Leseprobe - Die Chroniken der Unerzählten - Band 1
Wie angekündigt folgt hier die Leseprobe zu Die Chroniken der Unerzählten – Band 1.
Der Auszug soll einen ersten Eindruck von Ton, Atmosphäre und Figuren vermitteln.
Ich wünsche euch viel Freude beim Lesen.
Prolog
Es begann mit einem Flüstern.
Keinem drohenden, keinem lauten. Nur einem sanften Wispern, das in den Schatten der Geschichten lauerte. Erst verblasste ein Wort, dann ein Name, bis schließlich eine ganze Erzählung ihre ursprüngliche Bedeutung verlor. So leise, dass es niemand bemerkte.
Unsere Welt blieb bestehen, solange Worte sie stützten und ihre Ordnung bewahrten. Doch Worte wurden trügerisch, und Erinnerung ein schwankendes Fundament. Man sagte, dass einst ein Herz im Zentrum aller Dinge geschlagen hatte, ein Taktgeber, der den Geschichten Leben einhauchte. Mit der Zeit jedoch wurde sein Schlag schwächer, seltener, bis er schließlich ganz verstummte. Das Herz der Geschichten war erloschen, und mit ihm verschwand die Seele dessen, was wir einst gekannt hatten.
Doch dies geschah nicht ohne Grund. Mit jeder Geschichte, die nicht mehr erzählt wurde, mit jeder Wahrheit, die infrage gestellt wurde, verlor die Welt ihre Gestalt. Nicht durch Vernichtung, sondern durch Veränderung, die jedes Gewicht und jede Ordnung untergrub.
Märchen folgten Regeln. Regeln, die über lange Zeit gewahrt worden waren. Zu ihnen gehörte der feste Zyklus, dem jedes Märchen nach seinem ersten Vollzug unterlag. Es begann, entfaltete sich und fand sein Ende. Mit diesem Ende setzte es erneut an. Der Held stellte sich der Prüfung, die Hexe wurde besiegt, der Kuss brach den Fluch. Doch was blieb, wenn dieses Gefüge ins Wanken geriet? Wenn Prüfungen keine Lösung mehr fanden, wenn sich Flüche nicht mehr lösen ließen, wenn Helden und Schurken ihre Rollen vergaßen?
Einst hatte der Held sein Schwert gegen das Böse gezogen, doch das Böse besaß kein Gesicht mehr. Die Prinzessin wartete auf Erlösung. Sie wartete und wartete. Doch kein Held kam. Ihre Haut verlor den Glanz, ihr Haar ergraute, ihre Hände wurden knochig. Die Zeit, die einst vor den Märchen Halt gemacht hatte, verlor ihre Beständigkeit. Sie floss schneller, langsamer oder gar nicht, chaotisch und gnadenlos. Aus der schönen Prinzessin wurde eine alte Jungfer, aus der alten Jungfer eine gebrechliche Frau. Trotz gekrümmten Rückens stand sie weiterhin am Fenster, die milchigen Augen auf einen Retter gerichtet, der längst nicht mehr existierte.
Die Regeln, die einst alles zusammengehalten hatten, zerbröckelten Stück für Stück. Der moralische Kompass, der einst hatte führen sollen, drehte sich ziellos, ohne Fixpunkt. Das Gerüst der Geschichten begann zu schwanken, und mit ihm jeder Preis, den eine Geschichte gefordert hatte. Nur wenige hielten noch an ihrer Ordnung fest, klammerten sich an alte Schwüre und überdauerte Versprechen. Doch selbst sie konnten den Verfall nur verzögern, nicht aufhalten. So wurden Prüfungen zu Irrwegen, Opfer zu leeren Gesten, Schmerz zu einem Kreislauf ohne Ende.
Viele der Erzählten zerbrachen daran. Ihr Verstand zerfiel wie ihre Rollen im Staub der Geschichten, bis der Wahnsinn sie beherrschte. Das Herz der Geschichten war nur noch eine verblasste Erinnerung, ein Mythos aus einer Zeit, in der Worte noch eine Heimat besessen hatten.
Doch nicht nur die bekannten Gestalten litten unter diesem Zerfall. Auch jene, die schon immer zwischen den Zeilen existiert hatten, verloren ihren Halt. Sie, die in den ungesagten Worten gehaust hatten, die unbeachtet durch Geschichten gewandert waren, ohne je wirklich Teil von ihnen zu sein. Der Abfall der Magie, geboren aus dem unausweichlichen Preis jedes Zaubers, jedes Wunsches, jedes Artefakts. Sie trugen kein Gewicht, hatten keinen Platz in der Ordnung. Sie blieben Schatten mit Namen, die nie niedergeschrieben worden waren, Stimmen ohne Echo.
Was aus ihnen wurde, hätte vielleicht niemals erzählt werden dürfen. Doch manche Wahrheiten lassen sich nicht verschweigen, auch wenn das Erzählen selbst zur Wunde wird, die sich niemals schließt.
Kapitel 1
Elara
»Gustav!«, brüllte ich über meine Schulter durch den verrauchten Schankraum des Dreibeinigen Henkers. »Noch ein Bier!«
Mir war es egal, dass es noch früh am Morgen war. Ich wollte trinken.
Meine Augenbraue pochte. Auf dem Weg hierher war ich blöd genug gewesen, den Schreien zu folgen. Die Belohnung dafür war eine Weinflasche, die mir Rotkäppchen über den Schädel gezogen hatte. Ich hätte sie am liebsten mit ihrem verdammten Umhang gewürgt, aber das hätte die Situation auch nicht besser gemacht. Also war ich weitergegangen und versuchte, die Bilder aus dem Haus ihrer Großmutter aus meinem Kopf zu drängen. Jetzt nicht. Jetzt wollte ich trinken. Und dieser Ort war genau der richtige dafür.
Der Dreibeinige Henker war ein Ort voller Laster und Fäulnis. Mir war das recht. Hier fand ich Zuflucht. Und jede Menge Alkohol. Der Raum war düster, und der Geruch von modrigem Holz und verfaultem Bier klebte an allem. An den Wänden krochen Schimmelflecken empor, und das Licht, das durch die vergilbten Fenster drang, war schwach und trübe. Mein Tisch war klamm und von einem dicken Schimmelüberzug befallen, der wie eine weiße, krustige Rinde über dem Holz lag.
Mit einer beiläufigen Bewegung schob ich meinen leeren Krug über den Tisch und wartete. Trinken bedeutete Vergessen. Wenigstens für ein paar Stunden.
Das Bier war eine bittere Enttäuschung, stinkend und faulig. Abgestandenes Flusswasser hätte vermutlich besser geschmeckt. Aber es war besser als Nüchternheit. Nichts war schlimmer als die Klarheit, die einen zwingen wollte, weiterzudenken.
Gustav knallte mir den nächsten Krug vor die Nase und nahm den leeren mit sich. Ohne ihn auch nur zu spülen, füllte er ihn erneut und stellte ihn dem Nächsten vor die Nase. Dann schnäuzte er sich in das Tuch, das ihm über der Schulter hing.
Ich verzog den Mund. Gustav hielt nicht viel von Sauberkeit, aber immerhin stellte er keine Fragen. Vielleicht war dies das Beste an ihm. Man musste schon froh sein, dass er nicht in die Gläser spuckte. Zumindest nicht, wenn jemand hinsah.
Ich nahm einen tiefen Schluck. Ich war der Rest eines Wunsches, der jemand anderem ein glückliches Ende bescherte. Keine Heldin, kein Opfer, nur der Beweis, dass auch Geschichten Abfall produzieren. Also trank ich, um das Rauschen zu ersticken, das mich an mein eigenes Entstehen erinnerte.
Ich schüttelte heftig den Kopf und trank weiter. Ich wollte vergessen. Diesen Schmerz nicht mehr fühlen. Also trank ich mehr, als ich es ohnehin schon immer getan hatte.
Ich war nicht immer so.
Es gab eine Zeit, in der selbst ich etwas wie Leichtigkeit in mir getragen hatte. Tristan und ich standen damals oft am Rand der Geschichten, beobachteten, wie sie abliefen wie Uhrwerke. Alles schien geordnet. Berechenbar. Kein Platz für Zweifel, aber auch nicht für uns.
Ich hatte mir heimlich gewünscht, ein Teil davon zu sein, ein einziges Mal nicht nur der Rest eines fremden Wunsches zu sein. Ich hatte es nie laut gesagt, schon gar nicht Tristan gegenüber. Wenn ich ihm zu nahe kam, fühlte es sich an, als würde etwas in mir warm werden. Genau das wollte ich nicht. Wärme zerriss einen nur, wenn man weiß, dass sie nie bleibt.
Dann veränderte sich die Welt. Erst kaum merklich. Die Erzählten wurden unruhig, handelten anders, als sie es immer getan hatten. Figuren, die einst milde gewesen waren, griffen plötzlich zu Härte, und andere, die grausam hätten sein sollen, wirkten weichgewaschen. Manche sprachen Sätze, die nicht zu ihnen passten, als hätte jemand an ihnen herumgezupft. Rollen verschoben sich, Wahrheiten verrutschten. Szenen, die jahrhundertelang festgelegen hatten, fühlten sich plötzlich falsch an, wie schlecht ausgebesserte Nähte. Einige Erzählte stolperten mitten in ihren eigenen Handlungen, als erinnerten sie sich nicht mehr daran, wer sie sein sollten.
Und genau in dieser Zeit tauchte der Henker auf. Ein Gebäude, das aussah, als hätte die Welt es ausgespuckt, weil sie nicht mehr wusste, wohin mit ihren Fehlern. Alt und falsch zugleich. Ein Ort, der roch, als hätte jemand versucht, eine Geschichte umzuschreiben, und dabei etwas Wichtiges vergessen. Ordnung bricht nie mit einem Knall. Sie fault leise, bis man merkt, dass der Boden unter den Füßen schon hohl geworden ist.
Viele fanden Zuflucht im Dreibeinigen Henker. Man ging sich aus dem Weg, trank, wartete. Niemand sprach aus, was die meisten dachten: Bald würde auch dieser Ort verschwinden. Doch würde es wirklich so kommen?
Langsam ließ ich meinen Blick durch den Raum schweifen. Mein Blick blieb an dem Fremden an der Theke hängen. Groß, breitschultrig, das Haar ein helles Gold. Für einen Moment glaubte ich, einen Prinzen vor mir zu sehen. Aber Prinzen verloren sich nicht im Henker. Dann hielt ich inne. Für einen Herzschlag glaubte ich, am Fenster einen Schatten vorbeihuschen zu sehen. Ich blinzelte, sah noch einmal hin, doch da war nichts mehr. Ich schob diese Illusion auf das schreckliche Bier von Gustav.
Neben der Theke, direkt am trüben Fenster, saß ein Mann, der sich längst aufgegeben hatte. Sein zerlumpter Mantel klebte an seinem Körper, getränkt von Regen und Schweiß. Seine Augen waren wässrig, starr ins Leere gerichtet. Eine schmierige Strähne fettiger Haare klebte an seiner Stirn. Unter ihm hatte sich eine schmutzige Pfütze gebildet, ein beißender Gestank nach Ammoniak stieg von dort auf und vermischte sich mit dem modrigen Bierdunst des Raumes. Niemand sonst beachtete ihn.
An einem anderen Tisch wurden Glücksspiele betrieben. Die Männer und Frauen lachten ausgelassen, als versuchten sie, der Welt um sie herum zu entkommen. Sie verdrängten, was geschah, und spielten, als ob es um ihr Leben ginge. Ich fragte mich, welches Glück sie noch zu jagen hofften, wenn alles andere längst zerfallen war.
Mein Blick fiel auf zwei Männer, die sich in den Schatten einer Nische hinter der Eingangstür drängten. Der eine lehnte mit dem Rücken gegen die Wand. Seine Haut war schmutzig und schlaff, von den Jahren gezeichnet, als hätte die Angst ihn ausgesaugt und leer zurückgelassen. Ihm fehlten etliche Zähne. Der andere kniete vor ihm, die Finger zitternd, als er ihm mit groben, ruppigen Bewegungen die Hose öffnete, bevor er ihn ohne Vorwarnung in den Mund nahm. Der Mann an der Wand stöhnte tief und lehnte den Kopf zurück.
Für einen winzigen Augenblick verstummte der Raum. Einige drehten sich um, warfen einen flüchtigen Blick auf die Szene, aber es war zu vertraut, zu abgenutzt, als dass es wirklich jemanden interessiert hätte. Viele der Unerzählten lebten ihr Dasein auf eine solche Art aus.
Angewidert drehte ich mich weg und sah über meine Schulter. Man musste ja nicht alles mitansehen, auch wenn es nichts Neues war. Wenigstens hatten sie noch Leidenschaft für etwas übrig, selbst wenn es diese Form annahm.
Hinter mir, an einem Tisch im Halbdunkel, saßen zwei Männer, deren bloße Existenz falsch wirkte. Ihre Haut war fahl, spannte sich unnatürlich über die Knochen, als wäre das Fleisch darunter bereits fort. Die Lippen waren rissig, schimmerten bläulich, und ihre Augen lagen tief in den Höhlen, verschattet, hungrig. Der eine bewegte sich kaum, nur ein leises Röcheln drang aus seiner Kehle. Der andere rührte mit einem langen, dünnen Finger in einem Krug, der längst leer war, ließ die Bewegung kreisen, als wäre er in einer anderen Welt. Eine Made kroch aus einer Schnittwunde an seiner Wange langsam Richtung Ohr. Keiner von beiden schien es zu bemerken. Sie sprachen miteinander, flüsternd, so leise, dass ich kein Wort verstand. Plötzlich hob einer den Kopf und starrte mich an.
Etwas Kaltes kroch mir die Wirbelsäule entlang. Dieses Loch zog sogar die Toten an. Oder jene, die es längst hätten sein sollen.
Kapitel 2
Tristan
Der Dreibeinige Henker sah aus, als hätte er hundert Jahre lang gegärt, wie der Inhalt eines aufgeplatzten Magens, der in der Sonne vergessen wurde. Das Holz war schwarz vor Feuchtigkeit, der Eingang verzogen, als hätte die Welt selbst beschlossen, keine Energie mehr in ihre Fehler zu stecken. Ich blieb davor stehen und grinste. Elara würde schon drinnen sitzen und versuchen, sich in einen Zustand jenseits jeder Vernunft zu trinken.
Ich drückte die Tür auf. Sie klemmte, und der Geruch schlug mir entgegen. Abgestandenes Bier, Schimmel, Rauch und ein Hauch verbrannten Fetts. Ich lachte leise und murmelte: »Gemütlich wie ein Massengrab.« Wenn es einen Ort gab, der sich hartnäckig weigerte, anständig zu sterben, dann dieser.
Die Gäste passten dazu. Schlafende Wracks. Spieler, die auf ein Wunder warteten, das längst abgehakt war. Zwei Männer in der Ecke, die sich in müdem Trost aneinanderdrückten. Alles wirkte schlaff, wie Bewegungen, die nur aus Gewohnheit noch ausgeführt wurden. Irgendwie rührend, wenn man genug Abstand hielt.
Viele hier hätten längst unter der Erde liegen sollen. Manche rochen, als hätten sie dort schon Probe gelegen und seien zurückgekehrt, weil selbst ein Grab sie nicht haben wollte. Abfall von Geschichten findet eben immer seinen Weg nach oben. Wir hatten nie einen Ort, der uns halten wollte.
Dann sah ich Elara. Allein am Tisch, halb im Schatten. Sie hielt ihren Krug wie etwas, das man festhalten muss, wenn man nicht untergehen will. Ihr Blick hing irgendwo zwischen Zorn und völliger Erschöpfung. Dann brüllte sie: »Gustav! Noch ein Bier!« Ihre Stimme schnitt durch den Raum wie ein alter Riss, der nie wirklich heilt.
Sie hatte nicht immer so getrunken. Früher reichte ihr wenig, nur genug, damit die Welt ein wenig weicher wurde. Irgendwann kippte das. Ich weiß nicht mehr, wann genau. Vielleicht gab es einen Moment, an dem sie einfach aufgab. Vielleicht war es ein langer Fall, den ich zu spät bemerkte. Ich suche diesen Punkt manchmal in mir, aber da ist nur Nebel. Und das passt zu ihr. Wenn sie fiel, machte sie keinen Lärm. Sie sank einfach, und man merkte es erst, wenn sie zu tief war, um sie noch zu erreichen.
Ich lehnte mich an die Wand und sah sie an. Es gab diesen Moment am Fluss, damals. Sie hatte im Schlaf meine Hand gegriffen. Ein kurzer Druck, kaum echt, aber genug, um etwas in mir aufreißen zu lassen, das ich bis dahin gut vergraben hatte. Sie murmelte etwas Unverständliches, vielleicht ein Wort wie »Ende«, vielleicht etwas ganz anderes. Ich strich ihr über den Kopf, so vorsichtig, als könnte jede Berührung alles zerstören. Ich habe ihr das nie gesagt. Sie hätte gelacht. Und ich hätte so getan, als wäre es mir egal.
Ich war der Rest eines Wunsches, der nie für mich gedacht war. Ein Preis, den jemand für fremdes Glück zahlen musste. Mein Name hatte kein Gewicht, außer dem, das sie ihm gab. Und wenn ich je aussprach, was sie mir bedeutete, würde sie mich mit einem einzigen Lachen auseinandernehmen. Ich verachtete mich dafür, dass ich es trotzdem fühlte.
Sie wirkte, als würde sie jeden Moment in sich zusammensacken, und ich stand da mit einem schiefen Lächeln, das genauso nutzlos war wie ich. »Elara, du prachtvolles Stück Elend«, flüsterte ich. »Wenn dich einer retten könnte, würdest du ihn wahrscheinlich erschlagen.« Vielleicht hoffte ich trotzdem, dass ich es wäre. Vielleicht war das mein letzter Rest von Dummheit.
Die Welt stand noch. Bröckelnd, aber sie stand. Und solange sie das tat, blieb ich an ihrer Seite. Nicht, weil es heldenhaft wäre. Einfach, weil ich nicht wusste, wohin sonst.
Ich richtete meinen Mantel, zog den Kragen hoch und zwang mir das Grinsen zurück ins Gesicht. Es lag wie eine dünne Schicht Frost über mir, kalt, aber stabil genug, damit ich nicht auseinanderfiel. Dann ging ich zu ihr hinüber. Die Tür fiel ins Schloss, und der Gestank fühlte sich für einen Moment beinahe vertraut an.
Kapitel 3
Elara
Schritte näherten sich.
»Hast schon mal besser ausgesehen.« Die Stimme war tief, mit diesem Hauch von resigniertem Spott, der mich seit Jahren begleitete.
Ich verzog keine Miene, als Tristan sich mir gegenüber auf den Stuhl sinken ließ. Seit wir existierten, war er mein Gefährte, auch wenn seine Art mich regelmäßig in den Wahnsinn trieb.
»Rotkäppchen«, murmelte ich. »Sie hatte eine Weinflasche. Ich hatte Pech.« Mehr sagte ich nicht.
Tristans Augenbrauen zogen sich langsam zusammen. »Rotkäppchen …?«
»Ja! Rotkäppchen!« Wieder spürte ich, wie der Zorn mich überrollte.
»Wieso sollte ein kleines, unschuldiges Mädchen dir eine Weinflasche über den Schädel ziehen? Steht dir übrigens verdammt gut. Das macht dich … verwegen.«
»Ach, unschuldig? Dieses bescheuerte Gör war gerade dabei, seine Großmutter abzuschlachten, wegen einer Flasche Wein. Ich wollte sie aufhalten, hab sie von der Alten weggezogen und dann knallt sie mir diese Flasche über den Schädel. Und jetzt halt die Klappe und lass mich trinken. Vielleicht hört mein Gesicht dann auf zu schmerzen.« Die letzten Worte presste ich geradezu heraus.
»Sie dachte bestimmt, dass du es auf die Flasche abgesehen hattest. Immerhin weiß die Kleine inzwischen, wie man sich um sich selbst kümmert. Man muss ja Prioritäten setzen, und guter Wein ist heutzutage rar«, erwiderte er mit einem Lächeln.
Was für ein Idiot. Ich saß hier, mit pochender Visage, und er konnte wirklich noch Witze über Rotkäppchens Situation machen?
Ich verstand es nicht. Die Welt drehte immer mehr durch, und je mehr Erzählte ins Wanken gerieten, umso mehr Unerzählte horteten sich zusammen, um sich bei Gustav zu betrinken. Ich war froh, dass ich überhaupt noch einen Platz bekommen hatte. Aber wer sich so früh auf den Weg macht, hat manchmal eben auch ein wenig Glück. Diese Absteige als Glück zu betrachten, sagte mehr über mich aus als über die anderen, die hier in ihrem Elend badeten.
Gustav schlurfte heran, stellte einen Krug abgestandenen Biers vor Tristan ab und sagte: »Du hast dich echt von ’nem Kind verprügeln lassen?« Er schnaubte. »Dann kannst du deinen Kater morgen wenigstens auf Rotkäppchen schieben.« Unbeholfen schob er seine schwielige Hand in die Hosentasche und zog ein kleines, vergilbtes Päckchen hervor. Das Papier war speckig und weich, als hätte es schon drei Leben hinter sich. Er hielt es mir hin.
»Was ist das?«, zischte ich und trank.
»Nimm’s, bevor ich’s mir anders überlege. Deine Braue ist doppelt so dick wie die andere. Ich mag es nicht, wenn was aus dem Gleichgewicht gerät.«
Widerwillig nahm ich das Päckchen und faltete es auseinander.
»Oh… ist das etwa…« begann Tristan.
Gustav nickte und schnäuzte in sein Tuch. »Quellfett. Vom Wasser des Lebens. Angereichert mit dem Ohrenschmalz eines Zwerges.«
Ich verzog das Gesicht. Der Geruch war schon durch das Papier zu erahnen.
Das Zeug war selten, aber nicht unmöglich.
Unerzählte konnten Erzählte nicht berühren, aber alles, was die Erzählten verloren, konnten wir nutzen. Und einige wenige wussten, wie man solchen Kram umschmolz, bis etwas Neues daraus entstand. Widerlich, aber nützlich.
Quellfett war genau das: ein Tropfen vom Wasser des Lebens, vermischt mit Zwergen-Ohrenschmalz, gekocht bis zur Konsistenz einer verdorbenen Salbe.
»Wie kommst du da ran?«, fragte Tristan.
Gustav zuckte die Schultern. »Ich war an der Quelle. Hab genommen, was da war. Wenn die Welt zerfällt, hat keiner mehr die Kraft, über Eigentum zu streiten. Und ich brauche hier Heilzeug. Hab keine Lust, ständig Blut von meinem Fußboden zu kratzen.«
Natürlich. Weil ein bisschen Blut auf diesem Boden auch eine solche Katastrophe wäre.
»Gustav?«, brüllte jemand aus der anderen Ecke.
Ohne ein weiteres Wort trottete er davon.
Tristan griff sofort nach dem Quellfett, nahm etwas zwischen zwei Fingern und schmierte es mir auf die Wunde. Der Gestank brannte mir in den Augen. Seine Finger waren zu nah. Zu vertraut. Für einen Atemzug fühlte es sich an, als würde etwas in mir aufbrechen, ein alter Reflex, der sich nach Wärme sehnte, obwohl ich wusste, dass genau das mich ruinieren würde. Also drückte ich das Gefühl weg, schob es dorthin, wo all das andere lag, das ich mir nicht erlauben durfte. Er meinte es gut, wie immer. Und genau das machte es gefährlich. Aber die Hitze unter meiner Braue kühlte ab wie ein Stein im Wasser.
Er faltete das Papier zusammen und steckte es ein. »Man weiß nie, wann man so was braucht.«
Tristan hob seinen Krug, trank in einem Zug die Hälfte leer und starrte dann auf meine Augenbraue.
»Unglaublich«, murmelte er.
Ich berührte die Stelle. Die Haut war fast glatt. Fast heil.
Plötzlich riss Tristan die Augen auf, kippte mit seinem Stuhl nach hinten und fiel zu Boden.
Ich sprang auf, rannte um den Tisch und zog ihn schnell wieder auf die Füße. »Bist du überhaupt zu irgendetwas Sinnvollem fähig, Tristan?«, fragte ich verärgert.
Gerade als ich den Mund öffnete, um eine weitere Schimpftirade loszulassen, legte er seinen Finger auf meine Lippen. Für einen Moment verweilte sein Blick dort. Ich verdrehte die Augen und wartete.
Schließlich sagte er leise: »Du verstehst es nicht, oder?«
»Was verstehe ich nicht?«, murmelte ich an seinem Finger vorbei.
»Also wirklich, Elara, bist du überhaupt zu irgendetwas Sinnvollem fähig?«, wiederholte er meine Worte. »Hast du es echt nicht registriert? Ich meine, ja, ich weiß, du hast resigniert und sitzt hier und schüttest die Plörre des Vergessens in dich hinein, aber …«
Ich schlug seine Hand weg. Die Wut kroch heiß in mir hoch. »Verdammt, Tristan, jetzt sag endlich, worauf du hinauswillst!«
Tristan legte den Kopf schief, sein Blick wurde ernst, doch um seinen Mund schlich sich ein schelmisches Grinsen. »Elara, verdammt. Rotkäppchen! Diese großmuttermordende Säuferin! Du konntest sie berühren!«
Kapitel 4
Viktor
Ich mochte diesen Ort. Er war ein Zufluchtsort für verlorene Seelen wie mich. Der Geruch von Bier, Rauch und feuchtem Holz hing in der Luft, als wäre die Welt selbst hierhergekommen, um langsam zu verrotten. Außerdem gab es hier nichts, was den Hunger in mir befeuern konnte. Der Tresen war klebrig, der Krug vor mir warm, und hinter meinem Rücken schwappte der Lärm der Gespräche wie schmutziges Wasser gegen eine Wand.
Zwei Stimmen stachen heraus. Eine Frau und ein Mann. Nach einer Weile hörte ich auch ihre Namen: Elara und Tristan. Gefolgt von Worten, die mich kurz innehalten ließen: ein Erzählter, eine Berührung. Ich hob den Kopf, lauschte und wartete darauf, dass jemand lachte. Niemand tat es.
Unsinn. Niemand konnte einen Erzählten anfassen. Das war, als wolle man Rauch greifen oder Licht festhalten. Ich schnaubte leise in mein Bier, mehr Spott als Erstaunen. Vielleicht waren die beiden einfach betrunken, vielleicht dümmer als der Durchschnitt – beides kam in diesen Zeiten häufig vor. Ich trank nicht; das Bier roch, als hätte man irgendwo im Wald einen der sieben Zwerge vergessen, bis er alt und faulig geworden war. Mein Blick glitt zum Wirt, der sich mit dem Tuch, mit dem er sonst die Krüge abtrocknete, laut in die Nase schnäuzte. Ich sah wieder auf den Krug, stellte ihn weg und schob ihn von mir. Die ehrliche Verachtung für das Faulige half, den eigenen, inneren Hunger zu ertragen.
Das Gespräch hinter mir verblasste, und ich wandte mich dem Spiegel über der Theke zu. Das Glas war blind, zersprungen, von grauen Schlieren durchzogen. Es vibrierte fast, als wüsste es, dass ich hinsah. Dieser Spiegel war das Gegenteil von jenem, aus dem ich entsprungen war, den der bösen Königin.
Ich dachte wieder an den Hunger. An diesen jämmerlichen Begleiter, der sich wie Fieber durch meine Venen fraß. Er richtete sich auf alles, was unberührt schien, auf das, was zu vollkommen war, um zu existieren. Ich wollte es berühren. Wollte sehen, was meine Hand damit anrichtete. Der Gedanke ekelte mich an, und doch war er mir so vertraut wie mein Atem.
Ich sah auf meine Hand. Die Haut dort war vernarbt, alt, unruhig. Ich hatte mich selbst verbrannt, um zu prüfen, ob Schmerz das Feuer in mir löschen konnte. Er konnte es nicht, aber er gab mir wenigstens Grenzen. Schmerz war ehrlich, anders als mein Ursprung, anders als mein Hunger.
Hinter mir verstummten die Stimmen. Ich blickte noch einmal in den Spiegel. Er zeigte nichts, was es wert war, angesehen zu werden. Das war mir recht. Ich wollte keine Bestätigung, nur Stille.
Ich griff nach dem Krug, drehte ihn in der Hand, beobachtete, wie das trübe Bier zitterte. Kein Spiegelbild, kein Licht. Nur Dunkelheit, die ruhig blieb.
Kapitel 5
Elara
Wie konnte ich das übersehen?
»Lass mich raten«, sagte Tristan schließlich, »du warst so betrunken, dass du es gar nicht wirklich bemerkt hast, hab ich recht?«
Ich zog die Augenbrauen zusammen. Er kannte mich zu gut. »Nein, verdammt. Heute Morgen war ich noch relativ nüchtern«, murmelte ich. »Aber was macht das für einen Unterschied?«, fragte ich und ließ mich wieder auf meinen Platz sinken. Meine Beine fühlten sich schwer an, wie aus Blei gegossen. Ich winkte Gustav zu. Ich brauchte dringend mehr Alkohol. Alles fühlte sich leichter an, wenn mein Kopf vernebelt war.
»Was das für einen Unterschied macht? Einen gewaltigen!« Tristans Augen funkelten seltsam. Ich konnte nicht sagen, ob es Aufregung oder Wahnsinn war. Wahrscheinlich beides. »Ich muss unbedingt versuchen, ob ich auch jemanden von ihnen berühren kann. Wenn wir sie berühren können, dann sind wir Teil ihrer Welt.«
Seine Worte hallten in mir nach. Teil ihrer Welt. Teil einer Welt, die uns nie wollte.
»Hör auf, an Märchen zu glauben, Tristan«, stöhnte ich verbittert.
Ich wollte nichts Positives an unserer Situation sehen. Positives bedeutete Hoffnung, und Hoffnung war das grausamste Märchen von allen. Ich brauchte nur noch einen Grund, um mich zu betrinken – oder besser gesagt, einen weiteren Grund, neben den hundert, die ich schon hatte.
»Vielleicht liegt die Wahrheit auch irgendwo dazwischen«, sagte eine Stimme hinter mir. Mein Nacken zog sich sofort zusammen. Fremde Stimmen bedeuteten selten etwas Gutes in dieser Welt.
Noch bevor ich mich umdrehen konnte, setzten sich die zwei Männer, die ich vorher schweigend am Tisch gesehen hatte, links und rechts von uns. Ihr Auftreten hatte etwas Besitzergreifendes, als gehöre ihnen plötzlich der Raum.
»Das ist aber nicht die feine Art, sich einfach in Gespräche einzumischen und sich dann noch ungefragt an den Tisch von irgendwelchen Leuten zu setzen«, spottete Tristan mit gespielter Gelassenheit. Ich wusste, dass er bluffte. Hinter seiner Stimme lag dieselbe Nervosität, die mir das Blut in den Adern gefrieren ließ.
Einer der Männer, der mit der Schnittwunde im Gesicht, hob eine Hand, um ihn zum Schweigen zu bringen. Sein Blick ruhte unverschämt lange auf mir – wie Schimmel an feuchtem Holz.
Ich musste würgen, als ich den süßlichen Geruch von Verwesung wahrnahm, der von den beiden ausging. Es war der Geruch von Dingen, die längst tot sein sollten, aber zu stolz waren, sich begraben zu lassen. Da war mir Gustavs Quellfett deutlich lieber.
Die Made, die sich inzwischen in dem Ohr des Mannes eingenistet hatte, reckte sich in meine Richtung. Für einen Moment hatte ich das Gefühl, das Ding würde mich ansehen.
»Höflichkeiten sind überbewertet«, begann einer der beiden schließlich. »Wir beobachten euch schon eine Weile, und dies ist nicht der Ort, an dem ihr bleiben solltet. Für diesen Moment aber ist er der Richtige.«
»Ach nein?« Ich lachte auf. Mein Lachen klang hohl, wie ein Messer, das über einen leeren Teller kratzte. »Dann erzählt uns doch mal, wo wir stattdessen sein sollten? In einem prachtvollen Schloss voller Hexen, die Kinder mästen, obwohl sie ihr eigenes verfluchtes Lebkuchenhaus fressen könnten?«
»Gewiss nicht«, fuhr der Mann mit der Schnittwunde fort. »Hexen leben im Wald und nicht in Schlössern«, sagte er trocken. »Wir denken, ihr seid genau am richtigen Ort. Jedenfalls was diesen Moment betrifft. Und vielleicht gibt es einen Weg, der Welt eine gewisse Ordnung zurückzugeben.« Er tauschte einen Blick mit seinem Gefährten, der zögerlich nickte.
Ordnung. Ein schönes Wort für jemanden, der nach Tod und Moder stank.
»Und was haben wir damit zu tun?«, fragte ich und kniff die Augen misstrauisch zusammen. Ich wollte keine Antwort hören, die zu sehr nach Schicksal klang.
»Wir haben gehört, dass du Rotkäppchen berühren konntest. Der Schleier ist gefallen, und im Gegensatz zu den anderen hier im Raum hast du dich noch nicht selbst aufgegeben, auch wenn du es dir gerne einredest.«
Die Worte brannten wie Salz in einer offenen Wunde. Nicht aufgegeben? Ich war doch schon längst am Ende. Wie wir alle. Nur zu feige, es laut zu sagen.
»Und weiter?«, fragte ich und zwang mich, möglichst gleichgültig zu klingen. Ich durfte ihnen keine Schwäche zeigen. Nicht hier. Nicht jetzt.
»Habt ihr euch nie gefragt, wieso all das passiert?«, fuhr er gelassen fort.
»Natürlich haben wir das. Aber nichts ergab auch nur ansatzweise einen Sinn.« Ich nahm einen tiefen Zug aus meinem Krug, doch der Alkohol schmeckte heute mehr nach Verzweiflung als nach Erlösung. Irgendetwas führten diese beiden im Schilde, ich wusste nur noch nicht, was, aber es roch nicht nach Rettung.
»Die Antwort darauf werdet ihr sicherlich nicht in einer schäbigen Taverne finden.«
»Aber bei euch schon?«, fragte ich angriffslustig, mehr aus Trotz als aus Überzeugung.
Der mit der Schnittwunde schüttelte den Kopf. »Nein, bei uns gewiss nicht.«
Tristan ließ den Kopf auf die Tischplatte sinken. »Ich glaube, allmählich erfasst mich der gleiche Wahnsinn, der über die Erzählten gekommen ist.« Ich schlug ihm mit der flachen Hand gegen den Hinterkopf, um ihm zu signalisieren, dass er sich zusammenreißen sollte. Als er den Kopf hob, klebte Schimmel an seiner Stirn. Ich schnippte es weg, weil er damit lächerlich aussah. So viel zur glorreichen Existenz der Unerzählten. Schimmel und Verzweiflung, das war alles, was von uns blieb.
»Also gut, ihr zwei Hampelmänner wisst, dass es einen Grund gibt, aber nicht, welcher es ist. Habe ich das richtig verstanden?«, fragte ich.
»Das haben wir nicht gesagt«, raunten die Männer unisono.
»Und wie soll uns das jetzt helfen?«, fragte ich gereizt. Ich hasste es, wenn jemand Geheimnisse andeutete, nur um sie nicht zu verraten. Sie wollten mit uns spielen, aber dieses Spiel würde ich gewiss nicht mitspielen. Ich wollte einfach nur hier sitzen und trinken.
»Hör zu. Wir gehören nicht zu dieser Welt. Wir sind hier lediglich … gestrandet. Da, wo wir herkommen, nannte man uns Erzähler.«
»Ihr seid … Erzähler?«, fragte Tristan langsam. »Dann dürftet ihr gar nicht hier sein.«
Der mit der Schnittwunde schüttelte den Kopf, wie eine Mutter, die ihrem Kind eine Lektion erteilt. »Das ist wohl die Definition von gestrandet.«
»Mir kommt es sehr verdächtig vor, dass wir euch vorher noch nie hier gesehen haben«, murmelte Tristan misstrauisch.
»Oh, das könnte daran liegen, dass wir heute zum ersten Mal hier sind«, flüsterte der Mann mit der Schnittwunde.
Der Zweite beugte sich vor, viel zu nah, und sah mich an, als könnte er durch meine Haut hindurch bis in den Kern meiner Geschichte greifen. »Du trägst mehr Gewicht, als diese Welt dir zugesteht«, murmelte er. Seine Finger zuckten, als wollte er mich berühren, doch er ließ sie in der Luft hängen, wie ein Sammler vor einem seltenen Fundstück. »Erstaunlich, wie wenig ihr Unerzählten begreift, was ihr eigentlich seid.«
»Das wird mir zu verrückt. Ich kann schon sehen, ihr verrückten Schimmelpilze«, knurrte ich und sprang wütend auf. Meine Stiefel knarrten auf den morschen Dielen. »Los, Tristan, beweg deinen Hintern, wir verschwinden.«
Tristan erhob sich und wollte mir folgen, als einer der Männer mit einem bitteren Lächeln sagte: »Es muss schmerzlich sein, nur zu existieren, weil eine Magd sich nichts sehnlicher wünschte, als für eine einzige Nacht eine andere zu sein und auf einem Ball mit einem schönen Prinzen zu tanzen. Und als dieser Wunsch in Erfüllung ging, warst du da – ein Abfallprodukt ihres Traums.«
Die Worte trafen mich wie ein Schlag ins Gesicht. Abfallprodukt. Nichts weiter als der Rest eines Wunsches, den niemand je für mich ausgesprochen hatte.
Langsam drehte ich mich um und musterte die Männer. »Woher wisst ihr das?«
Der Mann schwieg und wandte sich stattdessen Tristan zu. »Und du?« Er ließ sich Zeit, ehe er weitersprach.
Ich sah zu Tristan. Er wirkte plötzlich blass, fast kränklich. Er presste die Lippen zusammen, unfähig, etwas zu sagen. Vielleicht wollte er genauso wenig wie ich daran erinnert werden, dass wir beide nur der Bodensatz von Geschichten waren, die niemand erzählen wollte.
Der Mann mit der Schnittwunde ließ seinen Blick über Tristan gleiten, als würde er eine alte, vergilbte Seite lesen. Dann hob er langsam das Kinn und sprach mit einer Stimme, die sich anhörte, als wäre sie aus brüchigem Papier gemacht.
Er verschränkte die Hände, als wolle er selbst etwas abwiegen. »Eine verzweifelte Müllerstochter, die einen Handel mit einem garstigen Männlein abgeschlossen hatte. Richtig?«
Tristan schluckte. Wir hatten nie darüber gesprochen, wie wir entstanden waren. Keiner von uns wollte das Mitleid des anderen. Es war ohnehin schlimm genug, dass ein jeder Unerzählter wusste, wieso er existierte. Und nun saßen hier diese beiden faulenden Männer und wussten mehr, als sie wissen konnten.
Der Fremde fuhr unbeirrt fort: »Als Rumpelstilzchen die Magie wirken ließ und das Stroh zu Gold wurde, fraß sich die Kraft tief in die Geschichte. Solche Verwandlungen sind nie rein. Sie hinterlassen Reste. Rückstände. Abfall. Dich.«
Wir setzten uns zurück an den Tisch. Mein Herz schlug hart, viel zu schnell, als würde es mich verraten wollen.
»Woher wisst ihr das alles?«, fragte ich erneut und spürte, wie sich meine Kehle zusammenzog. Vielleicht wollte ich die Antwort gar nicht hören. Vielleicht war sie schlimmer als alles, was ich mir je ausgemalt hatte.
»Nun, ganz einfach«, sagte der mit der Schnittwunde. »Wir sind diejenigen, die die Geschichten geschrieben haben. Mein Name ist Wilhelm und das«, er deutete auf den anderen Mann, »ist mein Bruder Jacob.«
- Ende der Leseprobe -
Ich hoffe, die Leseprobe hat euch gefallen und euer Interesse geweckt.
Die Veröffentlichung von Die Chroniken der Unerzählten – Band 1 ist für März geplant.
Wenn ihr Gedanken, Fragen oder erste Eindrücke habt, könnt ihr sie gern in den Kommentaren dalassen.

So liebe Sabrina jetzt bin ich heiss wie Frittenfett auf diese Trilogie
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