
»Sind Sie sich wirklich sicher, dass wir das verantworten können, Dr. Mendez?«, fragte Professor Siebert und blickte über den Rand seiner Brille. Sein Ausdruck ließ keinen Zweifel daran, wie ernst ihm die Frage war.
Entschlossen schob Dr. Frieda Mendez die Akte von Andreas Winter über den Tisch. »Das Gericht hat dem Antrag zugestimmt, Professor. Wenn Sie Bedenken zu meinen Ausführungen haben, sagen Sie es bitte.«
Er schüttelte kurz den Kopf und zog die Akte zu sich heran. »Ich habe Ihr Gutachten gelesen. Auf dem Papier sieht es gut aus: stabiler Eindruck, Krankheitseinsicht, klare Auflagen. Aber mein Gefühl sagt mir, dass es zu früh ist. Dieser Mann hat seine eigene Tochter missbraucht und ermordet. Das vergessen viele gern, ich jedoch nicht. So etwas lässt sich nicht einfach abschließen, als wäre es erledigt.«
Er stieß leise die Luft aus und strich mit dem Daumen über den Aktenrand. »Die Medien werden uns zerreißen.«
Mendez verschränkte die Finger auf der Tischplatte. »Es wäre nicht das erste Mal, Professor. Das wissen Sie doch. Aber jetzt geht es nicht um die Meinung der Öffentlichkeit.«
Sie wartete, ob Siebert noch weitere Zweifel äußern wollte. Da er schwieg, fuhr sie fort: »Ich begleite Herrn Winter seit fast sieben Jahren. In dieser Zeit hat er gelernt, seine Symptome zu erkennen, mit Risikosituationen umzugehen und sich selbst kritisch zu reflektieren. Die psychotische Grundstruktur besteht zwar weiterhin, ist aber seit Jahren kompensiert. Er hat keine aktiven Wahninhalte mehr gezeigt, auch unter Belastung nicht. In Gesprächen, ob in Gruppen oder im Einzelsetting, hat er konstant Einsicht und Reue gezeigt. Der Hutmacher ist für ihn heute das, was er war: eine Konstruktion, die ihm geholfen hat, das Unerträgliche abzuspalten.«
Sie machte eine kurze Pause. »Die Entlassung erfolgt unter engmaschigen Auflagen. Kein Kontakt zu Kindern, regelmäßige therapeutische Nachsorge, eine kontrollierte Wohnsituation ist gesichert. Wir sprechen nicht von einem Schritt ins Unbekannte, sondern von einem Übergang mit Netz.«
Ihre Argumente und die schriftliche Einschätzung waren fundiert und lückenlos. Und doch blieb dieser eine Gedanke, den sie sich nicht erlaubte, laut auszusprechen: Das, was ich geschrieben habe, stimmt nicht mit dem überein, was meiner Meinung nach wirklich auf Andreas Winter zutrifft.
Der Stuhl knarrte leise, als Professor Siebert sich zurücklehnte. »Ich stelle Ihre Fachlichkeit nicht infrage, Dr. Mendez. Und ich sehe, was Sie sehen. Aber manche Patienten tragen etwas in sich, das sich nicht erfassen lässt. Ich hoffe, wir irren uns bei diesem nicht.«
Er griff nach der Mappe, klappte sie auf und nahm einen Stift. Für Frieda wirkte die Bewegung einen Hauch zu langsam, als müsste er sich selbst erst davon überzeugen, weiterzumachen. Der Stift schwebte über dem Papier, ein winziger Stillstand, der sich länger anfühlte, als er dauerte.
Dann setzte er an. Das Kratzen der Mine war das einzige Geräusch im Raum.
Er legte den Stift beiseite und atmete einmal durch. »Ab morgen ist Herr Winter ein freier Mann.«
Erik Wagner hätte den Abend lieber mit Chips auf dem Sofa verbracht, begleitet vom neutralen Rauschen irgendeiner Netflixserie. Stattdessen stand er an diesem Donnerstagabend in einer schummrigen Kneipe in der Hildener Innenstadt und spürte, wie jede Faser seines Körpers sich gegen diese Situation sträubte. Der Geruch von Bier, altem Holz und feuchten Jacken lag in der Luft und ließ ihn frösteln, obwohl es nicht kalt war.
Frau Schlüter, die frühere Mathelehrerin, hatte das Klassentreffen des Abijahrgangs 2011 organisiert, war aber selbst nicht erschienen. Viele hatten abgesagt. Geblieben war der harte Kern, jene, die über die Jahre hinweg den Kontakt gehalten hatten. Zu ihnen zählte er längst nicht mehr.
Die Kneipe war inzwischen in den Händen von Michael Stahl, einem ehemaligen Mitschüler, der heute Verschwörungstheorien verbreitete und einen YouTube-Kanal betrieb. Er sah immer noch aus wie der Star eines Indie-Dramas: weiches Gesicht, schlanke Figur, erstaunlich gut gealtert. Als er Erik sah, winkte er freundlich. Erik nickte zurück und fragte sich, wie jemand mit so einem angenehmen Äußeren so viel Unsinn glauben konnte.
Plötzlich trafen sich ihre Blicke. Etwas in ihm rührte sich, roh und unverbraucht wie früher, als beide noch glaubten, die Welt könne gar nicht so schlimm sein. Julia Winter. Sie sah weg. In seinem Magen zog sich etwas zusammen, ein alter Stich, der nie ganz verheilt war. Die kurze Zeit mit ihr hatte sich tiefer eingegraben, als er es sich eingestehen wollte. Ein Jahr danach wurde ihre kleine Schwester ermordet. Als das geschah, war er nicht an ihrer Seite. Er hatte sich in seinen eigenen Schmerz geflüchtet und geschwiegen. Kein Trost, kein Halt. Heute verstand er, wie erbärmlich das gewesen war.
Ein fester Schlag auf die Schulter riss ihn aus der Starre.
»Na sieh mal einer an, der Herr Wachtmeister gibt sich die Ehre.«
Er erkannte das Grinsen sofort, es war Christian Winter, Julias Zwillingsbruder. Der, der ihm damals die Nase gebrochen hatte. Ohne Grund. Vielleicht, weil Erik der Kleinste war. Oder weil Christian zuschlug, wenn er sich selbst nicht spürte. Oder weil er Eriks große Klappe nicht ertragen konnte. So wie die meisten. Damals wie heute.
Er war breiter geworden, kantiger, aber das Lachen hatte noch immer denselben Klang wie damals. Bevor Erik überhaupt wusste, wohin mit seinen Gedanken, legte Christian ihm ungefragt den Arm auf den Rücken. »Es wurde auch höchste Zeit, dass du auftauchst, die anderen sind schon längst hier«, sagte er und schob ihn zur Gruppe hinüber, die sich um einen großen Holztisch versammelt hatte.
Erik setzte sich neben Sonja. Kaum war er gelandet, lehnte sie sich zu ihm herüber, als hätte sie genau auf diesen Moment gewartet.
»Hab gehört, du bist jetzt bei der Kripo? Echt jetzt? Trägst du ’ne Waffe? Und sag mal … du hast schon mal jemanden erschossen.«
»Ja. Mordkommission. Erschießen durfte ich bisher noch keinen, aber ich kümmere mich um alles, was blutet. Solange draußen Mörder rumlaufen, muss ich mir um meinen Arbeitsplatz keine Sorgen machen.« Er schnaubte leise. »Warum glauben eigentlich alle, dass wir sofort rumballern, sobald Kripo auf dem Ausweis steht?«
»Weil jeder sofort Bilder im Kopf hat«, mischte sich Esther ein. »Immerhin arbeitest du nicht im Kindergarten.« Sie nippte an ihrem Cocktail, den Blick auf Rafael gerichtet, abwartend, wie jemand, der auf eine Reaktion hoffte, um sie genüsslich zu sezieren.
Rafael hob sein Glas, ohne sie anzusehen. »Ich hab heute einen Lego-Turm beerdigt und zwei Fünfjährige durch eine emotionale Ausnahmesituation gebracht. Und du so, Esther? Wieder jemanden öffentlich hingerichtet, um die Taschen ein bisschen voller zu kriegen?«
Ein paar Lacher, gedämpfte Zustimmung. Esther zuckte mit den Schultern, als träfe sie das nicht. Ihr Lächeln wirkte jedoch angespannter als zuvor.
»Männliche Erzieher sind verdammt wichtig, mein Schatz. Lass dir bloß nichts anderes einreden«, sagte Sonja leise und legte ihm die Hand auf den Arm.
»Wäre auch mal schön, durch einen Tag zu kommen, ohne den Verdacht der Pädophilie«, murmelte Rafael und presste die Kiefer zusammen. »Aber na ja, differenzieren ist nicht jedermanns Ding.«
Eriks Blick streifte Esther. Sie ignorierte die Gruppe demonstrativ, starrte ungeduldig auf ihr Handy, als sei jedes Wort hier reine Zeitverschwendung.
Ein Moment des Schweigens legte sich über den Tisch, bevor Sonja mit einem Räuspern die Stimmung auffing. »Ich bin jetzt bei der Stadt. Verwaltungswirtin. Sicherer geht’s kaum, oder?«
Erik nahm einen Schluck und musterte jeden Einzelnen. So viele Gesichter, die ihm vertraut sein sollten und sich doch anfühlten, als gehörten sie zu einem anderen Leben.
Anna saß neben Christian. Sie war noch immer so zierlich, beinahe kindlich und hatte diesen weichen, erschöpften Blick wie früher, wenn sie zu spät zum Unterricht kam.
»Ich arbeite bei Edeka«, sagte sie, als hätte sie seine Gedanken erraten. »Teilzeit. Je nachdem, wann Noelia mich lässt. Manchmal läuft’s, manchmal… na ja.«
»Noelia?«, fragte Erik und hob eine Braue.
»Unsere Tochter, sie ist gerade fünf geworden«, sagte Christian. »Ja, ich weiß. Der Name klingt nach Telenovela. War Annas Idee, nicht meine.«
Anna grinste, streckte ihm die Zunge raus. Christian lachte, holte sein Handy hervor und wischte kurz über das Display. Er hielt Erik das Gerät hin. »Hier, die Chaos-Queen höchstpersönlich.«
Erik sah auf das Foto. Ein kleines Mädchen mit großen Augen und einem verschmitzten Lächeln blickte ihm entgegen. Tatsächlich ein sehr nettes Kind, dachte er kurz. Er nickte und Christian steckte das Handy wieder weg.
Erik drehte sich leicht zu Sonja. »Und ihr?«, fragte er. »Ihr habt doch auch eine Tochter, oder?«
Sonja nickte sofort. »Paula«, sagte sie. »Sie ist im selben Kindergarten wie Noelia. Sie sind sogar fast gleich alt. Die zwei kleben aneinander.«
Erik lächelte kurz, ließ den Blick zu Esther driften. »Bei welcher Zeitung verkaufst du deine Geschichten jetzt?«, fragte er beiläufig, als ginge es um den Wetterbericht.
Sie hob den Kopf, und zum ersten Mal an diesem Abend wirkte sie richtig lebendig. »Bei keiner. Ich bin jetzt freiberuflich unterwegs.« Etwas in ihr flackerte auf, dieses typische Aufflammen, das immer dann kam, wenn es um sie selbst ging. »Ich betreibe den Hildener Tratsch und Klatsch Report.« Sie grinste schmal. »Davon hast du sicher schon gehört.«
»Allerdings.« Er hatte davon gehört, aber nie reingeschaut. Der Tratsch und Klatsch aus Hilden war ihm zuwider. Es reichte ihm, wenn er auf dem Flur die Kolleginnen darüber reden hörte. Dass ausgerechnet Esther diesen Blog betrieb, war ihm neu. Aber es passte zu ihr. Vielleicht würde er bei Gelegenheit doch mal reinschauen und es sofort bereuen.
»Manchmal«, ergänzte Esther, »schreibe ich auch über Leute wie euch. Hätte ich den Blog schon Anfang des Jahres gehabt, wäre sicher das ein oder andere Wort über eure Ermittlungen zum Fall Mia Seiler gefallen. Leider ging er erst im Mai online. Zu schade.«
»Ja, wirklich jammerschade«, nuschelte Wagner und wandte sich ab. Er wollte sich gar nicht vorstellen, welche Probleme es gegeben hätte, wenn sie damals über ihren Fall geschrieben hätte.
Dann blieb sein Blick an Julia hängen. Die blonden Locken fielen weich über die Schultern. Die Augen suchten Felix, ihren Ehemann. Das Gesicht des Mannes war markant geblieben, das dunkle Haar sorgfältig zurückgekämmt, die Brauen exakt gezogen. Ein Mann, der sich selbst kuratierte.
»Und … Julia?« Erik senkte die Stimme und tat so, als musterte er das Glas in seiner Hand.
Sonja antwortete, als hätte sie geübt, über Julia zu sprechen, wenn Julia nicht zuhörte. »Hat vor über einem Jahr ihren Job als Restauratorin aufgegeben. Jetzt…« Sie lachte leise. »Jetzt macht sie in Märchen. Ein Teeladen. Kunstvoll. Esoterisch. Komplett ihr Ding.«
»Felix nennt’s Quatsch«, sagte Anna.
»Für den ist alles Quatsch, was nicht in sein Weltbild passt. Aber er zahlt trotzdem«, meinte Christian. »Der verdient genug. Investmentbanker in Düsseldorf. Scheffelt mehr Kohle im Schlaf, als wir alle zusammen bei Tag.«
Die Gespräche flossen weiter. Irgendwann beugte sich Christian zu ihm. »Wegen der Sache damals, Nase und so. Ich war ein Idiot. Sorry, Mann.«
Erik blinzelte, überrascht, dass Christian nach all den Jahren wirklich darauf zurückkam. Ein kurzes, trockenes Lachen löste sich aus seiner Kehle. »Schon gut. Ist lange her, und die Nase sitzt noch.«
Dann spürte er ihn, den Blick, dem er den ganzen Abend aus dem Weg gegangen war. Etwas in seiner Brust spannte sich, alt und vertraut, ein Echo, das er nicht haben wollte.
Julia sah ihn an, ruhig, fast zu ruhig, als würde sie sich im Zaum halten. Ihre Finger strichen über dieselbe Strähne, immer wieder, obwohl sie längst hinter dem Ohr lag, eine Geste, die mehr mit ihr selbst sprach als mit ihm. Dann stand sie auf. Ihre Schritte waren langsam, zögerlich, als müsste sie sich zu jedem Meter zwingen. Schließlich blieb sie vor ihm stehen, nah genug, dass er ihren Duft wahrnahm. Jasmin. Wie früher.
»Hey«, sagte sie leise. »Ich freu mich, dass du gekommen bist. Ehrlich.«
Sie warf einen kurzen Blick zu Felix, dann sah sie ihn wieder an. »Ich eröffne übermorgen einen Teeladen. Whispering Leaves. Schwanenstraße, gleich unter unserer Wohnung.« Sie lachte leise, aber ohne Lächeln. »Wäre schön, wenn du kommst.«
Sie hatte es schnell gesagt, fast geübt, und war schon auf dem Weg zurück, als hätte sie vor etwas Angst.
Felix sah zu ihm hinüber und presste die Kiefer aufeinander. Dann ein kaum wahrnehmbares Kopfschütteln. Eine Regung in der Bewegung ließ Erik innehalten. Seine Finger schlossen sich fester um das Glas. Nur für einen Moment. Dann ließ er los.
Whispering Leaves, hatte sie gesagt, als wäre es eine Einladung zum Träumen. Aber Erik wusste, Träume hatten in dieser Familie schon einmal im Dämmerlicht geendet. Er zückte sein Handy, trug den Termin ein. Noch wusste er nicht, ob er der Einladung folgen würde. Der Gedanke fühlte sich falsch an. Zu nah. Zu spät.
Doch dann erinnerte er sich: Übermorgen war der dreizehnte Todestag von Lisa Winter.
Und irgendetwas in ihm sagte, dass er besser hingehen sollte.
Die Sonne war längst untergegangen, als Julia durch die stillen Räume des Whispering Leaves ging. Das fahle Licht der Straßenlaternen fiel in Streifen durch die Fenster und wanderte über den Boden. Ihre Hand glitt über die Theke, tastend, als wolle sie sich vergewissern, dass all das wirklich existierte.
Die Möbel glänzten, die Regale waren gefüllt, die Teedosen ordentlich beschriftet. Alles war vorbereitet, und doch blieb etwas in ihr unruhig, ein Rest aus Lärm und Schuld. Jeder Pinselstrich an der Wand, jedes Kissen auf dem Fenstersims trug ihre Handschrift. Lisa hätte es geliebt, besonders den hinteren Raum, wo das Licht durch bunte Glasscheiben fiel, ein Ort wie aus einem Märchenbuch.
Sie dachte an die Abende, an denen sie ihrer kleinen Schwester Geschichten vorgelesen hatte, bis diese eingeschlafen war. Lisa war das Strahlen in ihrem Leben gewesen, und ihre Liebe zu ihr übertraf alles andere auf dieser Welt. Julia erinnerte sich an die Sommernächte im Garten, an das Zelt, in dem sie dicht aneinandergeschmiegt lagen, bis der Morgen dämmerte, und an den Kuchen, den sie mit Christian und ihrem Vater für Lisa gebacken hatte. Am Ende sah er aus wie eine Grinsekatze, die zu lange in der Sonne gelegen hatte, und ihr Vater hatte sie tagelang damit aufgezogen.
Für einen Moment fühlte sie den Trost dieser Erinnerungen. Dann drängte sich das Bild auf, das alles überschattete. Julia schloss die Augen und begann zu zählen. Eins, zwei, drei. Bei sieben vibrierte ihr Handy in der Tasche.
Anna.
»Hey, Süße! Na, nervös? Morgen ist dein großer Tag! Noelia ist auch total aus dem Häuschen, weil sie den ganzen Abend als Prinzessin verbringen darf.«
Julia lehnte sich an die Wand, schloss kurz die Augen und atmete tief aus. »Klingt süß. Ich war gerade hier, wollte noch einmal alles durchgehen, und dann kam es wieder hoch. Lisa. Der Tag. Ich habe mich so wahnsinnig auf die Eröffnung gefreut, aber jetzt habe ich Angst, dass ich es nicht schaffe.«
Am anderen Ende blieb es still, dann sagte Anna leise: »Ich weiß. Es ist kein leichter Tag. Aber vielleicht genau der richtige. Du wirst den Shit so hart rocken, dass die Leute im ganzen Kreis Mettmann sich davon erzählen werden. Ich glaube an dich, und ich weiß, dass du im Grunde auch an dich glaubst. Du hast vermutlich nur etwas Lampenfieber. Und ja, natürlich hängt das auch mit dem Tag zusammen, den du gewählt hast. Aber glaub mir, Lisa hätte das, was du da auf die Beine stellst, richtig krass gefeiert.«
Ein leises Lachen entwich Julias Brust. »Danke, Anna. Ohne dich hätte ich das alles nicht geschafft.«
»Unsinn. Du hast gestrichen, dekoriert, organisiert. Du hast ein ganzes Jahr gearbeitet wie eine Verrückte. Felix hat sich da eher zurückgehalten.«
»Er glaubt nicht an den Laden. Er meint, das alles würde mich auf Dauer kaputtmachen. Ich glaube, er hat einfach Angst, dass sich wieder etwas verändert. Er zieht sich zurück, wenn er die Kontrolle verliert. Das war schon immer so.«
»Hast du was anderes von ihm erwartet?«, fragte Anna in einem Tonfall, der klar signalisierte, dass er sich nie ändern wird.
»Nein. Er wählt immer den sicheren Weg, den ohne Risiko. Ich weiß, dass er es gut meint, aber manchmal wünschte ich mir, er würde einfach hinter mir stehen. Nur einmal stolz auf mich sein.«
Anna seufzte leise. »Ihr habt gerade viel zu tragen. Andreas ist heute angekommen, oder?«
»Ja. Vor ein paar Stunden. Er war still, müde, fast durchsichtig. Er schläft vorläufig im Gästezimmer. Felix gefällt es nicht, dass er bei uns ist. Ich weiß, dass er es nur mir zuliebe erträgt.«
Auf Annas Seite entstand eine kurze Pause. »Ich bin ehrlich gesagt froh, dass er bei euch ist. Bei uns konnte er wegen der Auflagen nicht wohnen, du weißt ja. So ist es besser für alle. Er ist in der Familie, und du passt auf ihn auf.«
»Ich hoffe, dass es funktioniert. Ich weiß nicht, ob ich ihm helfen kann, wieder ins Leben zu finden. Er wirkt wie jemand, der längst aufgegeben hat.«
»Gib ihm Zeit. Und du weißt, ich habe nie geglaubt, dass er Lisa etwas angetan hat«, sagte Anna leise.
Julia schwieg. Ihr Blick glitt zu dem Regal mit den Teedosen. Auf einer stand Lisas Lieblingssorte, Jasminblüte. Sie spürte, wie ihr die Kehle eng wurde. Worte und Gedanken passten selten zusammen.
»Und weißt du was?«, sagte Anna nach einer kurzen Pause. »Scheiß auf Felix. Du hast das alles für dich gemacht und für Lisa. Du hast ihr etwas zurückgegeben. Felix wird sich schon wieder beruhigen. Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Und sobald das Whispering Leaves läuft, wird er sehen, dass das die beste Idee war, die du je hattest. Aber mal was anderes: Habe ich das gestern Abend richtig verstanden, dass du Erik auch zur Eröffnung eingeladen hast?«
Julia erstarrte für einen Moment. Ihr Herz reagierte schneller als ihr Kopf. »Ja. Ich habe ihn eingeladen.« Sie zwang sich zu lächeln, obwohl Anna das nicht sehen konnte. »Ich weiß nicht, ob er kommt. Es wäre schön. Aber auch seltsam.« Sie suchte nach den richtigen Worten, fand aber keine. »Ich habe damals viel falsch gemacht. Es war ein dummer, impulsiver Moment, und ich habe einfach Schluss gemacht, ohne ihm zu erklären, warum. Ich dachte, so würde alles ruhiger werden. Aber es wurde nur schlimmer. Es hat nie wirklich aufgehört, wehzutun. Die erste große Liebe ist einfach verdammt kompliziert.«
Anna seufzte bewusst theatralisch. »Die erste große Liebe vergisst man nie. Ich denke ja auch manchmal an Dennis.«
Julia hob überrascht die Augenbrauen. »Dennis? Nicht ernsthaft?«
Dennis war Annas allererster Freund gewesen. Die Romanze hielt ganze sechs Monate.
»Ja, unfassbar, oder? Ich weiß, er war furchtbar eitel und hat beim Küssen immer auf meine Nase gestarrt.«
Julia lachte. »Christian bekommt das hoffentlich besser hin.«
»Ja, schon… nur.« Das kurze Stocken dahinter verriet mehr, als Anna vermutlich beabsichtigt hatte. »Seit wir Noelia haben, ist es im Schlafzimmer etwas ruhiger geworden.«
Der Satz traf Julia unerwartet. Ein winziger Bruch darin ließ sie stutzen, kaum wahrnehmbar, aber nicht zu überhören. Für einen Moment zog es sie in die Richtung einer Frage, doch sie ließ den Gedanken wieder fallen.
»Aber Erik und du«, sagte Anna schließlich, um den Faden wieder aufzunehmen. »Ich war damals sicher, dass ihr zwei heiratet und im Garten eine Hängematte aufhängt.«
»Das hätte zu uns gepasst. Aber das Leben hatte andere Pläne«, sagte sie und drehte die Teetasse zwischen den Fingern. Der Gedanke schmeckte bitterer, als sie erwartet hatte.
»Und trotzdem wärst du barfuß über den Rasen gelaufen.«
»Ja, vielleicht«, sagte Julia leise. Ihr Blick blieb an der Teetasse hängen. Dieses ›Was wäre, wenn‹ war ein Gedanke, der sie immer wieder eingeholt hatte, wann immer jemand Eriks Namen aussprach.
»Ich sollte jetzt wirklich auflegen«, sagte Anna. »Noelia muss ins Bett.«
»Gib ihr einen dicken Kuss von mir.«
»Mach ich. Und du? Schlaf ein bisschen. Du bist bereit für morgen. Lisa wäre stolz auf dich.«
»Lieb dich.«
»Lieb dich mehr.«
Das Gespräch endete, aber Julia blieb noch einen Moment stehen. Die Dunkelheit im Raum war weicher geworden. Sie stellte sich Noelia im Kleidchen vor, wie sie lachend durch die Gänge lief. Schön. Fast zu schön. Julia schloss die Augen. Nur für einen Moment. Nur bis das Zittern aufhörte. Dann fiel die Tasse zu Boden.
Erik betrat das Whispering Leaves, Julias Teehaus, mit gemischten Gefühlen. Ein süßlicher Duft schlug ihm entgegen.
Alles roch zu sauber, zu durchdacht. Warmes Licht schwebte wie Nebel durch den Raum, warf Schatten auf Vorhänge und Stoffpolster, die zum Einsinken einluden. Märchenfiguren aus Porzellan thronten zwischen Kännchen und Tassen, starrten ihn mit glasigen Augen an. Sein Blick blieb an einem übervollen Regal hängen: Märchenbücher, fein säuberlich sortiert.
Ein Hauch Zimt. Erik wollte das alles kitschig finden, überinszeniert. Und doch, das hier war kein gewöhnlicher Ort. Die Details wirkten zu perfekt, wie eine Szene, die auf etwas hinwies, das nicht ausgesprochen wurde.
Dann regte sich etwas. Hinter einem Vorhang flitzte etwas Helles vorbei. Ein blondes Mädchen in einem Kostüm huschte durch eine kleine Tür in den Hinterhof. Erik folgte der Bewegung mit dem Blick. Auf einem Schild stand: Kein Zutritt für Gäste. Noelia. Er erinnerte sich an das Foto auf Christians Handy.
Erik ließ den Blick schweifen. Sonja, Christian, Rafael, Anna. Bekannte Gesichter, eingefasst in märchenhafte Kulissen. Gelächter hallte durch den Raum, das leise Gekicher einer Erinnerung, der letzte Abend des Klassentreffens, zu viel Wein, zu viele alte Geschichten.
Am großen Tisch vorn sortierte Julia Teedosen, konzentriert, fast zeremoniell. Felix saß daneben, der Blick leer, als würde er die Show nicht sehen oder nicht sehen wollen. Esther schwebte durch den Raum wie eine Spukgestalt mit Notizblock, immer auf der Jagd nach etwas Berichtbarem.
Etwas an der Szenerie ließ Erik wachsam werden. Die Gesichter, das Lachen, der süßliche Duft. Alles wirkte einen Hauch zu vertraut, zu abgestimmt, wie eine Kulisse, in der jemand die Vergangenheit auf Hochglanz poliert hatte.
»Ach nee, du auch hier? Gibt’s eigentlich einen Ort, an dem ich mal nicht über dich stolpern muss?«
Erik drehte sich um. Frank Kessler stand da, wie aus dem Boden gewachsen. Breit, wettergegerbtes Gesicht, graue Schläfen, die Stirn in tiefe Falten gelegt. Er sah sich nicht um, er taxierte. Der ganze Teehauszirkus schien ihn zu irritieren, ohne dass er es sagte.
»Oh Frank, wie es scheint, führt das Schicksal uns immer wieder zusammen. Ich hätte nicht gedacht, dich an so einem kitschigen Ort zu treffen.«
»Das Gleiche könnte ich auch über dich sagen.« Frank ließ den Blick schweifen, sein Ausdruck blieb finster. »Du trinkst doch sonst nur Kaffee, der nach verbranntem Asphalt schmeckt. Was willst du hier? Kamillentee mit Kandis?«
»Julia hat mich eingeladen. Wir sind uns beim Klassentreffen über den Weg gelaufen.« Erik deutete auf den Tisch, wo Julia immer noch Teedosen sortierte. »Eigentlich nicht mein Stil, das alles, aber sie hat sich Mühe gegeben. Und mal ehrlich, so was sieht man in Hilden nicht jeden Tag.«
Frank nickte in ihre Richtung. »Das ist Julia Winter, oder? Wusste gar nicht, dass ihr euch kennt. Aber gut. Hilden ist recht übersichtlich.« Er fuhr sich über das Gesicht. »Ich weiß noch, wie wir damals ihren Vater rausgeholt haben. Der Blick von dem Kerl, als hätte er längst abgeschlossen. Und Lisa…« Er brach ab, schluckte schwer und fuhr fort: »Seitdem kann ich mir diesen Alice-Film nicht mehr anschauen. Kriegt ’n Beigeschmack, wenn man weiß, was im echten Kaninchenbau passiert ist.«
Er schüttelte heftig den Kopf, um die Bilder aus der Vergangenheit zu vertreiben. »Was mich angeht, bin ich einfach abgehauen. Lottie, oder Charlotte, wie sie jetzt genannt werden möchte, da sie ja inzwischen fast erwachsen ist, will ihre Ruhe haben. Hat ’nen Freund namens Alessio«, dabei betonte er den Namen des Jungen, als wäre er eine ansteckende Krankheit. »Ehrlich gesagt, der Kerl geht mir gewaltig auf den Sack. Drei Jahre älter als Charlotte, pflastert seinen Körper mit Tätowierungen, trägt diese prolligen Goldkettchen und braust ständig mit so einem vibrierenden Plastikross durch die Gegend.«
»Aha, Alessio.« Erik grinste breit. »Klingt nach einem Mann mit Zukunft.«
»Und hoffentlich eine Zukunft ohne Charlotte. Jedes Mal, wenn ich den Kerl sehe, fängt meine Faust an zu jucken«, knurrte Frank und hob drohend die rechte Hand. »Jedenfalls dachte ich, hier könnte ich vielleicht ein hübsches Geschenk für Constanze finden.«
Dr. Constanze Levit war die interne Psychologin der Kripo. Nach dem Tod von Kesslers Ehefrau hatten die beiden eine kurze Liaison, die sie später beendeten. Danach mieden sie sich eine Weile, bis sie Anfang des Jahres bei einem Fall wieder zusammenarbeiten mussten und sich dadurch erneut näherkamen.
»Du weißt aber schon, dass du den Tabakladen auf der Mittelstraße findest, oder?«, spottete Erik.
»Sie gewöhnt sich das Rauchen gerade ab. Noch ein Grund, wieso ich schnell von zu Hause wegmusste. Die Frau ist derzeit so aggressiv, dass ich Angst habe, als Nächstes in der Leichenhalle zu landen.«
Ein Glockenton ertönte. Julia trat vor, ein Lächeln auf den Lippen, das Erik seltsam aufgesetzt vorkam, zu kontrolliert, zu feierlich.
»Herzlich willkommen im Whispering Leaves. Heute erwartet euch eine Reise durch Märchen und Erinnerungen. Ich habe mich inspirieren lassen von Alice im Wunderland, von den Brüdern Grimm und von der Idee, dass Orte Geschichten erzählen können.«
Sie hob die Hand und deutete auf das Regal voller Märchenbücher. »Stöbert, verkleidet euch, dafür haben wir einen eigenen Raum. Verliert euch in der Fantasie. Ob Prinz oder Hexe, hier darf jeder jemand anderes sein.«
Für einen Herzschlag wirkte sie, als lausche sie nach innen, als müsste sie einen Gedanken sortieren, bevor sie ihn freigab. »Und ich habe dieses Teehaus eingerichtet, um jemandem zu gedenken, der viel zu früh gegangen ist: meiner Schwester Lisa.«
Sie atmete leise ein. »Heute lassen wir sie in unseren Geschichten weiterleben.«
Ein zögerlicher Applaus regte sich, erst vereinzelt, dann etwas breiter. Einige Gäste tupften sich über die Augen. Die Menge löste sich auf, kleine Gruppen bildeten sich, Gespräche setzten wieder ein.
Die Stunden im Teehaus vergingen, ohne dass Erik es recht bemerkte. Draußen legte sich die Dämmerung über Hilden, während drinnen die Gäste von Tasse zu Tasse wechselten, von Gespräch zu Gespräch, als hätte die Zeit für einen Nachmittag den Atem angehalten. Lachen perlte zwischen Möbeln und Märchenfiguren, gedämpft wie durch Tüll, und über allem lag ein Hauch von Erinnerung, von Geschichten, die zu lange nicht erzählt worden waren.
Erik stand abseits, den Blick auf nichts Bestimmtes gerichtet. Kessler hatte ihn länger als gedacht mit Beschwerden über Alessio beschäftigt, bis der Lärm ringsum allmählich abebbte. Stimmen trieben nur noch gedämpft durch den Raum, wie der Nachklang eines Festes, das niemand richtig beenden wollte. Er ließ den Blick über die Gesichter streifen, bis er sie fand. Julia stand an der Theke, eine Hand auf dem Tresen, das Lächeln müde, beinahe brüchig. Für einen Moment fragte er sich, ob sie gegen die Erschöpfung kämpfte oder gegen den Tag selbst.
Sie sprach mit einer jungen Mitarbeiterin, wies auf leere Tassen, nickte und richtete beiläufig eine kleine Dekoration. Trotz der Müdigkeit hatte sie noch immer diese kontrollierte Art von Präsenz, die sie schon damals ausgezeichnet hatte.
Ein Teil von ihm fragte sich, was gewesen wäre, wenn sie nicht Schluss gemacht hätte, wenn sie geblieben wäre.
Er brach den Gedanken ab, bevor er Form annehmen konnte. Manche Erinnerungen durfte man nicht zu lange ansehen, sie starrten irgendwann zurück.
»Noelia?« Anna stand plötzlich neben ihm. Die Stirn leicht gerunzelt, der Blick suchte die Menge ab. »Erik, hast du Noelia gesehen?«
Er schüttelte den Kopf, noch bevor er richtig begriff, was sie gefragt hatte. Sie war schon weiter, schlängelte sich zwischen den Tischen hindurch. »Noelia, es ist fast neun! Wir müssen los, du musst ins Bett!«
Sie wandte sich zu Christian. »Wir müssen sie finden, sonst kommen wir nie weg. Wenn sie morgen wieder unausgeschlafen ist, dreht sie durch.«
Ein paar Leute lachten, einer warf etwas über eine kleine Nachteule ein. Anna rollte mit den Augen, murmelte etwas und verschwand in Richtung Flur.
Das Lachen verebbte, Stimmen fingen sich wieder. Musik, Gläser, leises Klirren. Der Abend floss weiter, als wäre nichts gewesen.
Etwa zehn Minuten später tauchte Anna wieder auf. Ihr Gesicht war blass, ihre Bewegungen fahrig. »Christian, ich hab überall nachgesehen.«
»Beruhig dich«, sagte er, stand aber schon auf und drängte sich durch die Gäste.
»Sie wird nicht draußen sein«, murmelte Anna. »Sie hat Angst im Dunkeln.«
Dann hob sie den Kopf. »Könnt ihr bitte mal kurz aufhören zu reden?«, rief sie in die Menge. »Hat jemand Noelia gesehen? Ein kleines Mädchen, blond, im Kleid?«
Jetzt wurde es still. Gespräche brachen ab, Stühle scharrten.
»Vielleicht versteckt sie sich wieder«, sagte Sonja, doch der Satz wirkte halbherzig, als würde sie selbst nicht daran glauben.
Christian kam aus einem der Seitenräume, schüttelte den Kopf. »Im Märchenzimmer ist sie nicht, auch nicht bei den Kostümen.«
Ringsum setzte Murmeln ein. Fetzen von Stimmen, halbe Sätze, ein paar nervöse Scherze, dazwischen besorgte Rufe.
Erik blieb stehen, beobachtete, wie die ersten Gäste planlos hin- und hergingen. Dann erinnerte er sich: Vor einiger Zeit hatte er Noelia gesehen, wie sie durch den hinteren Vorhang gelaufen war, dorthin, wo ein Schild hing: Kein Zutritt für Gäste.
Er hatte es für ein Kinderspiel gehalten. Jetzt drängte sich die Erinnerung wieder auf, und irgendetwas sagte ihm, er sollte nachsehen.
Er ging zum Vorhang. Ein kühler Luftzug kam ihm entgegen, roch nach feuchter Erde und kaltem Stein. Die Tür zum Hinterhof stand einen Spalt offen, gerade weit genug, um zu begreifen, dass das Mädchen dort hinausgelaufen war.
»Ich glaube, ich habe sie heute Nachmittag dort langlaufen sehen«, sagte er zu Frank und ging auf die Absperrung zu. Frank folgte ihm wortlos.
Er löste die Kordel und ließ sie zur Seite gleiten. Das metallische Klacken wirkte übertrieben laut in der Stille. Dann trat er hinaus.
Draußen hing die Luft kühl und still. Ein paar Schritte vor ihm, unter dem einzigen Baum im Hof, saß Noelia. Sie lehnte an der Rinde, die Augen geschlossen, eine kleine Tasse in den Händen, ordentlich in ihrem Schoß platziert.
Frank trat neben ihn, sah hin und flüsterte: »Genau wie damals Lisa Winter.«
Viele Jahre lang musste ich verbergen, was in mir schlief. Ich lernte, still zu sein, unauffällig, berechenbar. Ich zeigte nur, was andere sehen wollten. Das war sicherer so. Ein Leben aus Masken und glatten Oberflächen. Sehnsucht war da, leise, aber erträglich.
Die Tabletten halfen eine Zeit lang. Sie dämpften etwas, das sonst zu laut geworden wäre. Mehr weiß ich nicht. Mehr wollte ich auch nicht wissen. Es war einfacher, wenn nichts fühlbar blieb. Ich gewöhnte mich an das Schweigen in meinem Kopf.
Dann kam dieser Tag. Mit ihm kam alles zurück: das Zittern, das Verlangen, das Unkontrollierbare. Ich hatte so lange gegen mich selbst gekämpft, gegen das, was man nicht zeigen durfte. Und sie war es, die machte, dass es wieder sichtbar wurde.
Als ich sie sah, war es, als würde mir jemand das Herz mit bloßen Händen öffnen. Sie roch nach Blüten, nach Erdbeershampoo, nach etwas Warmem, Süßem. Als ihr Haar meine Hand streifte, wusste ich, dass dieser Moment für mich vollkommen war.
Ich nannte es Liebe, weil mir kein anderes Wort einfiel.
Sie folgte mir leise in den Kaninchenbau. Sie lächelte, als ich ihr die Tasse reichte. Der Tee war nicht gewöhnlich, ich hatte ihn selbst zubereitet, nach einem Rezept aus dem Wunderland. Sie trank schnell, ohne zu zögern. Ich sah das als Zeichen, als Antwort, vielleicht sogar als Einwilligung.
Jeder Moment mit ihr war wie ein Fiebertraum, mal sanft, mal drängend, immer zu groß für diese Welt. Ich konnte nicht mehr unterscheiden, was kindlich war und was nicht. Vielleicht spielte das auch keine Rolle. Ich wollte einfach nur bei ihr sein. Ganz. Ungeteilt.
Draußen lachten sie, tranken Tee, hielten sich an Regeln. Wir hatten unsere eigene Zeremonie. Ich reichte ihr noch eine Tasse, wieder trank sie. Vielleicht war sie nur durstig, vielleicht war es Schicksal.
Ich war überwältigt. Alice und ihr Hutmacher, endlich vereint, endlich richtig, zumindest für den Moment.
Sie durfte nicht bleiben. Sie musste fort. Fort nach Wunderland. Dort würde sie glücklich sein.
Dann blieb sie still, die Augen geschlossen. Ich wusste, sie war eingeschlafen. Ich ließ sie ruhen. Vielleicht würde das weiße Kaninchen sie holen. Vielleicht war das der Weg. Ich hatte ihm wohl Bescheid gesagt, glaube ich zumindest. Oder war das gestern?
Doch sie blieb. Als ich später zurückkam, lag sie noch vor dem Spiegel. Vielleicht war dieser Ort doch nicht richtig. Vielleicht hatte sich das Wunderland verschlossen. Vielleicht hatte ich mich geirrt, wenn auch nur ein wenig.
Ich wartete, bis die Dunkelheit dicht genug war, um uns zu verbergen. Dann nahm ich sie auf, trug sie in den Garten und legte sie unter einen Baum, vorsichtig, so behutsam, wie man eine zerbrochene Uhr ablegt oder ein Märchen, das nie hätte geschrieben werden dürfen. Überzeugt, dass uns niemand beobachtete, platzierte ich eine sonderliche Teetasse und die Notiz mit der Aufschrift ›Trink mich‹ in ihren Händen und flüsterte leise: »Fahr wohl, kleine Alice.«
Zwischen Büchern, Schreibchaos, düsterer Literatur und gelegentlichen Zusammenbrüchen am Marketingalltag sammelt sich auf meinem Blog alles, was keinen Platz zwischen zwei Buchdeckeln gefunden hat. Wenn du mitlesen möchtest, kannst du meinen Blog abonnieren.