kommt bin gespannt wie es weiter geht
    Herzlichen Glückwunsch zu den zwei Kapiteln

  • #4

    Daniela Ziegler (Montag, 15 Januar 2024 21:32)

    Also das ist sowas von vorbestellt:-)