Wenn das deine Mutter wüsste –  Kessler und Wagner Band 4

Sabrina Pesch -Wenn das deine Mutter wüsste …
Sabrina Pesch -Wenn das deine Mutter wüsste …

Kapitel 1

Ich ließ nichts offen. Auch nicht, wie sie sterben würde. Jedes Detail hatte ich im Kopf durchgespielt, die letzten Bilder ihrer Qual schon deutlich vor Augen, bis zum bitteren Ende.

Der Anruf war vorbereitet wie alles andere. »Vorfall auf dem Festivalgelände. Wir müssen Sie dringend sprechen.« Meine Stimme klang sachlich, professionell, vertrauenswürdig. Sie zögerte. Für einen Moment glaubte ich, sie würde es durchschauen. Doch dann kam die Angst. Sie verließ die Wohnung. Genau wie vorgesehen.

Ich wartete im Schatten. Mein Herz schlug schneller, als es sollte. Kein Nervositätsreflex. Nur der Körper, der nicht verstand, was der Geist längst entschieden hatte. Der leichte Abendwind spielte mit ihren Haaren, bevor ich zugriff. Ich trat hinter sie, riss ihren Kopf zur Seite und stach ihr die Nadel in den Hals. Sie sackte zusammen. Ich fing sie auf und trug sie zum Leihwagen. Keine Szene, keine Worte. Nur Funktion.

Die Fahrt war still. Der Motor klang wie ein Herzschlag, der sich weigert, aufzuhören. Ich dachte nicht nach. Zumindest versuchte ich es. Doch jeder Kilometer war ein Mahnmal. Nicht für das, was ich tat. Sondern für das, was nötig geworden war.

Im Arbeitsraum entkleidete ich sie. Zog ihr das Kleid an, das ich für diesen Moment gekauft hatte. Ein Kleid wie aus einem Märchen. Nur dass dieses kein gutes Ende hatte. Ich schnallte sie auf dem Tisch fest und setzte mich, bis sie zuckte. Die ersten Regungen. Finger, Lider. Leben, das sich langsam ins Bewusstsein zurückkämpfte. Noch war Zeit.

Ich stand auf, griff zur Zange. Die glühenden Pantoffeln lagen bereit, ihr metallisches Leuchten verzerrte die Luft. Sie sah mich. Dann den Raum. Verstand. Und ich sah das Entsetzen in ihren Augen. Es war kein Triumph, den ich fühlte. Nur ein kurzes, flackerndes Bedauern, das verging wie ein Funke auf heißem Eisen.

»Bist du bereit für deinen letzten Tanz?« Meine Stimme war rau. Kein Spott. Keine Genugtuung. Nur Entschlossenheit, verdichtet wie Rauch in einem geschlossenen Raum.

Ich löste die Fesseln. Sie richtete sich mühsam auf. Ich hob die Schuhe an, setzte sie ihr auf die Füße. Der Schrei kam sofort. Die Haut zischte. Eine feine Rauchwolke kräuselte sich von ihren Füßen auf. Der Geruch von verbranntem Fleisch stieg auf.

Ihr Tanz begann.

Getrieben von Hitze, Schmerz und dem instinktiven Wunsch zu fliehen. Jeder Schritt ein groteskes Echo. Eine Perversion von Gerechtigkeit, von Gleichgewicht. Ihre Bewegungen staksig, verzweifelt, wie eine Marionette mit gebrochenen Fäden.

»Tanz.« Ich sagte es leise, mehr zu mir selbst als zu ihr. Es war kein Befehl. Eher ein Mantra. Oder eine Erinnerung daran, warum ich noch hier war.

Sie versuchte, die Schuhe abzustreifen, und verbrannte sich die Finger. Jeder Versuch machte es schlimmer. Wie in dem Märchen, das ich als Kind kannte. Die böse Stiefmutter. Tanzend bis zum Tod. Doch hier gab es keinen Zauber. Keine Moral. Nur Konsequenz.

Ihre Bewegungen wurden langsamer. Dann brach sie zusammen. Ein letzter Zuckungsschub, ein Keuchen. Dann nichts mehr. Kein Applaus. Nur Stille. Kein Sieg. Nur das Ende.

Ich trat zurück. Meine Hände zitterten nicht. Mein Herz pochte nicht schneller. Aber etwas in mir war erschöpft. Nicht vom Tun. Vom Tragen. Vom Erinnern.

Eine Stunde später legte ich ihren Körper auf dem Friedhof ab. Nicht versteckt. Symbolisch. Für jene, die sehen konnten. Ich hinterließ eine Botschaft. Keine Erklärung. Eine Herausforderung. Ob sie verstanden würde? Vielleicht.

Ich sah ein letztes Mal zurück. Kein Stolz. Kein Bedauern über das, was ich getan hatte.

Nur über das, was nötig geworden war.

Kapitel 2

Enya lag in der Dunkelheit ihres Schlafzimmers, als sie plötzlich aus einem wirren Traum erwachte. Ihr Herz klopfte heftig, als sie den Druck auf ihrer Brust spürte. Ein kleines Kind mit einem schrecklich verzerrten Gesicht saß auf ihr und lächelte sie an. Ihre Versuche, es von sich zu schieben, waren vergeblich. Die Panik stieg in ihr auf, als sie realisierte, dass sie sich nicht bewegen konnte.

Mit einem abrupten Ruck wurde sie an den Beinen von unsichtbaren Händen gepackt und unter ihr Bett gezogen. Die vertrauten Wände ihres Schlafzimmers verschwanden und wurden durch die düstere, unheimliche Atmosphäre ihres alten Kindergartens ersetzt. Der Raum war von Schatten durchzogen, und die einst fröhlichen Kindergespräche waren zu unheilvollen, verzerrten Geräuschen geworden.

Vor ihr erhob sich die Kirche neben dem Kindergarten, und sie wusste, dass sie in Gefahr war. Die Mitglieder einer finsteren Sekte, die sie seit Langem aus ihren Albträumen kannte, bewegten sich lautlos um sie herum. Einer der Sektenführer trat hervor, seine knochigen Finger drückten hart in ihren Bauch. Der Schmerz war überwältigend real, als ob jemand ein scharfes Messer in ihre Haut stach.

Gerade als Enya dachte, sie hätte den Höhepunkt des Albtraums erreicht, wurde sie tatsächlich wach, nur um festzustellen, dass sie noch immer in ihrem Albtraum gefangen war. Sie fand sich erneut unter dem Bett wieder, der ganze Horror begann von vorn. Die Hände packten sie mit der gleichen brutalen Kraft, und die Schreie der Sektenmitglieder schienen lauter und intensiver zu werden.

Als sie dachte, es könnte nicht schlimmer werden, erwachte sie oder glaubte es zumindest, als Daniel sich eng an sie kuschelte. Der Trost, den sie in der Nähe ihres treuen Lebensgefährten suchte, war jedoch nur von kurzer Dauer. Sie wurde abermals mit einem Ruck unter das Bett gezogen, und der Albtraum begann von vorn, als ob der Horror niemals enden würde. 

 

Erst als das schrille Klingeln ihres Handys durch die Dunkelheit schnitt und eine Nachricht von Yvette angezeigt wurde, war Enya endlich wirklich wach. Ihre Nerven lagen blank, und ihr Herz raste noch immer vor Erschöpfung und Erleichterung. Mit einem Seufzer legte sie das Gerät zurück auf ihren Nachttisch.

»Hattest du wieder diesen Albtraum?«, murmelte Daniel, der durch ihre hastigen Bewegungen ebenfalls wach geworden war. Er griff nach ihr und zog sie näher an sich heran.

»Ja … das dritte Mal diesen Monat. Ich kann langsam nicht mehr.« Ihre Stimme zitterte, während sie versuchte, das Gefühl der totalen Erschöpfung in Worte zu fassen. »Es fühlt sich an, als würde mein Körper langsam zerfallen, Stück für Stück. Ich weiß nicht, wie lange das noch so weitergehen kann.« Sie schloss die Augen, doch die Dunkelheit brachte keine Ruhe, sondern ließ sie nur tiefer in ihre Qualen eintauchen.

Sie hatte diese Albträume schon seit Ewigkeiten. Das Schlimmste daran war, dass sie nie aus ihren Träumen erwachte, wenn niemand da war, um sie zu wecken. Oftmals bildete sich eine Dauerschleife von sich aneinanderreihenden Träumen. Diese Schlafphasen waren so intensiv, dass sie so gut wie nie mitbekam, wenn Daniel spät abends oder sogar manchmal erst in der Nacht nach Hause kam.

Daniel erkannte, dass an Schlaf für beide nicht mehr zu denken war, und setzte sich auf. »Ich denke, das ist nur die Aufregung. Du hast das ganze Jahr hart für dieses Festival gearbeitet. Und ganz ehrlich? Wenn ich den ganzen Tag diese verstörenden Halloween-Masken sehen müsste, würde ich auch Albträume bekommen.«

Enya nickte stumm in die Dunkelheit.

Als Märchenforscherin lebte Enya für alte Märchen und Legenden. Es überraschte sie sehr, als Livia Opitz sie vor etwas über einem Jahr kontaktierte. Livia plante ein Märchen-Halloween-Festival in der Hildener Innenstadt und suchte dringend jemanden, der sich mit Märchen auskannte. Trotz einer gewissen Skepsis freute sich Enya über Livias Interesse an ihren Publikationen und die Gelegenheit, bei den Vorbereitungen für das Festival mitzuwirken.

Daniel hatte zwar Bedenken geäußert, aber Enya ließ sich nicht davon abbringen. Märchen waren ihr Ein und Alles, und wenn sie dazu noch helfen konnte, diese in ein Horrorszenario umzuwandeln und dafür gut bezahlt zu werden, war das ein großer Schritt in ihrer hoffentlich bald in Schwung kommenden wissenschaftlichen Karriere.

»Wer hat dir eigentlich so früh schon geschrieben?«, fragte Daniel und riss Enya aus ihren Gedanken.

Enya griff erneut nach ihrem Handy und sagte: »Das war Yvette. Ich habe echt keine Ahnung, warum sie sich so früh meldet.«

»Vielleicht sind die Festival-Gebäude abgebrannt«, überlegte er laut, und Enya hörte den süffisanten Ton in seiner Stimme.

»Klar, das würde dich freuen, oder?«, fragte sie und stieß ihn sanft mit dem Ellbogen in die Seite.

»Nur ein kleines bisschen. Dann hättest du endlich wieder mehr Zeit für mich.«

»Du bist so ein Spinner. Ich weiß, dass die Doppelbelastung derzeit nicht angenehm ist. Ich arbeite nicht nur für das Festival, sondern auch noch für die Uni. Ich kann von Glück reden, dass ich meine Stunden in diesem Jahr drastisch reduzieren durfte, um an der Planung mitwirken zu können.« Sie schüttelte den Kopf und entsperrte ihr Handy, um zu sehen, was Yvette so früh von ihr wollte.

»Das weiß ich doch. Du fehlst mir nur. Inzwischen sehen wir uns nur noch morgens oder spät abends. Als ich gestern Abend nach Hause kam, hast du schon tief und fest geschlafen.«

Sie antwortete nicht.

»Enya? Alles okay?« Seine Stimme klang besorgt.

Sie schwang die Beine aus dem Bett, griff aber noch mal nach Daniels Hand, um ihm zu signalisieren, dass ihre Laune nicht an ihm lag, und murmelte: »Nein, nichts ist okay. Livia ist mal wieder verschwunden.«

 

Kapitel 3

Aufgeregt stürmte Kommissarin Käthe Karess am frühen Morgen in das Büro ihrer Kollegen Frank Kessler und Erik Wagner. »Habt ihr das schon gehört?«, rief sie und wedelte hektisch mit einer Ausgabe der Rheinischen Post in der Hand.

Kessler und Wagner sahen fast gleichzeitig von ihren Computerbildschirmen auf und blickten ihre Kollegin ausdruckslos an. Wagner fixierte Karess eindringlich. »Was sollen wir denn gehört haben?«, fragte er betont sachlich.

Karess war verwirrt. So ernst hatte sie ihren Kollegen selten erlebt. Irgendwas stimmte hier nicht, da war sie sich sicher.

Der Goldjunge is doch sonst nich so abartig ernst, dachte sie.

Karess ließ die Zeitung sinken und schluckte schwer. »Was ist hier los?«, fragte sie und trat einige Schritte näher an ihre Kollegen heran.

»Nun«, begann Kessler und erhob sich von seinem Platz.

Er überragte Käthe um zwei Köpfe und baute sich bedrohlich vor ihr auf, die Arme verschränkt. »Vielleicht hätten wir es gern von dir persönlich erfahren, dass du unser Team verlässt.«

Sie fühlte sich ertappt. Nervös zog sie Luft durch ihre kleine Zahnlücke ein. »Schmitty, die olle Petze, hat es euch also schon erzählt. Wenn ich den Fettsack in die Finger kriege, wird er sein blaues Wunder erleben.«

Georg Schmitt hatte die Abteilung der Kripo Mettmann Anfang des Jahres übernommen.

»Gib Schmitty nicht die Schuld. Du hättest es uns sagen können. Schließlich dachten wir, wir wären ein Team«, entgegnete Wagner tadelnd.

»Sind wir doch auch!«, rief sie trotzig und trat unruhig von einem Fuß auf den anderen. »Schmitt wusste halt nicht, ob ich die Versetzung nach Frankfurt bekomme. Ich wollte hier keinen bekloppt machen, bevor es nicht feststeht, dass ich wirklich gehe.«

Sie warf einen Blick auf Kessler. »Und nun komm, mein großer, böser Gorilla. Wir wissen alle, dass du hier nur den Harten markierst. Innerlich bist du sanft wie ein Lamm. Keiner nimmt dir den knallharten Typen ab.«

»Da hat sie durchaus recht, Frank«, bemerkte Wagner.

Kessler zuckte mit den Schultern und setzte sich wieder auf seinen Platz. »Na ja, man kann es ja wenigstens mal versuchen, oder? Aber so wie es aussieht, ist deine Versetzung durch, sonst hätte Schmitty nichts erzählt. Du gehst wegen Kramer, oder?«

Jerry Kramer war ein ehemaliger Kollege, der nach ihrem letzten gemeinsamen Fall nach Frankfurt gezogen war, um mehr Zeit für seinen unehelichen Sohn zu haben. Käthe und Jerry verband eine tiefe Freundschaft, und sie vermisste ihn schmerzlich.

Sie nickte zaghaft. »Richtig. Ich hatte mich Anfang des Jahres riesig gefreut, dass er zurück ist, und dann haut der Sack gleich wieder ab. Natürlich verstehe ich das, und Leute, echt, ich liebe euch, aber an Jerry kommt so schnell keiner ran.« Sie versuchte ein schiefes Lächeln.

»Lass gut sein, Käthe. Wir verstehen das. Wir wollten hier bloß mal die tief verletzten, betrogenen Kollegen raushängen lassen«, sagte Wagner in einem gespielten dramatischen Tonfall und legte eine Hand auf die Brust, um seine Worte zu unterstreichen. »Kann es sein, dass es an deiner Versetzung liegt, dass du krampfhaft versuchst, dir deine Berliner Schnauze abzutrainieren?« Er hob eine Augenbraue. »Es ist überaus auffällig, wie viel Mühe du dir gibst, wie ein normaler Mensch zu sprechen.«

»Hör mich uff, ja genau deswegen.« Sie nickte hastig. »Jerry sagt, die Bekloppten in Frankfurt stehen da nich so drauf. Jetzt geh ich zweimal die Woche zu so ’nem Sprachtrainer, der mir das abgewöhnt.«

»Der arme Kerl«, feixte Kessler und prustete los.

»Ja, ja. Der wird danach wohl ne Reha brauchen. So, is gut jetzt. Und nun zu euch beiden: Ihr seid die beklopptesten Vögel, die man sich vorstellen kann. Ich hätte fast geglaubt, dass ihr mir für den Rest meiner verbleibenden Zeit hier das Leben zur Hölle machen wollt.« Sie schüttelte den Kopf und stemmte die Hände in die Hüften, wobei sie die Zeitung zwischen ihren Speckrollen einklemmte.

Kessler deutete auf die Zeitung. »Was genau wolltest du uns eigentlich erzählen, als du hier reingestürmt bist?«

Sie klatschte sich mit der Hand gegen die Stirn. »Ach ja, da war ja was.« Aufgeregt faltete sie die Zeitung auseinander. »Die Stadt Hilden veranstaltet ein kleines Halloween-Festival in der Innenstadt. Könnt ihr euch das vorstellen? Grusel, Horror, Gänsehaut und jede Menge blutige Leichen.« Ihre Augen strahlten vor Begeisterung.

»Und dafür machst du so einen Terz?« Kessler schloss die Augen. »Als ob wir in unserem Job nicht schon genug Horror und Leichen serviert bekämen.«

»Schon klar, mein Brummbär. Aber das hier«, sie tippte mit dem Finger auf die Schlagzeile, »ist ja nur Show. Und mal unter uns: Ich liebe Halloween. Ich finde es großartig, dass die Stadt das genehmigt hat. Noch dazu wollen sie den ganzen Bums auch noch mit Märchen verknüpfen. Sprich: Wir bekommen ein Halloween-Märchen-Festival und das, meine Freunde, finde ich außerordentlich knorke.«

»Also ich bin da auf Käthes Seite. Ich steh total auf diesen überdrehten Quatsch«, warf Wagner ein. »Das Konzept klingt erst mal verdammt interessant.«

»Dann könnt ihr euch mit meiner Tochter zusammentun. Lottie findet diesen Unsinn auch großartig«, meinte Kessler und fuhr sich mit den Händen durch die Haare, die daraufhin in alle Richtungen abstanden. »Aber ich denke, dieses Festival wird sie wohl ausfallen lassen müssen. Das Baby kann jeden Tag kommen, sie sollte sich schonen.«

Er warf einen Blick auf den Kalender an der Wand. »Inzwischen ist sie schon genau eine Woche über dem errechneten Geburtstermin. Ihr könnt euch sicher vorstellen, dass wir gerade alle etwas nervös sind.« Er griff nach seinem Mobiltelefon, um zu prüfen, ob er eventuell eine Nachricht versäumt habe.

Kesslers Tochter Charlotte, von ihm liebevoll Lottie genannt, war Anfang des Jahres mit gerade einmal sechzehn Jahren schwanger geworden. Sie und ihr Freund Alessio wollten das Baby unbedingt behalten. Kessler und Constanze Levit, die inzwischen endlich geheiratet hatten, sicherten ihnen jede Unterstützung zu, die sie und Alessio brauchten, unter der Bedingung, dass Charlotte ihren Schulabschluss nach der Geburt fortsetzen würde. Für diese Zeit hatte Kessler ein Sabbatjahr beantragt. Er würde bald für einige Zeit aus dem Dienst ausscheiden, um sich um sein Enkelkind zu kümmern.

»Verständlich«, sagte Wagner. »Man stelle sich nur mal vor, das Baby würde während der Fahrt auf der Geisterbahn das Licht der Welt erblicken.« Er legte den Kopf schief und grinste seinen Kollegen an.

»Also ich fände das episch«, meinte Karess trocken und zuckte mit den Schultern. »Aber sag mal, Opi, wie läuft’s denn so mit Alessio?«

Alessio, Charlottes Freund war vor Kurzem im Hause Kessler eingezogen. Frank hatte dies selbst vorgeschlagen, da er wollte, dass der junge Mann, Charlotte und das Baby von Anfang an als Familie zusammenleben. Auch wenn dies bedeuten würde, dass er den Kerl jeden Tag ertragen musste.

»Frag nicht, Karess, bitte frag nicht.« Er vergrub das Gesicht in seinen Händen und atmete tief durch. »Der Junge lässt seine Haare überall im Bad liegen. Ich weiß nicht mal, ob die von seinem Schädel oder seinem Schambereich sind.« Er schüttelte sich angeekelt. »Und er frisst ständig meine Lieblingswurst weg. Du stehst morgens auf und freust dich auf ein saftiges Sandwich – und dann is deine Wurst weg.«

Wagner entwich ein lautes Lachen. »Na, Hauptsache, Alessio geht es gut.«

»Ganz meine Rede, Goldjunge«, bestätigte Karess. »Proteine, so wichtig in dem Alter.«

»Ich hasse euch beide. Wisst ihr das eigentlich? Der Junge raubt mir den letzten Nerv. Aber immerhin kümmert er sich gut um Charlotte und geht seiner Ausbildung gewissenhaft nach. Mehr kann und will ich vorerst von ihm nicht verlangen.«

»Wann beginnt dieses Festival genau?«, fragte Wagner, um wieder auf das eigentliche Thema zurückzukommen.

Karess studierte den Artikel mit zusammengezogenen Augenbrauen. »Kommenden Freitag ist die Eröffnung, und am 31. soll der große Showdown stattfinden. Hoffen wir mal, dass uns bis dahin kein Mord auf den Tisch kommt«, sagte sie grinsend und präsentierte die Zahnlücke zwischen ihren Schneidezähnen.

Wie auf Kommando klingelte in diesem Moment Kesslers Telefon. Er zuckte regelrecht zusammen. Als er die Nummer auf dem Display sah, beruhigte er sich kurz. Es war nicht Charlotte, sondern Ismael Yilmaz von der Polizeiwache in Hilden.

»Wo brennt’s, Yilmaz?«

Kessler hörte schweigend zu, suchte Blickkontakt zu Wagner und gab ihm mit einem Handzeichen zu verstehen, dass sie sich auf den Weg machen mussten.

Nachdem er das Gespräch mit Yilmaz beendet hatte, fragte Wagner: »Und, was haben wir Schönes?«

»Eine Leiche auf dem Hauptfriedhof in Hilden. Yilmaz sagt, sie sieht übel aus.«

Kapitel 3

Enya betrat das Badezimmer. Der Raum war schlicht und funktional, mit weißen Fliesen an den Wänden und einem großen, rechteckigen Spiegel über dem Waschbecken. Zahnbürsten, Pflegeprodukte und einige Kosmetikartikel standen ordentlich nebeneinander.

Die Nachricht von Yvette ging ihr nicht aus dem Kopf. Livia war seit drei Tagen nicht mehr erreichbar. Yvette hatte ihr erklärt, dass sie vorgestern bei einem Treffen über die letzten Vorbereitungen hätte erscheinen sollen, doch ihr Handy war ausgeschaltet. Auf WhatsApp war sie zuletzt ebenfalls vor drei Tagen online gewesen. Enya selbst hatte nicht an diesem Termin teilnehmen können, da sie einen Gesprächstermin in der Uni hatte, um ihre Stunden für die nächsten Wochen nochmals zu kürzen. Die Polizei hatte die Vermisstenanzeige aufgenommen, aber wie Yvette sagte: »Livia ist volljährig und nicht behindert oder dergleichen. Sie steht also nicht ganz oben auf deren Prioritätenliste. Wie immer.«

Enya betrachtete ihr eigenes Gesicht im Spiegel. Ihre großen, eisblauen Augen wirkten wachsam, aber von Müdigkeit und Sorgen gezeichnet. Über ihrer schwarz gefärbten Augenbraue zog sich eine breite Narbe, ein ständiges Erinnerungsstück an eine Vergangenheit, die sie lieber hinter sich lassen würde. Die ersten kleinen Falten waren zwar sichtbar, aber noch nicht so tief, dass sie ihr wahres Alter verrieten. Trotz ihrer 38 Jahre wirkte sie überraschend jung. Die feinen Spuren ihrer Lebenserfahrungen fügten ihrem Aussehen eine interessante Tiefe hinzu, ohne sie älter erscheinen zu lassen.

Ein leises Gefühl des Unbehagens kroch in ihr hoch. Vielleicht lag es an den Zweifeln, die sie in letzter Zeit immer häufiger plagten. War es wirklich die richtige Entscheidung gewesen, den Auftrag von Livia für das Festival anzunehmen? Die Verantwortung lastete schwer auf ihren Schultern, und es gab Momente, in denen sie sich fragte, ob sie dieser Belastung gewachsen war. Schon seit ihrer Kindheit hatte Enya funktionieren müssen, besonders im Haushalt ihrer Mutter. Trotz aller Bemühungen war es nie genug gewesen.

Ihre Mutter empfand sie stets als zu klein, zu dick und zu dumm. Enya hatte unter den ständigen Bewertungen ihrer Mutter gelitten, was schließlich, als sie 16 Jahre alt war, in eine gefährliche Magersucht mündete. Auf ihrem schlimmsten Stand wog sie bei einer Größe von 1,65 Metern nur 45 Kilogramm. Nach einem erfolgreichen Aufenthalt in der Klinik hatte sie ihr Essverhalten im Griff und wog nun 60 Kilogramm. Doch selbst das erschien ihrer Mutter immer noch zu viel.

Dank der Therapie ließ sie sich jedoch nicht mehr von solchen Äußerungen aus der Bahn werfen. Dennoch nagte der ständige Zweifel an ihr, ob sie den Erwartungen gerecht werden konnte.

Enya bestand ihr Abitur mit Bestnoten und begann direkt im Anschluss ihr Studium. Während des zweiten Semesters legte sie jedoch eine einjährige Pause ein, deren Gründe einen tiefen Bruch zwischen ihr und ihrer Mutter verursachten. Nach dieser Unterbrechung sprach ihre Mutter jahrelang nicht mehr mit ihr, und die Worte »Du bist für mich gestorben« hallten immer noch in Enyas Kopf wider. Obwohl Enya erfolgreich ihr Studium abgeschlossen und ihre Karriere fortgesetzt hatte, blieb die Anerkennung ihrer Mutter für ihre Leistungen aus.

Ihren Vater hatte sie nie kennengelernt, und das Fehlen einer väterlichen Figur hatte ein Loch in ihrem Leben hinterlassen. Vielleicht war es diese Leere, die sie dazu trieb, ständig nach Anerkennung und Bestätigung zu suchen, besonders in ihrer Arbeit.

Übermüdet stieg sie unter die Dusche. Während das heiße Wasser über ihren Körper floss, blitzten Bilder vor ihrem inneren Auge auf, Erinnerungen an die letzte Begegnung mit ihrer Mutter, die sie tot in ihrem Haus in Düsseldorf gefunden hatte. Das Haus war in ihren Besitz übergegangen. Während der Beerdigung und der endlosen Gespräche mit Notar und Behörden hatte sie es noch betreten müssen. Doch danach hatte sie keinen Mut mehr gefunden, die Tür auch nur aufzuschließen. Die Erinnerungen hafteten an jedem Raum, an jedem Möbelstück. Noch immer standen alle Dinge dort, wo sie zu Lebzeiten ihrer Mutter gestanden hatten, stumme Zeugen ihrer Unfähigkeit, sich dem Vergangenen zu stellen.

Doch aus dieser dunklen Zeit war auch etwas Gutes hervorgegangen. Während der Planung der Beerdigung hatte sie Daniel kennengelernt, den Bestatter, der sich um die Zeremonie kümmerte. Schon bei den ersten Gesprächen spürte Enya eine unerwartete Sicherheit in seiner Nähe. Inmitten ihrer Trauer war er eine ruhige, verlässliche Präsenz, die sie auffing. Es war, als würde er sie tragen, ohne es auszusprechen.

Kurz nach der Beerdigung waren sie zusammengekommen, leise, fast unausgesprochen, doch unausweichlich.

Was sie an Daniel am meisten schätzte, war seine Fähigkeit, im Hier und Jetzt zu leben, ohne ihre Vergangenheit unangenehm infrage zu stellen. Dadurch hatte sie irgendwann den Mut gefunden, ihm jedes noch so kleine Detail ihres Lebens anzuvertrauen. In Daniel hatte sie jemanden gefunden, der sie stabilisierte und ihr half, das Leben trotz seiner Herausforderungen zu bewältigen. Vor allem akzeptierte er sie genauso, wie sie war, mit allem, was hinter ihr lag.

Enya schloss die Augen, um die Bilder zu vertreiben, aber sie blieben hartnäckig. Die Trauer um ihre Mutter belastete sie noch immer, obwohl ihr Verhältnis eher schlecht gewesen war. Die Gefühle schienen im Widerspruch zu der Distanz zu stehen, die sie ihrer Mutter gegenüber empfunden hatte. Doch in Momenten wie diesem drängte sich die Vergangenheit unweigerlich wieder in den Vordergrund, und sie musste sich mit den ungelösten Emotionen auseinandersetzen.

Enya drehte das Wasser ab und griff nach einem Handtuch. Die Routine half ihr, die aufkeimende Panik zu unterdrücken. Sie musste stark bleiben, den Kopf klar halten, für das Festival, für das Team, für sich selbst.

Sie seufzte und öffnete die Augen wieder, blickte erneut in den Spiegel. Es war an der Zeit, sich zusammenzureißen. Das Festival musste organisiert werden, und Livia würde vermutlich, wie so oft, wieder auftauchen, wenn man es am wenigsten erwartete. Doch der nagende Zweifel blieb. Was, wenn diesmal wirklich etwas passiert war?

Kapitel 5

»Da seid ihr ja schon«, rief Polizeikommissar Ismael Yilmaz von der Polizeistation Hilden, als er Kessler und Wagner die Absperrung passieren sah.

»Wir sind sofort los, nachdem du angerufen hast«, antwortete Kessler und streifte sich bereits Schutzanzug und Handschuhe über. »Was genau haben wir?«, fragte er und versuchte, von seinem Standort aus einen Blick auf die Leiche zu werfen. Doch die Kollegen von der KTU versperrten ihm den Blick.

»Nun«, begann Yilmaz und kratzte sich nervös hinterm Ohr. »So wie es aussieht, nimmt hier jemand Halloween ein bisschen zu genau. Das Opfer ist weiblich. Ihre Identität konnten wir noch nicht klären.«

Kessler schloss die Augen. Er konnte sich denken, was Yilmaz damit sagen wollte. Die Leiche würde mit Sicherheit wahnsinnig entstellt sein. Irgendein Verrückter musste sich wie besessen an dem Opfer zu schaffen gemacht haben.

Seine Gedanken gingen hinüber zu Lottie und dem Baby. Einmal mehr freute er sich darauf, dieses ganze Chaos von Mord und Leichen eine Zeit lang hinter sich lassen zu können. »Das wird sicher ein Mordsspaß, na los Frank«, holte Wagner Kessler in die Gegenwart zurück, während er seinen Schutzanzug schloss und sich Handschuhe überzog.

Das Opfer lehnte an einem Grabstein. Verschiedene Details sprangen Wagner sofort ins Auge. Das Kleid der Frau schien einem Märchen entsprungen zu sein, doch es wirkte mehr wie ein grausiges Halloweenkostüm. Das einstige Weiß des Kleides war mit roten Flecken übersät, das Kunstblut war in der Morgensonne dunkelrot und glänzte unheimlich.

Ihre Füße waren das Schlimmste. Die Haut war tief verbrannt und teilweise durch die extreme Hitze so stark geschädigt, dass sie sich von den darunterliegenden Geweben gelöst hatte. Der widerliche Geruch von verbranntem Fleisch hing schwer in der Luft und ließ Wagner unwillkürlich würgen.

Das Gesicht der Frau war blass, ihre Augen starrten leer in den Himmel. Ihr Haar war wirr um ihren Kopf verteilt, einige Strähnen schienen angesengt zu sein. Auf dem Kleid und den Armen des Opfers fanden sich jedoch keinerlei Brandmerkmale. Wagner öffnete seinen Schutzanzug ein Stück und zog ein kleines Notizbuch heraus, um sich etwas aufzuschreiben.

Kessler kniete sich neben die Leiche und bemerkte ebenfalls kleine Details, die das Bild noch schrecklicher machten. Ihre Fingerkuppen waren angesengt, und unter ihren Fingernägeln waren Blutreste zu sehen. Die Hände selbst waren in einer verkrampften Haltung, die auf unvorstellbare Schmerzen hindeutete.

Yilmaz kam hinzu und hielt ihnen einen Papierbeutel für Beweismaterial hin. »Diese Dinger wurden neben der Leiche gefunden«, erklärte er.

»Sollen das Schuhe sein?«, fragte Wagner und starrte mit zusammengezogenen Augenbrauen auf die Gegenstände, die Yilmaz ihnen präsentierte. Der Kollege zuckte lediglich mit den Schultern. »Keine Ahnung, aber wenn ich mir die Füße des Opfers so ansehe, sollten diese Kästen vermutlich als Schuhe dienen. Im Inneren kleben noch immer Reste der Füße des Opfers. Haltet den Beutel lieber geschlossen, die Teile riechen fürchterlich.«

Leise brummend wandte sich Wagner erneut dem Opfer zu.

»Ich glaub, ich hab hier was gefunden«, rief Kessler über seine Schulter zu Wagner. Er stand auf und näherte sich dem Grabstein von der Seite. Hinter der Schulter des Opfers klemmte ein Zettel. Kessler zog ihn vorsichtig mit Daumen und Zeigefinger heraus. Mit zusammengekniffenen Augen las er die handgeschriebenen Worte. Erst einmal, dann ein zweites Mal, noch ein drittes Mal. Schließlich reichte er Wagner den Zettel und knurrte: »Irgendein blöder Wichser will ein verdammt krankes Spiel mit uns spielen.«

Wagner nahm den Zettel und las die Worte laut vor:

 

»›Die Stiefmutter glüht, die Füße sind fort,

Die nächste Strafe nimmt Augen von ihrem Ort‹«.

 

Er hob seinen Blick und starrte seinen Kollegen mit offenem Mund an.

»Denkst du, was ich denke, Erik?«, fragte Kessler beunruhigt.

»Allerdings«, murmelte er und deutete auf das Opfer. »Das hier ist erst der Anfang.«

»Ein Serienmörder kurz vor Halloween, der seine Opfer auch noch derartig in Szene setzt, hat uns gerade noch gefehlt.«

Gemeinsam mit Wagner entfernte sich Kessler vom Opfer und legte die Notiz in einen Plastikbeutel.

»Nicht nur das, Frank. Das hier ist ein gefundenes Fressen für die Presse. Die werden das bis ins kleinste Detail ausschlachten.« Er warf einen knappen Blick hinter die Absperrung, wo Reporter bereits versuchten, mit einem Mitarbeiter der KTU ins Gespräch zu kommen. Immerhin konnte niemand von ihnen von dort aus die Leiche ins Visier nehmen.

»Wir müssen uns also beeilen, diesen Irren so schnell wie möglich zu fassen.« Er rieb sich müde mit der Hand durchs Gesicht. »Schmitty wird sicher absolut begeistert sein.«

Schweigend gingen sie hinüber zu Yilmaz, der gerade mit einem Mitarbeiter der KTU im Gespräch war.

»Yilmaz?«, begann Kessler und tippte seinem Kollegen auf die Schulter.

Dieser drehte sich zu ihm herum. Er war sichtlich genervt von der Menschenmenge, die sich bereits vor dem Friedhofstor versammelt hatte. Die Haltestelle, die sich nahezu direkt vor dem Friedhof befand, hatte Yilmaz immer als sehr praktisch empfunden. In dieser Situation jedoch betrachtete er diesen Umstand als außerordentlich nervtötend, da die Zahl der Schaulustigen von Minute zu Minute stieg.

»Wie kann ich dir helfen?«, fragte er und versuchte, nicht allzu genervt zu klingen.

»Ich weiß, der Fundort der Leiche ist beschissen, um es nett auszudrücken. Aber wir müssen noch wissen, wer die Leiche gefunden hat.«

»Klar, Frank, versteh ich doch. Siehst du den Typen da hinten, der an der Friedhofsmauer lehnt und ganz entspannt eine Zigarette raucht?«

Kessler blickte über die Schulter seines Kollegen und bemerkte einen Mann an der Friedhofsmauer. Er schien Anfang bis Mitte fünfzig zu sein, mit stark ergrautem Haar, das sorgfältig nach hinten gekämmt war. Der lange schwarze Wollmantel, den er trug, war für seine auffallend große und schmale Statur etwas zu kurz. Trotz der dramatischen Situation wirkte der Mann völlig unbeeindruckt.

Kessler widmete seine Aufmerksamkeit wieder Yilmaz. »Wer ist das?«, wollte er wissen.

»Sein Name ist Heiko Marquardt. Er ist 52 und arbeitet auf dem Friedhof. Komischer Typ. Ich denke, ihr werdet mit ihm viel Freude haben. Er hat den Fund der Leiche heute Morgen um sechs Uhr gemeldet. Nach ersten Erkenntnissen glauben wir aber nicht, dass die Frau hier ermordet wurde. Diese Schuhe, oder was immer diese Dinger darstellen sollen, waren bereits kalt, als wir kamen. Wir haben auch weit und breit keine Spuren von Feuer finden können.«

Langsam fuhr Wagner sich mit dem Daumen über das Kinn.

»Ich denke, so wie ihre Finger aussehen, muss sie versucht haben, sich die Metallkästen auszuziehen. Sie muss geschrien haben wie am Spieß. Das wäre hier viel zu auffällig gewesen.«

Yilmaz bestätigte seinen Verdacht. »Sehe ich ähnlich.«

»Also muss der Täter sie irgendwie hierhin bekommen haben. Vielleicht mit einem Transporter oder Ähnlichem?«, überlegte Kessler.

»Schon, aber ob es Sinn ergibt, so nah an der City nach einem Transporter zu suchen? Auf dieser Straße kommen den ganzen Tag Kleintransporter vorbei«, sagte Yilmaz.

»Das wäre die Suche nach der Nadel im Heuhaufen«, murmelte Wagner.

Zustimmend grunzend warf Yilmaz noch einen letzten Blick auf die Leiche.

Anschließend wandte er sich zum Gehen. »Wir packen dann den Rest jetzt zusammen und kümmern uns darum, dass Dr. Stern heute noch etwas zu tun bekommt.«

Dr. Annelise Stern war die Rechtsmedizinerin, die in vielen Mordfällen hinzugezogen wurde. Ihre Arbeit erfolgte im Rahmen der Rechtsmedizin in Düsseldorf, die für den Kreis Mettmann zuständig war. Kessler und Wagner wussten, dass sie es vermeiden mussten, sie vor dem nächsten Tag aufzusuchen. Die Frau war sowohl äußerst professionell als auch ungestüm, wenn man sie zu früh mit Fragen zum Tathergang konfrontierte.

»Danke, Yilmaz. Tja, dann schauen wir uns Herrn Marquardt doch mal genauer an.«

Kapitel 6

Heiko Marquardt lehnte vollkommen gelassen an der Friedhofsmauer. Seine Augen hatten etwas Katzenhaftes, als würden sie alles um sich herum beobachten.

»Guten Morgen, Herr Marquardt. Ich bin Kommissar Kessler, und das hier«, Kessler nickte in Richtung seines Kollegen, »ist Erik Wagner. Unser Kollege hat uns informiert, dass Sie die Leiche gefunden haben.«

»Das ist richtig«, antwortete Marquardt ruhig, seine Stimme fast tonlos. »Ein Anblick, der den meisten Menschen den Magen umdrehen würde. Aber der Tod ist allgegenwärtig, nicht wahr?«

Kessler straffte die Schultern und steckte die Hände in die Taschen seines Mantels. Seine Augenbrauen waren leicht zusammengezogen, während er Marquardt aufmerksam musterte. Wagner stand etwas seitlich, den Notizblock in der Hand, bereit, jede Information genau zu notieren.

»Wir hätten lediglich ein paar Fragen«, fuhr Kessler fort, seine Stimme nun etwas fester.

»Fragen Sie ruhig.« Marquardts Ton blieb unverändert, doch seine rechte Hand bewegte sich unablässig und mechanisch in der Manteltasche, als folgte sie einem eigenen Rhythmus. Die gleichmäßige Bewegung wirkte irritierend, als wäre sie Teil eines gut einstudierten Rituals.

Kessler beobachtete ihn misstrauisch. »Was haben Sie da in Ihrer Tasche?«

Marquardt hielt kurz inne und zog dann langsam seine Hand hervor, um eine frisch gedrehte Zigarette zu präsentieren. »Vor einigen Jahren habe ich mir den linken Arm gebrochen. Seitdem musste ich lernen, meine Zigaretten anders zu drehen.«

Seine Bewegungen blieben ruhig, als er die Zigarette in den Mund steckte und sie anzündete. Der Rauch kräuselte sich in der kühlen Luft. »Nun, was möchten Sie wissen?«

Kessler ließ seine Augen nicht von Marquardt und spürte die wachsende Spannung, während Wagner mit zusammengezogenen Augenbrauen weiter notierte. »Wann sind Sie heute hier angekommen, und ist Ihnen außer der Leiche etwas Ungewöhnliches aufgefallen?«

Marquardt nahm einen tiefen Zug und ließ den Rauch langsam entweichen, bevor er antwortete. »Ich kam kurz vor halb sechs hier an. Der Nebel lag noch über den Gräbern, als ich sie entdeckte. Zuerst dachte ich, es wäre ein schlechter Scherz. Sie glauben nicht, was für Streiche diese bescheuerten Teenager heutzutage spielen, angetrieben von diesen TikTok-Challenges und dem ganzen Schwachsinn in den sozialen Medien. Manchmal frage ich mich, ob sie überhaupt noch wissen, was Realität ist.« Er schüttelte leicht den Kopf, fast bedauernd. »Aber dann erkannte ich, was vor mir lag – ein unvermeidliches Ende. Ich meldete es sofort. Was hätte ich sonst tun sollen?«

Unverwandt hielt Kessler den Blick auf Marquardt gerichtet, während die Spannung in seiner eigenen Haltung wuchs. Die Bewegungen, die Marquardt zuvor ausgeführt hatte, hatten etwas Unheimliches an sich.

Mit gerunzelter Stirn fragte Wagner: »Haben Sie hier jemanden Verdächtigen gesehen?«

Marquardt ließ seinen Blick langsam über die Menschenmenge vor dem Friedhofstor gleiten. »Verdächtig? Sie alle blicken auf den Tod, als könnten sie ihm entkommen. Aber wir wissen es besser, nicht wahr? Niemand entkommt dem Tod. Das Einzige, was wir nicht wissen, ist das Wann und Wie.«

Langsam trat Wagner näher an Kessler heran. Sein Misstrauen wuchs ebenso wie das seines Kollegen. »Sie scheinen ziemlich unbeeindruckt davon zu sein, eine Leiche gefunden zu haben. Hat Ihnen jemand psychologische Unterstützung angeboten?«

Marquardt drehte sich leicht zu Wagner um, seine Augen funkelten im trüben Licht. »Warum sollte mich der Fund erschüttern? Der Tod ist das Einzige, das sicher ist. Die meisten blenden ihn aus, bis es sie trifft. Aber das ändert nichts am Ende. Es ist der Lauf der Dinge, und niemand sieht es kommen.«

Nach kurzem Abwägen beschloss Kessler, einen anderen Ansatz zu versuchen. »Herr Marquardt, kannten Sie die Verstorbene? Ist sie Ihnen hier auf dem Friedhof oder vielleicht anderswo jemals begegnet?«

Marquardt schüttelte langsam den Kopf. Jede Bewegung, bedingt durch seine enorme Größe, wirkte bedacht und eindrucksvoll. Seine Stimme blieb ruhig und kontrolliert, während er sprach. »Nein, ich kannte sie nicht. Aber ich erkenne den Ausdruck auf den Gesichtern der Toten. Sie alle haben diese letzte, unausweichliche Erkenntnis, dass das Leben sie verlassen hat. Es ist … faszinierend.«

Kessler konnte nicht anders, als zu bemerken, wie Marquardt das Wort »faszinierend« betonte, als ob der Tod selbst für ihn eine Art morbides Vergnügen bereithielt. Die Stimmung zwischen den drei Männern wurde angespannter und fast greifbar.

»Vielen Dank für Ihre Zeit, Herr Marquardt.« Kessler entschied, dass es an der Zeit war, das Gespräch zu beenden.

Sie hatten genug gehört, um zu wissen, mit wem sie es hier zu tun hatten.

»Wir werden uns bei weiteren Fragen an Sie wenden«, setzte er nach.

Marquardt nickte knapp. Sein Gesicht zeigte ein kleines, fast unmerkliches Lächeln, das in der kühlen Luft des Friedhofs unheimlich wirkte. Langsam und mit bedächtigen Schritten wandte er sich von den beiden Kommissaren ab. Seine riesige Gestalt bewegte sich quälend langsam, als wäre jeder Schritt, jede Handlung minutiös durchdacht.

Noch einen Moment beobachteten Kessler und Wagner ihn, bevor sie sich ebenfalls abwandten und in Richtung Ausgang des Friedhofs gingen. Beide waren sich bewusst, dass sie auf etwas Unheimliches gestoßen waren. Etwas, das sie noch lange verfolgen würde.

»Bilde ich mir das nur ein, oder ist der Typ echt unheimlich? Mit seinem Auftritt könnte er glatt in irgendeinem schrägen Teenie-Horrorfilm mitspielen. Was denkst du?«, fragte Wagner schließlich. Seine Stimme war einen Tick lauter als beabsichtigt, während sie sich bereit machten, den Friedhof zu verlassen.

»Nicht so laut, Erik!«, wies Kessler ihn streng zurecht. »Wir sind hier immer noch auf einem Friedhof.«

Amüsiert schnaubte Wagner. »Ach, komm schon! Denkst du wirklich, die Toten machen jetzt einen Aufstand, weil wir ihre Ruhe stören? Vielleicht sind sie einfach froh, dass es mal etwas Abwechslung gibt.«

Kessler schwieg einen Moment, die kalte Luft schnitt ihm ins Gesicht. »Ich denke, wir sollten sehr genau aufpassen, was unser Herr Marquardt in den nächsten Tagen so treibt.«

»Ach, der ist harmlos. Ich glaube, dieses Auftreten macht ihm Spaß. Mir würde es jedenfalls Spaß machen, wenn ich hier arbeiten würde und dann auch noch eine Leiche finde, die nicht in ihrem Holzkasten liegt.« Wagner grinste belustigt vor sich hin.

Plötzlich hielt er inne und starrte auf die Menschenmenge vor dem Friedhof. Ein unangenehmes Gefühl kroch in ihm hoch, als würde jemand sie intensiv beobachten und jeden ihrer Schritte verfolgen. »Meinst du, der Täter ist so dreist und mischt sich unter die Schaulustigen?«

Kessler folgte seinem Blick. »Würde mich jedenfalls nicht wundern. Solche Typen genießen das Drama und die Aufmerksamkeit.«

- Ende der Leseprobe -

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