Wie es zu meiner Dark-Fantasy-Trilogie kam

Ich hing mal wieder ziellos bei Thalia herum, irgendwo zwischen Neuerscheinungen, überteuerten Special Editions und diesem völlig irrationalen Gefühl von: »Ich schaue nur. Ich kaufe nichts.« Gelogen wie immer. Buchhandlungen sind schließlich keine Orte der Selbstkontrolle. Sie sind hübsch beleuchtete Fallen mit Rabattaufklebern.

Ein paar Schritte weiter standen zwei ältere Damen und führten eines dieser Gespräche, die man eigentlich gar nicht hören möchte und trotzdem zwangsläufig mithört, weil Menschen in Buchhandlungen offenbar automatisch in Podcast-Lautstärke sprechen. Es ist faszinierend. Kaum stehen drei Regale und ein Tisch mit Neuheiten im Raum, sendet der menschliche Kehlkopf öffentlich-rechtlich.

Sie redeten über Märchen. Über die Brüder Grimm. Über Verantwortung. Also über dieses besonders angenehme Thema, bei dem Erwachsene so tun, als hätten Kinder früher ausschließlich Wattebäusche, Apfelmus und emotional betreute Sonnenuntergänge konsumiert.

Und dann fiel dieser Satz:

 

»Ich kann nicht verstehen, dass man die Märchen der Grimms heute noch erzählt. Das kann man Kindern nicht zumuten. Eltern, die so etwas machen, sind verantwortungslos.«

Ich stand daneben und dachte nur: Ernsthaft?

Es gibt diesen einen Moment, in dem man als Autorin merkt, dass man nicht einfach nur zufällig einen Satz gehört hat, sondern gerade live dabei ist, wie sich eine ganze Kulturdebatte in einem Buchhandlungsregal die Schuhe auszieht und es sich bequem macht. Sehr schön. Genau das hatte mir noch gefehlt. Ich wollte eigentlich nur Bücher anschauen und nicht kostenlos eine Moralpanik mitnehmen.

Aber genau in diesem Moment wurde mir klar, warum mich viele moderne Diskussionen über Literatur inzwischen so ermüden. Dunkelheit wird viel zu oft mit Verantwortungslosigkeit verwechselt. Als wäre alles, was weh tut, automatisch falsch. Als müssten Geschichten erst weichgekocht werden, bevor man sie jemandem zumuten darf.

 

Warum saubere Märchen langweilig lügen

 

Ich bin mit diesen Geschichten groß geworden. Mein Vater erzählte sie mir abends vor dem Schlafengehen. Auf Kassette liefen die alten Versionen, die bis heute irgendwo in meinem Kopf wohnen und sich konsequent weigern auszuziehen. Da bekam Schneewittchens Stiefmutter ihre glühenden Pantoffeln verpasst. Punkt. So muss das sein.

Und ja, als Kind fand ich es äußerst befriedigend, dass sich die Stiefschwestern von Aschenputtel die Füße verstümmelten und Tauben ihnen die Augen auspickten. Pädagogisch fragwürdig? Möglicherweise. Unterhaltsam? Definitiv.

Märchen waren nie harmlos. Sie rochen nach Hunger, Angst, Gewalt, Verlust und Konsequenz. Nicht nach pädagogisch geprüfter Kuscheldecke mit Bildungsauftrag. Genau deshalb haben sie funktioniert. Kinder sind nämlich nicht automatisch zerbrechliche Porzellanhamster, nur weil Erwachsene bei jedem dunklen Motiv sofort das innere Krisenteam einberufen.

Die alten Märchen haben mir nicht geschadet. Sie haben mir gezeigt, dass Handlungen Folgen haben. Dass Bosheit nicht immer mit einem Gesprächskreis endet. Dass Gier, Neid und Grausamkeit nicht einfach aus der Handlung spazieren, nur weil sich jemand dabei wohler fühlt.

 

Die weichgespülten Märchen

 

Später saß ich sonntagmorgens mit meiner Oma vor Märchenverfilmungen. Viele davon hatten mit den Geschichten, die ich kannte, nur noch entfernt etwas zu tun. Je nach Version wurde die böse Stiefmutter einfach nur hässlich. Oder alt. Oder sie verschwand kommentarlos aus der Handlung, als hätte irgendjemand im Drehbuch beschlossen, dass Konsequenzen heute unhöflich wirken.

Das irritierte mich schon damals. Ich wollte sehen, wie Konsequenz aussieht. Mordlustige Tauben hätten mein Kinderherz ehrlich erfreut.

Vielleicht war ich aber auch einfach früh ein wenig zu begeistert von Blut, Gemetzel und moralischer Vergeltung. Andere Kinder sammelten Diddlblätter. Ich hatte andere Prioritäten.

Aber genau darum geht es. Diese alten Geschichten waren nicht deshalb stark, weil sie sauber waren. Sie waren stark, weil sie etwas ausgehalten haben. Grausamkeit. Schuld. Strafe. Angst. Den ganzen unangenehmen Rest, den moderne Debatten so gern aus der Literatur herausoperieren möchten, als wäre Dunkelheit ein Hautunreinheitenproblem.

 

Der Moment, in dem der Plot die Tür eintrat

 

Als ich an diesem Tag die Buchhandlung verließ, klopfte der Plot an meine Gehirnwand. Nicht höflich. Eher so, als würde er gleich die Tür eintreten, den Kühlschrank durchsuchen und mir erklären, dass mein ruhiger Tag nun leider abgesagt sei.

Mir wurde plötzlich klar: Ich musste eine Dark-Fantasy-Geschichte schreiben. Nicht über die sauberen Versionen von Märchen. Nicht über weichgespülte Moral. Sondern über das, was passiert, wenn Märchen verfallen.

Wenn Geschichten kaputtgehen. Wenn Konsequenzen bleiben. Wenn die Ordnung nicht mehr funktioniert und niemand freundlich genug ist, vorher eine Triggerwarnung an den Waldrand zu nageln.

Wäre ich an diesem Tag nicht zufällig in dieser Buchhandlung gewesen, gäbe es Die Chroniken der Unerzählten vermutlich nicht. Dann hätte ich wahrscheinlich einfach den nächsten Psychothriller geschrieben und mein Leben wäre insgesamt deutlich ruhiger verlaufen. Psychisch stabiler zwar nicht. Aber ruhiger.

 

Wie aus einer Idee eine Trilogie wurde

 

Während ich Band 1 schrieb, kam der Wahnsinn irgendwann an meinen Schreibtisch, grinste mich an und brüllte: »Trilogie.«

Ich hielt das zunächst für eine ausgesprochen schlechte Idee. Leider war es gleichzeitig eine gute Idee. Also gab ich irgendwann nach, starrte auf mein Manuskript und murmelte nur noch: »Na schön. Dann eben Trilogie.«

Geplant war davon ursprünglich nichts. Wirklich nichts. Sehr professionelle Arbeitsweise. Man liebt es, wenn ein einzelner belauschter Satz in einer Buchhandlung beschließt, künftig mehrere Jahre Lebenszeit zu fressen.

Am Ende wurde daraus eine Geschichte darüber, was passiert, wenn Märchen nicht entschärft werden. Wenn sie ernst genommen werden. Wenn Regeln brechen. Wenn Hoffnung gefährlich wird. Und wenn Geschichten anfangen, sich gegen ihre eigene Ordnung zu wehren.

 

Worum es in Die Chroniken der Unerzählten wirklich geht

 

Vergiss alles, was du über Märchen zu wissen glaubst.

Die Märchenwelt zerfällt. Helden vergessen, wofür sie stehen. Flüche verlieren ihr Ziel. Geschichten laufen weiter, obwohl ihr Sinn längst verbraucht ist.

Elara ist eine der Unerzählten. Geboren aus dem Rest fremder Wünsche. Geduldet, solange sie unsichtbar bleibt.

Im Dreibeinigen Henker, einem Ort für Gestrandete und Vergessene, versucht sie ihre Erinnerungen zu ertränken, bis sie eine Grenze überschreitet, die niemals hätte fallen dürfen.

Sie berührt Rothkäppchen.

Und plötzlich richten sich Blicke auf sie, die besser weitergeschlafen hätten.

Die Brüder Grimm treten aus dem Schatten und sprechen von einem Riss in der Ordnung. Von Mächten, die reagieren, wenn Regeln gebrochen werden. Sie bieten Elara etwas, das ihr nie zustand: eine Wahl.

Gemeinsam mit anderen Unerzählten zieht sie nach Westen. Durch Orte, an denen Märchen längst zu Prüfungen geworden sind. Denn in einer Welt, die von Geschichten zusammengehalten wird, ist Hoffnung kein Trost.

Sie ist eine Einladung, alles zu verlieren.

 

Warum ich diese Geschichte schreiben musste

 

Vielleicht hat mich dieser Satz in der Buchhandlung deshalb so getroffen, weil er für etwas Größeres steht. Für die Idee, dass Geschichten nur noch existieren dürfen, wenn sie weich genug sind. Wenn sie niemandem wehtun. Wenn sie alle Kanten verlieren, bis am Ende nur noch eine brave Handlung mit moralisch desinfizierten Figuren übrig bleibt.

Aber Märchen waren nie harmlos. Sie handelten von Hunger. Von Gewalt. Von Angst. Von Verlust. Von Konsequenzen. Sie waren Warnung, Trost, Drohung und dunkle Erinnerung zugleich.

Und genau deshalb haben sie überlebt. Nicht trotz ihrer Dunkelheit. Sondern wegen ihr.

 

Wenn du also wissen willst, was passiert, wenn Märchen nicht gerettet werden, sondern langsam auseinanderbrechen, dann solltest du vielleicht einen Blick in Die Chroniken der Unerzählten werfen.

 

Aber beschwer dich später nicht bei mir, wenn du danach plötzlich wieder die alten Grimm-Versionen bevorzugst.

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