
Es begann mit einem Flüstern. Keinem drohenden, keinem lauten. Nur einem sanften Wispern, das in den Schatten der Geschichten lauerte. Erst verblasste ein Wort, dann ein Name, bis schließlich eine ganze Erzählung ihre ursprüngliche Bedeutung verlor. So leise, dass es niemand bemerkte.
Unsere Welt blieb bestehen, solange Worte sie stützten und ihre Ordnung bewahrten. Doch Worte wurden trügerisch und Erinnerung ein schwankendes Fundament. Man sagte, dass einst ein Herz im Zentrum aller Dinge geschlagen hatte, ein Taktgeber, der den Geschichten Leben einhauchte. Mit der Zeit jedoch wurde sein Schlag schwächer, seltener, bis er schließlich ganz verstummte.
Doch dies geschah nicht ohne Grund. Mit jeder Geschichte, die nicht mehr erzählt wurde, mit jeder Wahrheit, die infrage gestellt wurde, verlor die Welt ihre Gestalt. Nicht durch Vernichtung, sondern durch Veränderung, die jedes Gewicht und jede Ordnung untergrub.
Märchen folgten Regeln. Regeln, die über lange Zeit gewahrt worden waren. Zu ihnen gehörte der feste Zyklus, dem jedes Märchen nach seinem ersten Vollzug unterlag. Es begann, entfaltete sich und fand sein Ende. Mit diesem Ende setzte es erneut an. Der Held stellte sich der Prüfung, die Hexe wurde besiegt, der Kuss brach den Fluch.
Doch was blieb, wenn dieses Gefüge ins Wanken geriet? Wenn Prüfungen keine Lösung mehr fanden, wenn sich Flüche nicht mehr lösen ließen, wenn Helden und Schurken ihre Rollen vergaßen? Einst hatte der Held sein Schwert gegen das Böse gezogen, doch das Böse besaß kein Gesicht mehr. Die Prinzessin wartete auf Erlösung. Sie wartete und wartete. Doch kein Held kam. Ihre Haut verlor den Glanz, ihr Haar ergraute, ihre Hände wurden knochig. Die Zeit, die einst vor den Märchen Halt gemacht hatte, verlor ihre Beständigkeit. Sie floss schneller, langsamer oder gar nicht, chaotisch und gnadenlos.
Aus der schönen Prinzessin wurde eine alte Jungfer, aus der alten Jungfer eine gebrechliche Frau. Trotz gekrümmten Rückens stand sie weiterhin am Fenster, die milchigen Augen auf einen Retter gerichtet, der längst nicht mehr existierte.
Die Regeln, die einst alles zusammengehalten hatten, zerbröckelten Stück für Stück. Der moralische Kompass, der einst hatte führen sollen, drehte sich ziellos, ohne Fixpunkt. Das Gerüst der Geschichten begann zu schwanken und mit ihm jeder Preis, den eine Geschichte gefordert hatte.
Nur wenige hielten noch an ihrer Ordnung fest, klammerten sich an alte Schwüre und an Versprechen, die längst hätten vergehen sollen.
Doch selbst sie konnten den Verfall nicht aufhalten. So wurden Prüfungen zu Irrwegen, Opfer zu leeren Gesten, Schmerz zu einem Kreislauf ohne Ende.
Viele der Erzählten zerbrachen daran. Ihr Verstand bröckelte wie ihre Rollen im Staub der Geschichten, bis der Wahnsinn sie beherrschte. Das Herz der Geschichten war nur noch eine verblasste Erinnerung, ein Mythos aus einer Zeit, in der Worte noch eine Heimat besessen hatten.
Doch nicht nur die bekannten Gestalten litten unter diesem Zerfall. Auch jene, die schon immer zwischen den Zeilen existiert hatten, verloren ihren Halt. Sie, die in den ungesagten Worten gehaust hatten, die unbeachtet durch Geschichten gewandert waren, ohne je wirklich Teil von ihnen zu sein.
Der Abfall der Magie, geboren aus dem unausweichlichen Preis jedes Zaubers, jedes Wunsches, jedes Artefakts. Sie trugen kein Gewicht, hatten keinen Platz in der Ordnung. Sie blieben Schatten mit Namen, die nie niedergeschrieben worden waren, Stimmen ohne Echo.
Was aus ihnen wurde, dürfte vielleicht nicht erzählt werden. Doch manche Wahrheiten lassen sich nicht verschweigen, auch wenn das Erzählen selbst zur Wunde wird, die sich niemals schließt.
»Gustav!«, brüllte ich über meine Schulter durch den überfüllten Schankraum des Dreibeinigen Henkers. »Noch ein Bier!«
Keiner der anderen Gäste beachtete mich. Wieso auch? Sie waren an diesem Morgen aus dem gleichen Grund hier wie ich. Sie wollten trinken und vergessen, dass sie existierten.
Meine Augenbraue pochte. Auf dem Weg hierher war ich blöd genug gewesen, den Schreien zu folgen. Die Belohnung dafür war eine Weinflasche, die mir Rothkäppchen über den Schädel gezogen hatte. Ich hätte sie am liebsten mit ihrem verdammten Umhang gewürgt, aber das hätte die Situation auch nicht besser gemacht. Also war ich weitergegangen und versuchte, die Bilder aus dem Haus ihrer Großmutter aus meinem Kopf zu drängen. Jetzt nicht. Jetzt wollte ich trinken. Und dieser Ort war genau der richtige dafür.
Der Dreibeinige Henker war ein Ort voller Laster und Fäulnis. Mir war das recht. Hier fand ich Zuflucht. Und jede Menge Alkohol. Der Raum war düster, und der Geruch von modrigem Holz und verfaultem Bier klebte an allem. An den Wänden krochen Schimmelflecken empor. Das Licht, das durch die vergilbten Fenster drang, war schwach und trübe. Mein Tisch war klamm und von einem dicken Schimmelüberzug befallen. An einigen Stellen war er dermaßen feucht, dass er sich fast auflöste.
Mit einer beiläufigen Bewegung schob ich meinen leeren Krug über den Tisch und wartete. Trinken bedeutete Vergessen. Wenigstens für ein paar Stunden. Das Bier schmeckte nach altem Sumpf und rostigem Eisen. Abgestandenes Flusswasser hätte ehrlicher gewirkt. Trotzdem trank ich. Alles war besser als Nüchternheit. Klarheit setzte sich in den Schädel und bohrte, bis man wieder anfing zu denken. Heute griff das Zeug nicht. Kein Taumel, kein dumpfer Nebel. Nur Klarheit, die ich nicht bestellt hatte. Wahrscheinlich hatte Gustav es gestreckt. Hätte zu ihm gepasst.
Mit einem dumpfen Schlag stellte der schäbige Kerl mir den nächsten Krug hin und nahm den leeren wieder mit. Seine Finger klebten am Henkel. Er stapfte zurück hinter den Tresen, kippte frisches Bier hinein, ohne den Krug auch nur anzusehen, und schob ihn dem Nächsten vor die Nase. Dann griff er nach dem Tuch auf seiner Schulter, zog es herunter und schnäuzte laut hinein. Anschließend wischte er mit demselben Stoff über die Theke.
Ich verzog den Mund. Gustav hielt nicht viel von Sauberkeit, aber immerhin stellte er keine Fragen. Vielleicht war dies das Beste an ihm. Man musste schon froh sein, dass er nicht in die Gläser spuckte. Zumindest nicht, wenn jemand hinsah.
Ich nahm einen tiefen Schluck. Ich war der Rest eines Wunsches, der jemand anderem ein glückliches Ende bescherte. Ich war eine Unerzählte. Keine Heldin, kein Opfer, nur der Beweis, dass auch Geschichten Abfall produzierten. In unserem Fall waren das die Geschichten der Gebrüder Grimm. Mit ihren Worten erschufen sie unsere Welt. Und meine Existenz? Die hatte ich ausgerechnet dem Märchen Aschenputtel zu verdanken.
Wenn ich meinen derzeitigen Zustand einbezog, war die Ironie dahinter schon fast grotesk. Also trank ich, um das Rauschen zu ersticken, das mich an mein eigenes Entstehen erinnerte. Ich wollte vergessen. Diesen Schmerz nicht mehr fühlen. Also trank ich mehr, als ich es ohnehin schon immer getan hatte.
Rückblickend war mein Handeln dumm und erbärmlich, doch wenn man Tag für Tag damit leben muss, dass man zwar frei, aber ohne Bedeutung ist, gibt es irgendwann nicht mehr viele Alternativen.
Ich war nicht immer so. Es gab eine Zeit, in der selbst ich etwas wie Leichtigkeit in mir getragen hatte. Tristan und ich standen damals oft am Rand der Geschichten, beobachteten, wie ihr Zyklus sich immer und immer wieder wiederholte. Alles schien geordnet. Berechenbar. Kein Platz für Zweifel, aber auch nicht für uns.
Ich hatte mir heimlich gewünscht, ein Teil davon zu sein, ein einziges Mal nicht nur der Rest eines fremden Wunsches zu sein. Ich hatte es nie laut gesagt, schon gar nicht Tristan gegenüber. Wenn ich ihm zu nahe kam, fühlte es sich an, als wäre ich angekommen. Doch ich hatte es nie über mich gebracht, es ihm zu sagen.
Dann veränderte sich die Welt. Erst kaum merklich. Die Erzählten wurden unruhig, handelten anders, als sie es immer getan hatten. Figuren, die einst milde gewesen waren, griffen plötzlich zu Härte. Die Bestrafungen änderten sich. Einige wurden grausamer, andere nachgiebiger. Die Änderungen griffen ineinander, kollidierten und zogen keine gerade Linie mehr. Szenen, die jahrhundertelang festgelegen hatten, fühlten sich plötzlich falsch an, wie schlecht ausgebesserte Nähte. Doch das war erst der Anfang. Nach und nach begann diese Welt zu verrotten.
Nicht nur die Erzählten, sondern alles, was die Grimms seinerzeit erschaffen hatten. Da erkannte ich, dass, wenn selbst die Erzählten keinen Halt und kein glückliches Ende mehr haben sollten, es dem Abfall der Magie noch viel weniger zustand.
Etwa zur gleichen Zeit tauchte der Henker auf. Dieses Gebäude war alt und falsch zugleich. Ein Ort, der nach Tod und Verderben roch. Ordnung bricht nie mit einem Knall. Sie fault leise, bis man merkt, dass der Boden unter den Füßen schon hohl geworden ist.
Viele fanden Zuflucht im Dreibeinigen Henker. Man ging sich aus dem Weg, trank, wartete, ob auch wir bald dem Wahnsinn zum Opfer fallen würden.
Langsam ließ ich den Raum auf mich wirken. Ein Fremder an der Theke stach heraus. Groß, breitschultrig. Ein fahler Lichtstreifen fing sich in seinem dunklen Haar und ließ es kurz golden aufglimmen. Für einen Atemzug wirkte er wie ein Prinz. Aber Prinzen verloren sich nicht im Henker.
Plötzlich veränderte sich das Licht. Es flackerte, als hätte etwas draußen die Sonne verschluckt. Eine Bewegung glitt über das Fenster, zu groß für eine Ratte, zu schnell für einen Menschen. Mein Nacken spannte sich. Ich riss den Blick vom Fremden los und sah hin. Nur das schmutzige Glas. Nur das graue Licht. Kein Schatten mehr. Ich schob es auf Gustavs Bier. Vielleicht begann die Plörre ja doch endlich zu wirken.
Neben der Theke, direkt am trüben Fenster, saß ein Mann, der sich längst aufgegeben hatte. Sein zerlumpter Mantel klebte an seinem Körper, getränkt von Regen und Schweiß. Seine Augen waren wässrig, starr ins Leere gerichtet. Eine schmierige Strähne fettiger Haare klebte an seiner Stirn. Unter ihm hatte sich eine schmutzige Pfütze gebildet, ein beißender Gestank nach Ammoniak stieg von dort auf und vermischte sich mit dem modrigen Bierdunst des Raumes. Niemand sonst beachtete ihn.
An einem anderen Tisch wurden Glücksspiele betrieben. Die Männer und Frauen lachten ausgelassen, als versuchten sie, der Welt um sie herum zu entkommen. Sie verdrängten, was geschah, und spielten, als ob es um ihr Leben ginge. Ich fragte mich, welches Glück sie noch zu jagen hofften, wenn alles andere längst zerfallen war.
Mein Blick fiel auf zwei Männer, die sich in den Schatten einer Nische hinter der Eingangstür drängten. Der eine lehnte mit dem Rücken gegen die Wand. Seine Haut war schmutzig und schlaff, von den Jahren gezeichnet. Ihm fehlten etliche Zähne. Der andere kniete vor ihm, die Finger zitternd, als er ihm mit groben, ruppigen Bewegungen die Hose öffnete, bevor er ihn ohne Vorwarnung in den Mund nahm. Der Mann an der Wand stöhnte tief und lehnte den Kopf zurück.
Einige drehten sich um und warfen einen flüchtigen Blick zu den beiden, aber es war zu vertraut, zu abgenutzt, als dass es wirklich jemanden interessiert hätte. Viele der Unerzählten lebten ihr Dasein auf eine solche Art aus. Wenigstens hatten sie noch Leidenschaft für etwas übrig, selbst wenn es diese Form annahm.
Angewidert drehte ich mich weg und sah über meine Schulter zu den anderen Gästen. Man musste ja nicht alles mitansehen, auch wenn es nichts Neues war.
Im Halbdunkel, an einem Tisch, saßen zwei Männer, deren bloße Existenz falsch wirkte. Ihre Haut war fahl, spannte sich unnatürlich über die Knochen. Die Lippen waren rissig, schimmerten bläulich, und ihre Augen lagen tief in den Höhlen, verschattet, hungrig. Der eine bewegte sich kaum, nur ein leises Röcheln drang aus seiner Kehle. Der andere rührte mit seinem langen, dünnen Finger in einem Krug. Eine Made kroch aus einer Schnittwunde an seiner Wange langsam Richtung Ohr. Keiner von beiden schien es zu bemerken.
Plötzlich hob einer den Kopf und starrte mich an. Etwas Kaltes kroch mir die Wirbelsäule entlang. Dieses Loch zog sogar die Toten an. Oder jene, die es längst hätten sein sollen.
Der Dreibeinige Henker sah aus, wie der Inhalt eines aufgeplatzten Magens, der in der Sonne vergessen wurde. Das Holz war schwarz und vor Feuchtigkeit verzogen. Ich blieb davor stehen und grinste. Elara würde schon drinnen sitzen und versuchen, sich in einen Zustand jenseits jeder Vernunft zu trinken.
Ich drückte die Tür auf. Sie klemmte, und der Geruch schlug mir entgegen. Abgestandenes Bier, Schimmel, Rauch und ein Hauch verbrannten Fetts. Ich lachte leise und murmelte: »Gemütlich wie ein Massengrab.« Wenn es einen Ort gab, der sich hartnäckig weigerte, anständig zu sterben, dann diesen.
Die Gäste passten dazu. Schlafende Wracks. Spieler, die auf ein Wunder warteten, das längst abgehakt war. Zwei Männer in der Ecke, die sich in müdem Trost aneinanderdrückten. Irgendwie rührend, wenn man genug Abstand hielt.
Viele hier sollten eigentlich schon längst unter der Erde liegen. Jedenfalls sahen sie so aus. Manche rochen, als hätten sie dort schon Probe gelegen und seien zurückgekehrt, weil selbst ein Grab sie nicht haben wollte. Abfall von Geschichten findet eben immer seinen Weg nach oben. Wir hatten nie einen Ort, der uns halten wollte.
Dann sah ich Elara. Allein am Tisch, halb im Schatten. Sie hielt ihren Krug wie etwas, das man festhalten muss, wenn man nicht untergehen will. Ihr Blick hing irgendwo zwischen Zorn und völliger Erschöpfung. Dann brüllte sie: »Gustav! Noch ein Bier!«
So klar, wie sie klang, hatte sie noch längst nicht genug getrunken. Wir würden heute wohl sehr lange hier sitzen.
Früher reichte ihr wenig, nur genug, damit die Welt ein wenig weicher wurde. Irgendwann kippte das. Ich weiß nicht mehr, wann genau. Vielleicht gab es einen Moment, in dem sie einfach aufgab. Oder es war ein langer Fall gewesen, den ich erst bemerkte, als es längst zu spät war. Ich suchte diesen Punkt manchmal in mir, aber da war nur Nebel. Und das passte zu ihr. Wenn sie fiel, machte sie keinen Lärm. Sie sank einfach, und man merkte es erst, wenn sie zu tief war, um sie noch zu erreichen.
Ich lehnte mich an die Tür und sah sie an. Es gab diesen Moment am Fluss, damals. Sie hatte im Schlaf meine Hand gegriffen. Ein kurzer Druck, kaum echt, aber genug, um etwas in mir aufreißen zu lassen, das ich bis dahin gut vergraben hatte. Sie murmelte etwas Unverständliches, vielleicht ein Wort wie »Ende«, vielleicht etwas ganz anderes. Ich strich ihr über den Kopf, so vorsichtig, dass sie es nicht bemerkte. Ich hatte es ihr nie gesagt. Sie hätte gelacht. Und ich hätte so getan, als wäre es mir egal.
Ich war der Rest eines Wunsches, der nie für mich gedacht war. Ein Preis, den jemand für fremdes Glück zahlen musste. Mein Name hatte kein Gewicht, außer dem, das sie ihm gab. Und wenn ich je ausgesprochen hätte, was sie mir bedeutete, würde sie mich mit einem einzigen Lachen auseinandernehmen. Ich verachtete mich dafür, dass ich es trotzdem fühlte.
Sie wirkte, als würde sie jeden Moment in sich zusammensacken, und ich stand da mit einem schiefen Lächeln, das genauso nutzlos war wie ich. »Elara, du prachtvolles Stück Elend«, flüsterte ich. »Wenn dich einer retten könnte, würdest du ihn wahrscheinlich erschlagen.« Vielleicht hoffte ich trotzdem, dass ich es wäre. Vielleicht war das mein letzter Rest von Dummheit.
Die Welt stand noch, auch wenn sie an allen Kanten bröckelte. Solange sie stand, blieb ich bei ihr. Sie war der einzige feste Punkt in diesem langsamen Zerfall. Und ich war nie besonders gut darin gewesen, mir neue Gründe zu suchen, irgendwo zu bleiben. Ehrlich gesagt wollte ich auch keinen anderen. Ein Mensch reichte vollkommen.
Ich richtete meinen Mantel, zog den Kragen hoch und zwang mir das Grinsen zurück ins Gesicht. Es legte sich wie eine dünne Schicht Frost über mich, kalt, aber tragfähig genug, damit ich nicht auseinanderfiel. Dann ging ich zu ihr hinüber. Der Gestank fühlte sich für einen Moment beinahe vertraut an.
Schritte näherten sich.
»Hast schon mal besser ausgesehen.« Die Stimme war tief, getragen von resigniertem Spott. Ich hätte sie unter Tausenden sofort erkannt.
Ich verzog keine Miene, als Tristan sich mir gegenüber auf den Stuhl sinken ließ. Seit wir existierten, war er mein Gefährte, auch wenn seine Art mich regelmäßig in den Wahnsinn trieb.
»Rothkäppchen«, murmelte ich. »Sie hatte eine Weinflasche. Ich hatte Pech.« Mehr sagte ich nicht.
Tristans Augenbrauen zogen sich langsam zusammen. »Rothkäppchen …?«
»Ja! Rothkäppchen!« Wieder spürte ich, wie der Zorn mich überrollte.
»Wieso sollte ein kleines, unschuldiges Mädchen dir eine Weinflasche über den Schädel ziehen? Steht dir übrigens verdammt gut. Das macht dich … verwegen.«
»Ach, unschuldig? Dieses bescheuerte Gör war gerade dabei, seine Großmutter abzuschlachten, wegen dieser verdammten Flasche. Ich wollte sie aufhalten, hab sie von der Alten weggezogen, und dann zieht sie mir die Flasche über den Schädel. Und jetzt halt die Klappe und lass mich trinken. Vielleicht hört mein Gesicht dann auf zu schmerzen.« Die letzten Worte presste ich geradezu heraus.
»Sie dachte bestimmt, dass du es auf die Flasche abgesehen hattest. Immerhin weiß die Kleine inzwischen, wie man sich um sich selbst kümmert. Man muss ja auch Prioritäten setzen, und guter Wein ist heutzutage rar«, erwiderte er mit einem Lächeln.
Was für ein Idiot. Ich saß hier, mit pochender Visage, und er konnte wirklich noch Witze über Rothkäppchens Situation machen?
Ich verstand es nicht. Die Welt drehte immer mehr durch, und je mehr Erzählte ins Wanken gerieten, umso mehr Unerzählte rotteten sich zusammen, um sich bei Gustav zu betrinken. Ich war froh, dass ich überhaupt noch einen Platz bekommen hatte. Aber wer sich so früh auf den Weg macht, hat manchmal eben auch ein wenig Glück. Diese Absteige als Glück zu betrachten, sagte mehr über mich aus als über die anderen, die hier in ihrem Elend badeten.
Gustav schlurfte heran und stellte Tristan einen Krug abgestandenen Biers vor die Nase.
»Du hast dich echt von ’nem Kind verprügeln lassen?« Er schnaubte. »Dann kannst du deinen Kater morgen wenigstens auf Rothkäppchen schieben.«
Mit zusammengebissenen Zähnen hob ich den Blick. Für einen Moment überlegte ich, ihm den Krug ins Gesicht zu werfen. Ich ließ es. Gustav war ansatzweise nützlich. Immerhin versorgte er mich mit Alkohol.
Er beugte sich vor. Erst ein Stück. Dann noch ein Stück. Schließlich war seine Nasenspitze nur noch eine Handbreit von meinem Gesicht entfernt. »Holla, das sieht ja echt beschissen aus.«
»Ach wirklich? Ich hatte gehofft, ich würde dadurch gefährlich aussehen«, erwiderte ich tonlos.
Noch nie waren wir uns so nah gekommen. Ich unterdrückte den Impuls, ihn wegzustoßen. Dafür hätte ich ihn anfassen müssen. Der Gedanke ließ mich kurz würgen.
Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Tristan an die Decke starrte und sich das Lachen verkniff. Verräter.
»Du bist alles andere als gefährlich«, meinte Gustav.
Schließlich richtete Gustav sich wieder auf und trat einen halben Schritt zurück. Er schüttelte langsam den Kopf und verzog das Gesicht. »Nee. So kann man das nicht lassen. Warte. Ich hab da was.«
Unbeholfen schob er seine schwielige Pranke in die Hosentasche und zog ein kleines, vergilbtes Päckchen hervor. Das Papier war speckig und weich. Er hielt es mir hin.
»Was soll das sein?«, murrte ich und nippte misstrauisch an meinem Bier.
»Nimm’s, bevor ich’s mir anders überlege. Deine Braue ist doppelt so dick wie die andere. Ich mag es nicht, wenn was aus dem Gleichgewicht gerät.«
Widerwillig nahm ich das Päckchen und faltete es auseinander.
»Oh … ist das etwa …«, begann Tristan.
Gustav nickte zufrieden und schnäuzte in sein Tuch. »Quellfett. Vom Wasser des Lebens. Angereichert mit dem Ohrenschmalz eines Zwerges.«
Ich verzog das Gesicht. Der Geruch war schon durch das Papier zu erahnen. Das Zeug war selten, aber nicht unmöglich.
Unerzählte konnten Erzählte nicht berühren, aber alles, was die Erzählten verloren, konnten wir nutzen. Und einige wenige wussten, wie man solchen Kram umschmolz, bis etwas Neues daraus entstand. Widerlich, aber nützlich.
Quellfett war genau das: ein Tropfen vom Wasser des Lebens, vermischt mit Zwergen-Ohrenschmalz, gekocht bis zur Konsistenz einer verdorbenen Salbe.
»Wie kommst du da ran?«, fragte Tristan.
Gustav zuckte die Schultern. »Ich war an der Quelle. Hab genommen, was da war. Wenn die Welt zerfällt, hat keiner mehr die Kraft, über Eigentum zu streiten. Und ich brauche hier Heilzeug. Hab keine Lust, ständig Blut von meinem Fußboden zu kratzen.«
Natürlich. Weil ein bisschen Blut auf diesem Boden auch eine solche Katastrophe wäre.
»Gustav?«, brüllte jemand aus der anderen Ecke.
Ohne ein weiteres Wort trottete er davon.
Sofort griff Tristan nach dem Quellfett, nahm etwas zwischen zwei Fingern und schmierte es mir auf die Wunde. Der Gestank brannte in meinen Augen. Seine Finger waren zu nah. Zu vertraut. Für einen Atemzug fühlte es sich an, als würde etwas in mir aufbrechen, ein alter Reflex, der sich nach Wärme sehnte, obwohl ich wusste, dass genau das mich ruinieren würde. Also drückte ich das Gefühl weg, schob es dorthin, wo all das andere lag, das ich mir nicht erlauben durfte. Er meinte es gut, wie immer. Und genau das machte es gefährlich. Aber die Hitze unter meiner Braue kühlte ab wie ein Stein im Wasser.
Er faltete das Papier zusammen und steckte es ein. »Man weiß nie, wann man so was braucht.«
Tristan hob seinen Krug, trank in einem Zug die Hälfte leer und starrte dann auf meine Augenbraue.
»Unglaublich«, murmelte er, lehnte sich zurück und begann, mit dem Stuhl zu kippeln, wie er es häufig tat, wenn ihn ein Gedanke nicht losließ.
Ich berührte die Stelle. Die Haut war fast glatt. Fast heil.
Plötzlich riss Tristan die Augen auf, kippte mit seinem Stuhl nach hinten und fiel zu Boden.
Ich sprang auf, rannte um den Tisch und zog ihn schnell wieder auf die Füße. »Bist du überhaupt zu irgendetwas Sinnvollem fähig, Tristan?«, fragte ich verärgert.
Gerade als ich den Mund öffnete, um eine weitere Schimpftirade loszulassen, legte er seinen Finger auf meine Lippen. Für einen Moment verweilte sein Blick dort. Ich verdrehte die Augen und wartete.
Schließlich sagte er leise: »Du verstehst es nicht, oder?«
»Was verstehe ich nicht?«, murmelte ich an seinem Finger vorbei.
»Also wirklich, Elara, bist du überhaupt zu irgendetwas Sinnvollem fähig?«, wiederholte er meine Worte. »Hast du es echt nicht bemerkt? Ich meine, ja, ich weiß, du hast resigniert und sitzt hier und schüttest die Plörre des Vergessens in dich hinein, aber …«
Wutentbrannt schlug ich seine Hand weg. Ich hasste es, wenn er drumherum redete. »Verdammt, Tristan, jetzt sag endlich, worauf du hinauswillst!«
Tristan legte den Kopf schief, sein Blick wurde ernst, doch um seinen Mund schlich sich ein schelmisches Grinsen. »Elara, verdammt. Rothkäppchen! Diese großmuttermordende Säuferin! Du konntest sie berühren!«
Irgendwie mochte ich diesen Ort. Er war ein Zufluchtsort für verlorene Seelen wie mich. Der Geruch von Bier, Rauch und feuchtem Holz hing in der Luft. Sogar hier verrottete die Welt. Außerdem gab es hier nichts, was den Hunger in mir befeuern konnte. Der Tresen war klebrig, der Krug vor mir warm, und hinter meinem Rücken schwappte der Lärm der Gespräche wie schmutziges Wasser gegen eine Wand.
Zwei Stimmen stachen heraus. Eine Frau und ein Mann. Nach einer Weile hörte ich auch ihre Namen: Elara und Tristan. Dann sagte sie etwas, das mich kurz innehalten ließ: Diese Elara behauptete, sie hätte Rothkäppchen berührt. Ich hob den Kopf, lauschte und wartete darauf, dass jemand lachte. Niemand tat es.
Unsinn. Niemand konnte einen Erzählten anfassen. Das war, als wolle man Rauch greifen oder Licht festhalten. Ich schnaubte leise in mein Bier, mehr Spott als Erstaunen. Vielleicht waren die beiden einfach betrunken oder vielleicht dümmer als der Durchschnitt, beides kam in diesen Zeiten häufig vor. Ich trank nicht. Das Bier roch, als hätte man irgendwo im Wald einen der sieben Zwerge vergessen, bis er alt und faulig geworden war.
Mein Blick glitt zum Wirt, der sich mit dem Tuch, mit dem er sonst die Krüge abtrocknete, laut in die Nase schnäuzte. Ich sah wieder auf den Krug und schob ihn von mir weg.
Das Gespräch hinter mir verblasste, und ich wandte mich dem Spiegel über der Theke zu. Das Glas war von grauen Schlieren durchzogen und verzerrte mein Gesicht. Es vibrierte fast, als wüsste es, dass ich hinsah. Dieser Spiegel war das Gegenteil von jenem, aus dem ich entsprungen war, der der bösen Königin.
Ich dachte wieder an den Hunger. An diesen jämmerlichen Begleiter, der sich wie Fieber durch meine Venen fraß. Er richtete sich auf alles, was unberührt war, auf das, was zu vollkommen war, um zu existieren. Der Gedanke daran ekelte mich an. Und doch wusste ich, dass diese Bestie ein Teil von mir war. Und bleiben würde.
Ich sah auf meine Hand. Die Haut dort war vernarbt. Ich hatte mich selbst verbrannt, um zu prüfen, ob Schmerz das Feuer in mir löschen konnte. Er konnte es nicht, aber er gab mir wenigstens Grenzen. Schmerz war ehrlich, anders als mein Ursprung, anders als mein Hunger.
Ich griff nach dem Krug, drehte ihn mit beiden Händen, beobachtete, wie das trübe Bier zitterte. Kein Spiegelbild, kein Licht. Nur Dunkelheit, die ruhig blieb.
Wie konnte ich das übersehen? Ich hatte dieses verrückte Mädchen gepackt und seitdem keinen einzigen Gedanken daran verschwendet, dass ich sie berührt hatte.
»Lass mich raten«, sagte Tristan leise, »du warst so betrunken, dass du es gar nicht wirklich bemerkt hast, hab ich recht?«
Ich zog die Augenbrauen zusammen. Er kannte mich zu gut, aber diesmal irrte er sich. »Nein, verdammt. Ich war absolut nüchtern. Und ich bin es immer noch«, sagte ich schärfer, als ich wollte. Ich schlug mit der Hand auf den Tisch. »Weil Gustavs verdammtes Bier heute nicht wirkt.«
Ein paar Gäste sahen herüber. Mir war es egal. Einer ließ seinen Krug sinken, als hätte ich ihn persönlich beleidigt. Dann wandte er sich wieder seinem Elend zu.
Verdammter Wirt. Ich hätte auch Wasser trinken können. Das wäre vielleicht sogar genießbarer gewesen. Was zum Teufel mischte Gustav da zusammen?
»Oder du hast dich schon an das Zeug hier gewöhnt«, meinte er achselzuckend.
»Aber was macht das für einen Unterschied?«, fragte ich und ließ mich wieder auf meinen Platz sinken. Ich winkte Gustav zu. Ich brauchte dringend mehr Alkohol. Alles fühlte sich leichter an, wenn mein Kopf vernebelt war.
»Was das für einen Unterschied macht? Vermutlich keinen.« Tristans Augen funkelten seltsam. Ich konnte nicht sagen, ob es Aufregung oder Wahnsinn war. Wahrscheinlich beides. »Betrunken oder nicht, Fakt ist, du konntest eine Erzählte berühren! Ich muss unbedingt versuchen, ob es bei mir auch funktioniert. Wenn wir sie berühren können, dann sind wir Teil ihrer Welt.«
Seine Worte hallten in mir nach. Teil ihrer Welt. Teil einer Welt, die uns nie wollte.
»Hör auf, an Märchen zu glauben, Tristan«, stöhnte ich verbittert. Ich wollte nichts Positives an unserer Situation sehen. Positives bedeutete Hoffnung, und Hoffnung war das grausamste Märchen von allen.
»Vielleicht liegt die Wahrheit auch irgendwo dazwischen«, sagte eine Stimme hinter mir. Mein Nacken zog sich sofort zusammen. Fremde Stimmen bedeuteten selten etwas Gutes in dieser Welt.
Noch bevor ich mich umdrehen konnte, setzten sich die zwei Männer, die ich vorher am Tisch hinter mir gesehen hatte, links und rechts von uns. Ihr Auftreten hatte etwas Besitzergreifendes, als gehöre ihnen plötzlich der Raum.
»Das ist aber nicht die feine Art, sich einfach in Gespräche einzumischen und sich dann noch ungefragt an den Tisch von irgendwelchen Leuten zu setzen«, spottete Tristan mit gespielter Gelassenheit. Ich wusste, dass er bluffte. Hinter seiner Stimme lag dieselbe Nervosität, die mir das Blut in den Adern gefrieren ließ.
Einer der Männer, der mit der Schnittwunde im Gesicht, hob eine Hand, um ihn zum Schweigen zu bringen. Sein Blick ruhte unverschämt lange auf mir – wie Schimmel an feuchtem Holz.
Ich musste würgen, als ich den süßlichen Geruch von Verwesung wahrnahm, der von den beiden ausging. Es war der Geruch von Dingen, die längst tot sein sollten, aber zu stolz waren, sich begraben zu lassen. Da war mir Gustavs Quellfett deutlich lieber.
Die Made, die sich inzwischen in dem Ohr des Mannes eingenistet hatte, reckte sich in meine Richtung. Für einen Moment hatte ich das Gefühl, das Ding würde mich ansehen.
»Höflichkeiten sind überbewertet«, begann einer der beiden schließlich. »Wir beobachten euch schon eine Weile, und dies ist nicht der Ort, an dem ihr bleiben solltet. Für diesen Moment aber ist er der richtige.«
»Ach nein?« Ich lachte auf. »Dann erzählt uns doch mal, wo wir stattdessen sein sollten. In einem prachtvollen Schloss voller Hexen, die Kinder mästen, obwohl sie ihr eigenes verfluchtes Brothaus fressen könnten?«
»Gewiss nicht«, fuhr der Mann mit der Schnittwunde fort. »Hexen leben im Wald und nicht in Schlössern«, sagte er trocken.
»Stimmt auffällig«, sagte Tristan. »Und alles, was dort lebt, verliert jeden Tag ein bisschen mehr den Verstand.«
»Das hast du richtig erkannt, mein Junge«, säuselte einer der beiden. »Aber vielleicht gibt es einen Weg, der Welt eine gewisse Ordnung zurückzugeben.« Er tauschte einen Blick mit seinem Gefährten, der zögerlich nickte.
Ordnung. Ein schönes Wort für jemanden, der nach Tod und Moder stank.
»Und was haben wir damit zu tun?«, fragte ich und kniff die Augen misstrauisch zusammen. Ich wollte keine Antwort hören, die zu sehr nach Schicksal klang.
»Wir haben gehört, dass du Rothkäppchen berühren konntest. Der Schleier ist gefallen, und im Gegensatz zu den anderen hier im Raum hast du dich noch nicht selbst aufgegeben, auch wenn du es dir gerne einredest.«
Die Worte brannten wie Salz in einer offenen Wunde. Nicht aufgegeben? Ich war doch schon längst am Ende. Wie wir alle. Nur zu feige, es laut zu sagen.
»Und weiter?«, fragte ich und zwang mich, möglichst gleichgültig zu klingen. Ich durfte ihnen keine Schwäche zeigen. Nicht hier. Nicht jetzt.
»Habt ihr euch denn wirklich nie gefragt, wieso all das passiert?«, fuhr er gelassen fort. »Warum sie alle immer mehr aus ihren Rollen fallen?«
»Natürlich haben wir das. Aber nichts ergab auch nur ansatzweise einen Sinn.«
Ich trank. Nichts änderte sich. Mein Kopf blieb klar. Zu klar. Diese beiden führten etwas im Schilde. Und ich hatte nicht vor, herauszufinden, was es war, indem ich ihnen blind vertraute.
»Die Antwort darauf werdet ihr sicherlich nicht in einer schäbigen Taverne finden.«
»Aber bei euch schon?«, fragte ich angriffslustig, mehr aus Trotz als aus Überzeugung.
Der mit der Schnittwunde schüttelte den Kopf. »Nein, bei uns gewiss nicht.«
»Wo bin ich hier bloß gelandet?«, stöhnte Tristan und ließ den Kopf auf die Tischplatte sinken. »Ich glaube, allmählich erfasst mich der gleiche Wahnsinn, der über die Erzählten gekommen ist.«
Ich schlug ihm mit der flachen Hand gegen den Hinterkopf, um ihm zu signalisieren, dass er sich zusammenreißen sollte. Als er den Kopf hob, klebte Schimmel an seiner Stirn. Ich schnippte ihn weg, weil er damit lächerlich aussah. So viel zur glorreichen Existenz der Unerzählten. Schimmel und Verzweiflung, das war alles, was von uns blieb.
»Also gut, ihr zwei Hampelmänner. Ihr wisst also, dass es einen Grund gibt, aber nicht, welcher es ist. Habe ich das richtig verstanden?«, fragte ich.
»Das haben wir nicht gesagt«, raunten die Männer unisono.
»Und wie soll uns das jetzt helfen?«, fragte ich gereizt. Ich hasste es, wenn jemand Geheimnisse andeutete, nur um sie nicht zu verraten. Sie wollten mit uns spielen, aber dieses Spiel würde ich gewiss nicht mitspielen.
»Hör zu. Wir gehören nicht zu dieser Welt. Wir sind hier lediglich … gestrandet. Da, wo wir herkommen, nannte man uns Erzähler.«
»Ihr seid … Erzähler?«, fragte Tristan langsam. »Dann dürftet ihr gar nicht hier sein.«
Der mit der Schnittwunde schüttelte den Kopf, wie eine Mutter, die ihrem Kind eine Lektion erteilt. »Das ist wohl die Definition von gestrandet.«
»Mir kommt es sehr verdächtig vor, dass wir euch vorher noch nie hier gesehen haben«, murmelte Tristan misstrauisch.
»Oh, das könnte daran liegen, dass wir heute zum ersten Mal hier sind«, flüsterte der Mann mit der Schnittwunde.
Der Zweite beugte sich vor, viel zu nah, und sah mich an, als könnte er durch meine Haut hindurch bis in den Kern meiner Geschichte greifen.
»Du trägst mehr Gewicht, als diese Welt dir zugesteht«, murmelte er. Seine Finger zuckten, als wollte er mich berühren, doch er ließ sie in der Luft hängen, wie ein Sammler vor einem seltenen Fundstück. »Erstaunlich, wie wenig ihr Unerzählten begreift.«
»Das wird mir zu verrückt«, maulte ich und sprang auf. Meine Stiefel knarrten auf den morschen Dielen. »Los, Tristan, beweg deinen Hintern, wir verschwinden.«
Noch ehe Tristan sich erheben konnte, ergriff einer der Männer das Wort. Seine Stimme klang nach Mitleid, doch der Spott darunter war nicht zu überhören.
»Es muss schmerzlich sein, nur zu existieren, weil eine Magd sich nichts sehnlicher wünschte, als für eine einzige Nacht eine andere zu sein und auf einem Ball mit einem schönen Prinzen zu tanzen. Und als dieser Wunsch in Erfüllung ging, warst du da, ein Abfallprodukt ihres Traums.«
Die Worte trafen mich wie ein Schlag ins Gesicht. Abfallprodukt. Nichts weiter als der Rest eines Wunsches, den niemand je für mich ausgesprochen hatte.
Langsam drehte ich mich um und musterte die Männer. »Woher wisst ihr das?«
Der Mann schwieg und wandte sich stattdessen Tristan zu. »Und du?« Er ließ sich Zeit, ehe er weitersprach.
Ich sah zu Tristan. Er wirkte plötzlich blass, fast kränklich. Er presste die Lippen zusammen, unfähig, etwas zu sagen. Vielleicht wollte er genauso wenig wie ich daran erinnert werden, dass wir beide nur der Bodensatz von Geschichten waren, die niemand erzählen wollte.
Der Mann mit der Schnittwunde ließ seinen Blick über Tristan gleiten. Dann hob er langsam das Kinn, verschränkte die Hände ineinander und sagte: »Eine verzweifelte Müllerstochter, die einen Handel mit einem garstigen Männlein abgeschlossen hatte. Das ist dein Ursprung. Richtig?«
Tristan schluckte. Wir hatten nie darüber gesprochen, wie wir entstanden waren. Keiner von uns wollte das Mitleid des anderen. Es war ohnehin schlimm genug, dass ein jeder Unerzählter wusste, wieso er existierte. Und nun saßen hier diese beiden faulenden Männer und wussten mehr, als sie wissen konnten.
Der Fremde fuhr unbeirrt fort: »Als Rumpelstilzchen die Magie wirken ließ und das Stroh zu Gold wurde, fraß sich die Kraft tief in die Geschichte. Solche Verwandlungen sind nie rein. Sie hinterlassen Reste. Rückstände. Abfall. Dich.«
Der Raum schien plötzlich enger zu werden. Wir setzten uns zurück an den Tisch. Keiner von uns sah den anderen an. Zum ersten Mal fühlte sich diese Taverne nicht mehr wie ein Zufluchtsort an, sondern wie ein Richtplatz.
»Woher wisst ihr das alles?«, fragte ich erneut und spürte, wie sich meine Kehle zusammenzog.
Vielleicht wollte ich die Antwort gar nicht hören. Vielleicht war sie schlimmer als alles, was ich mir je ausgemalt hatte.
»Nun, ganz einfach«, sagte der mit der Schnittwunde. »Wir sind diejenigen, die die Geschichten geschrieben haben. Mein Name ist Wilhelm Grimm und das«, er deutete auf den anderen Mann, »ist mein Bruder Jacob Grimm.«
Die Namen blieben zwischen uns hängen. Schwer und unangenehm. Aber dennoch zu nah, um sie wegzuschieben. Und in diesem Moment wusste ich, dass nichts von dem, was sie sagen würden, gut enden konnte.
Mein Puls beschleunigte sich, und wie erstarrt starrte ich auf die beiden Brüder. Etwas an ihrer Präsenz ließ die Luft in der Taverne schwerer werden, als hätte sich ein unsichtbarer Schleier aus Moder und Verfall über uns gelegt.
»Ihr habt uns erschaffen«, sagte Tristan leise. Sein Blick ruhte auf Wilhelm und Jacob, doch er wirkte abwesend, als würde er die Wahrheit in sich nachhallen hören. »Warum?«
Die Frage, die uns seit jeher beschäftigte. Warum? Wir wussten, was wir waren, und nie hatten wir auch nur eine Spur dessen, aus welchem Grund. Aber vielleicht brauchte Abfall keinen Grund, um zu existieren. Aber nun saßen sie hier. Die Männer, die all die Geschichten aufgeschrieben hatten. Hier. Direkt neben uns.
Wilhelm zuckte mit den Schultern, ein matter Glanz in seinen toten Augen. »Wir haben nicht euch erschaffen. Wir haben den Geschichten, aus denen ihr entsprungen seid, Leben eingehaucht, indem wir sie mit der Niederschrift unsterblich machten. Aber Märchen entstehen nicht aus dem Nichts. Jedes Wort hat einen Preis. Jeder Wunsch, jeder Funken Magie hinterlässt etwas. Euch.«
»Der Abfall der Magie«, murmelte ich und lehnte mich zurück. Meine Finger krampften sich in den Stoff meiner Hose, während Bitterkeit in mir hochstieg. »Wir haben keine eigenen Geschichten und existieren nur, weil diese verfluchte Magie nicht weiß, wo sie ein Ventil hernehmen kann. Unsere verdammte Existenz ist ohne Sinn.« Wütend schlug ich mit der Faust auf den Tisch. Das dumpfe Geräusch hallte wie ein Echo meiner Verzweiflung durch den Raum.
»Und doch seid ihr hier«, erwiderte Jacob mit einem wissenden Lächeln. Seine Stimme war ein trockener Hauch, als würde sie von längst vergilbtem Papier herüberwehen. »Wesen, die zwischen den Seiten wandeln, ohne je ein Teil davon zu sein. Und doch: Nichts im Leben ist vollkommen ohne Sinn, Mädchen. Nicht einmal euer Dasein.«
Ein leises Knacken ertönte hinter uns: Gustav zog ein neues Fass auf, ohne den Blick zu heben.
»Falls es noch keinem aufgefallen ist: Unsere Welt verliert den Verstand. Vielleicht bricht sie auch irgendwann komplett auseinander. Die Märchen, die ihr erschaffen habt, verändern sich zu etwas, das alles andere als märchenhaft ist«, fuhr ich scharf dazwischen.
»Du konntest Rothkäppchen berühren«, sagte Wilhelm, ohne auf meine Worte einzugehen. »Ihr existiert nicht mehr nur zwischen den Geschichten. Ihr dringt in sie ein.«
Ich lachte bitter auf, ohne jede Freude. »Wenn wir in sie eindringen, werden wir vermutlich auch bald wahnsinnig. Das klingt eher nach einem Todesurteil.«
»Oder nach einer Gelegenheit«, erwiderte Jacob. Seine Stimme war seidig, fast schmeichelnd, aber etwas Dunkles schwang darin mit, ein Versprechen, das nach Blut schmeckte.
Ich tauschte einen Blick mit Tristan. Er wirkte zerrissen, doch ich erkannte die gleiche Neugier in seinen Augen, die in mir brannte. Dann fragte er: »Was für eine Gelegenheit?«
Wilhelm beugte sich vor. Der süßliche Geruch von Verwesung wallte stärker auf, als er weitersprach: »Die Grenzen beginnen, sich zu lösen, wie ihr sicher selbst bemerkt habt. Und diesen Umstand könnt ihr nutzen. So, wie ihn auch andere, die noch nicht den Verstand verloren haben, nutzen werden. So, wie die Erzählten einst in die Welt hinauszogen, um ihr Glück zu finden, ist es nun an euch, diesen Pfad zu beschreiten.«
Tristan runzelte die Stirn. »Und wie genau sieht dieser Pfad aus?«
»Ich nehme an, so wie jeder andere Pfad auch«, sagte Jacob langsam. Seine Finger kratzten an der Tischkante, winzige Holzsplitter rieselten herab wie Asche.
Mir reichte es. »Könnt ihr vielleicht mal aufhören, in Rätseln zu sprechen?« Ich beugte mich zu Jacob und packte ihn an der Kehle. Das Gewebe gab nach, matschig wie nasse Erde, und unzählige Krabbeltiere bahnten sich ihren Weg an meinem Arm hoch. Ich stieß ihn angewidert zurück und schüttelte die Viecher ab. Mein Herz raste, während ich fassungslos zu den beiden Brüdern starrte.
Tristan schüttelte sich, ließ die Sache jedoch unkommentiert.
Jacob, dem nun ein üppiges Loch im Hals klaffte, fuhr unbeirrt fort: »Natürlich könnten wir das. Aber bisher habt ihr uns keinen Grund dazu gegeben.«
Ich sah, wie Tristan ansetzte, etwas zu sagen. »Halt den Mund, Tristan«, fuhr ich ihn an, während ich noch damit beschäftigt war, die letzten Käfer von meiner Haut zu wischen. »Die beiden haben Freude daran, mit uns zu spielen. Merkst du das denn nicht?«
»Es liegt uns fern, mit euch zu spielen«, gab Jacob bissig zurück. »Aber ihr stellt die falschen Fragen.«
Genervt presste ich die Augen zu. Wir stellen die falschen Fragen? Aber was wäre die richtige Frage? Tristan wollte wissen, wie der Pfad aussehen würde. Was war daran falsch? Dann verstand ich.
Ich riss die Augen auf und fragte: »Wohin führt dieser gottverdammte Pfad?«
»Ich sehe, du begreifst rasch, Mädchen.« Wilhelm nickte anerkennend. »Der Pfad führt zu einem Wesen, das wir selbst nur ›den Archivaren‹ nennen.«
Der Archivar? Je mehr sie erzählten, umso weniger verstand ich. Ich sah zu Tristan. Noch nie hatte ich von einem solchen Wesen gehört. Ich lehnte mich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. »Und wer ist dieser Archivar?«, wollte ich wissen.
»Jemand, der älter ist als jedes Wort, das wir je niedergeschrieben haben. Er hütet das Gleichgewicht.«
»Gleichgewicht?« Ich prustete los. »Dann erledigt er seine Aufgabe aber verdammt schlecht. Die Welt ist vollkommen hinüber. Habt ihr das noch nicht gemerkt?«
»Doch. Gewiss haben wir das. Deswegen ist Eile geboten, bevor die Welt vollkommen auseinanderbricht«, sagte Jacob und kratzte sich am Kopf. Käfer und Schorf rieselten auf den Tisch. »Um das Gleichgewicht wiederherzustellen, braucht ihr die Ankermagie. Davon habt ihr doch sicher schon einmal gehört, oder?«
Ich wollte blinzeln, aber ich konnte nicht. Jeder von uns hatte von der Ankermagie gehört. Die meisten von uns hielten es für Gewäsch. Legenden, die die Unerzählten sich nachts am Feuer erzählten, damit sie überhaupt etwas hatten, das nicht wieder bei Aschenputtel oder irgendeiner anderen Erzählten mit glücklichem Ende landete. Und niemand konnte so hervorragend mit solchen Geschichten hausieren wie die alte Ursel.
Sie war die älteste Unerzählte, die ich je gesehen hatte. Ihr Ursprung lag im Märchen Bärenhäuter, und ihr Name passte zu ihr wie Moder zu nassem Holz. Und sie hatte uns fast jeden Abend irgendeine Version der Geschichte über die Ankermagie erzählt. Mit ihrer warmen, rauchigen Stimme, die mir jedes Mal einen kleinen Moment von Frieden vortäuschte.
Manchmal erzählte sie, diese Magie sei ein geflügeltes Wesen, das zwischen den Geschichten schwebte wie ein lästiger Geist. An anderen Tagen nannte sie sie ein Artefakt, das alles verschluckte, was ihm zu nahe kam. Und wenn wir Ursel zu sehr geärgert hatten, griff sie nach einer Version, in der es hieß, dass diese Ankermagie wie eine Krankheit durch die Welt kroch und alles und jeden verschlang.
Niemand hatte sie je gesehen, niemand konnte erklären, was sie war. Das Einzige, worin sich alle Geschichten einig waren: Diese Macht sollte die Uressenz der Märchen in sich tragen. Für mich klang jede Version nach Schwachsinn. Wenn auch nur ein Funke Wahrheit darin gesteckt hätte, wären die Geschichten viel präziser gewesen.
Tristan lehnte sich vor. »Die Legende der Ankermagie ist wahr?«, fragte er mit aufgerissenen Augen.
»Aber ja, mein Junge, sie enthält die Essenz, um das Gleichgewicht wiederherzustellen. Wenn ihr sie findet und dem Archivaren bringt, wird er die Ordnung zurückholen. Und er wird es sein, der euch dazu verhelfen kann, zu werden, was ihr immer wolltet.«
»Erzählte?«, fragte Tristan, obwohl es eher wie eine Feststellung klang. Seine Augen bekamen dieses Funkeln, das sie immer bekamen, wenn ihm jemand eine Geschichte hinwarf, die nach einem Ausweg roch. Am liebsten hätte ich ihm an Ort und Stelle eine verpasst. Er war zu leichtgläubig. Zu naiv.
Ich schwieg. Dieses kleine Wort bohrte sich wie glühende Nadeln in mein Innerstes.
War das möglich? Eine Erzählte werden? Selbst Bedeutung zu bekommen?
»Wie ich sehe«, sagte Wilhelm langsam, »scheinst du nicht abgeneigt zu sein.«
Tristan rutschte auf seinem Stuhl hin und her. »Also … was genau sollen wir tun?«
Ich fuhr herum. »Gar nichts. Weil das alles Schwachsinn ist.« Meine Stimme polterte härter, als ich wollte. »Ankermagie hier, Gleichgewicht dort. Das sind bescheuerte Lagerfeuergeschichten. Mehr nicht.«
Wilhelm hob beschwichtigend die Hände. »Mag sein, dass es Unsinn ist. Aber hier zu sitzen, ist auch keine Lösung.« Seine Stimme bekam einen weichen und dennoch gefährlichen Unterton. »Wenn ihr bleibt, verrottet ihr in dieser Taverne wie alle anderen. Ein Schritt hinaus ist immer noch besser als gar keiner.«
Ich presste die Lippen zusammen und sah mich um. War das das, was ich mir bis in alle Ewigkeit, bis zum Ende der Welt ansehen wollte? Meine Hände umklammerten meinen Krug. Ich konnte weiter trinken und so tun, als wäre mir alles egal. Doch wenn es den Hauch einer Chance gab, durfte ich nicht hier sitzen. Die Sache mit der Ankermagie glaubte ich nicht. Das klang nach Schwachsinn. Vielleicht würden wir diesen Archivar finden. Vielleicht existierte er gar nicht. Aber hier zu sitzen würde uns keine Antwort liefern.
»Na gut«, seufzte ich. »Was müssen wir tun?«
Jacobs Finger glitten aneinander, als wolle er ein Urteil fällen. »Die Welt gerät mit jedem Tag stärker aus den Fugen. Manche Erzählte sind bereits wahnsinniger als dieses Rothkäppchen, das ihr getroffen habt.«
War klar, dass es darauf hinauslaufen würde. »Erzähl weiter«, forderte ich.
Wilhelm nickte zufrieden. »Ihr müsst euch verhalten wie Erzählte.«
Ich lachte. Tief. Dreckig. So klang eine Lüge, die nicht einmal versuchte, sich zu tarnen.
In Jacobs Augen flackerte etwas auf. »Spott bringt euch nicht weiter. Wir kennen den Weg nicht. Aber es gibt Linien, wo früher keine waren. Risse im Gefüge. Wenn ihr ihnen folgt, führen sie euch dorthin, wo die Welt noch hält. Oder dorthin, wo sie am stärksten zerbricht.«
Ich starrte ihn an. Linien. Risse. Als würde die Welt jetzt plötzlich Wegweiser ausspucken, nur damit wir uns in irgendeine gottverlassene Richtung stürzen konnten. Es klang, als würde uns diese Reise geradewegs in den Wahnsinn führen.
Tristan räusperte sich. »Was sollen das für Linien sein? Wir streifen seit Anbeginn unserer Existenz durch diese Welt, und nie habe ich irgendwelche Linien gesehen. Und auch die Alten in unserem Dorf haben nie davon gesprochen.«
Ein Hauch Erleichterung überkam mich. Immerhin war Tristan nicht so saudämlich, den beiden alles einfach so zu glauben.
Jacob schnaubte leise. »Natürlich nicht. Sie zeigen sich erst, seit der Schleier gefallen ist. Herzlinien. So nennen manche sie.«
Tristan hob den Kopf. »Herzlinien? Hat das irgendwas mit dem Herz der Geschichten zu tun?«
Es kostete mich eine Menge Selbstbeherrschung, nicht mit den Augen zu rollen. Das Herz der Geschichten war auch eine dieser bescheuerten Legenden, die man sich nachts am Feuer erzählte. Schlagartig wurde mir klar, dass wir keine einzige Legende oder Geschichte hatten, wo es um ein glückliches Ende ging. Keine Prinzessinnen, keine Prinzen. Nur verfluchte Metaphorik, die man nur ertragen konnte, wenn man ausreichend Alkohol im Blut hatte.
Wilhelm schüttelte sofort den Kopf. »Nein. Das Herz der Geschichten ist verstummt. Verschwunden. Oder tot. Wer weiß das schon? Wichtig ist nur: Es hat für diese Welt keinerlei Relevanz mehr.« Er atmete tief durch.
Ich fragte mich, ob das seiner Theatralik dienen sollte. Die beiden sahen nicht aus, als müssten sie noch atmen.
»Diese Linien«, sagte er dann, »waren früher tief verborgen. Niemand konnte sie sehen. Jetzt treten sie hervor, weil das Gefüge nachgibt. Immer nur ein Stück. Nie vollständig. Solange sie nicht brechen, hält die Welt. Doch sie werden nicht ewig halten. Wenn sie brechen, bricht alles.«
Natürlich hatten sie eine passende Antwort parat. Wieso wunderte mich das nicht? Aber … was war, wenn wenigstens ein Bruchteil davon stimmte? Dass die Welt wirklich dem Ende geweiht war. Auf die Erzählten konnte man nicht setzen. Die wurden mit jedem Tag wahnsinniger.
Tristan schob seinen Stuhl näher an den Tisch. »Und wie sollen wir diese Herzlinien überhaupt finden, wenn sie sich dauernd verstecken? Wenn sie nur manchmal glimmen, bringt uns das genau gar nichts.«
Wilhelm verzog den Mund zu etwas, das wohl ein Lächeln sein sollte. »Ihr werdet sie erkennen, wenn es Zeit ist. Folgt eurem Herzen.«
Ich starrte ihn an. Einen Atemzug lang war ich mir sicher, dass in meinem Kopf gleich etwas explodieren würde.
»Folgt eurem Herzen?«, fragte ich. »Wirklich? Wer von euch hat diesen Blödsinn geschrieben?«
Ich schnippte nach Gustav. »Noch ein Bier. Und mach’s stark. Sonst ertrag ich das hier nicht.«
»An diesen Linien«, fuhr Wilhelm unbeirrt fort, »liegen die Knotenpunkte, Orte, an denen die Welt manchmal stabiler ist als um sie herum.«
»Manchmal?«, schnauzte ich ihn an und presste die Handflächen auf den Tisch. »Was sollen wir denn mit manchmal anfangen?«
Eine beschwichtigende Geste folgte. Seine Hand hob sich langsam, ein langer Riss zog sich über den Handrücken, aus dem sich ein Stück Schorf löste und vor uns auf die Tischplatte rieselte. »Das bedeutet, manchmal ist die Welt dort stabiler, doch manchmal ist sie nur durchsetzt von zu viel vergessener Magie. Folgt ihr ihnen, findet ihr den Anker. Den Anfang eurer Geschichte. Am Ende dieses Weges steht der Archivar. Er wird alles miteinander verknüpfen.«
Tristan verzog das Gesicht. »Aber … in einer der Erzählungen hieß es, die Magie des Ankers liegt in einem Gefäß. Müssen wir das auch finden?«
»Ein Gefäß?«, fragte ich und lachte auf. »Davon habe ich noch nie gehört.«
»Vielleicht«, spottete Tristan trocken, »weil du jedes Mal besoffen am Feuer weggedöst bist, wenn Ursel etwas zu erzählen hatte?«
Der Punkt ging an ihn. Ich war nicht immer eingeschlafen. Aber viel zu oft. Ein wenig bereute ich es gerade.
Die Grimms sahen sich hektisch um, als würden sie in den Ecken des Henkers nach einer Antwort suchen. »Also … das Gefäß …«, stammelte Jacob.
Wie ich es mir gedacht hatte. Legenden ohne Sinn und Verstand.
Plötzlich polterte eine Stimme hinter mir: »Das einzig würdige Gefäß könnte dieses hier sein.« Mit einem lauten Rumms landeten zwei weitere Krüge auf unserem Tisch.
Gustav legte seine Hand auf meine Schulter und sagte: »Dein prachtvolles Antlitz sieht doch schon viel besser aus.«
Mit einem Mal hatte ich das Bedürfnis, mich zu waschen. Oder mir die Haut abzuziehen.
Wir warteten, bis Gustav sich wieder entfernt hatte.
»Wie sieht dieses sonderbare Ding denn aus?« Ich verzog das Gesicht. »Vielleicht wie der heilige Nachttopf von Frau Holle?«
Instinktiv prustete Tristan los, verschluckte sich und brachte nur noch ein erbärmliches Krächzen zustande. »Sag doch nicht so was.«
Jacob seufzte. »Mehr wissen wir nicht. Folgt dem Pfad. Folgt den Herzlinien und findet die Knotenpunkte. Und im Zweifelsfall solltet ihr immer weiter nach Westen gehen. Wenn ihr das Ende erreicht habt, findet ihr euren Anfang. Mehr könnt ihr nicht tun.«
Wenn wir das Ende erreicht haben, dachte ich. Das Ende von was? Der Welt? Ich wollte lachen, doch es blieb mir in der Kehle stecken. Das alles klang zu verworren und zu … gelogen. Sie versuchten, uns mit Legenden zu locken, mit Hoffnungen und Wünschen, die jeder Unerzählte tief in sich verborgen trug. Konnten wir es wagen, zu hoffen? Sollten wir gehen? Ich wusste es nicht. Aber dennoch verspürte ich diesen Drang, es zu versuchen. Immerhin wäre das besser gewesen als Gustavs schäbige Taverne. Hier zu sterben, wäre unwürdig gewesen. Sogar für mich.
Mit einem Stups gegen meinen Arm riss Tristan mich aus meinen Gedanken. Er rieb sich nachdenklich die Stirn. »Wir könnten zurück ins Dorf gehen und Hilfe von den anderen Unerzählten holen.«
»Keine gute Idee«, sagte ich. »Ich habe mich in letzter Zeit sehr unbeliebt gemacht.«
Von draußen war plötzlich ein lautes Grollen zu vernehmen.
Tief und anhaltend, als würde die Erde nachgeben.
Die Gespräche verstummten. Mehrere Gäste fuhren herum und drängten zum Fenster.
»Das Dorf! Das Dorf am Waldrand ist weg! Verschwunden!«, rief eine zahnlose Frau.
Tristan und ich erstarrten. Für einen Augenblick hielt ich die Luft an. Mein Magen krampfte sich zusammen, ein stechender Schmerz, der zu groß war, um ihn festzuhalten. Ich suchte Tristans Blick, fand darin dieselbe entsetzte Leere wie in mir.
Das war unser Dorf. Unsere Feuerstelle. Unser Schlafplatz. Menschen, die mich verachteten, ja. Aber sie gehörten zu unserem Leben. Alles war fort, ausgelöscht. Keiner von uns beiden stand auf. Wozu auch? Wir mussten nicht sehen, dass alles verschwunden war, um es zu glauben.
Tristan presste eine Hand gegen den Tisch. »Da wir jetzt kein Zuhause mehr haben, sollten wir erst recht gehen.«
Etwas in meiner Brust zog sich zusammen, ich wusste nicht, ob es Wut war oder ein kleiner Anflug von echtem Verlust. Kein Zuhause mehr, dachte ich.
Die Aufregung darum schien bei den anderen Gästen nur von kurzer Dauer zu sein. Sie saßen bereits wieder an ihren Tischen. Es kümmerte sie schon gar nicht mehr. Ich fragte mich, wie lange es dauern würde, bis auch ich so abgestumpft sein würde.
Jacob hob nur die Brauen. »Dies ist erst der Anfang. Ihr solltet euch entscheiden.«
Reflexartig krampfte sich meine Hand um mein Jagdmesser. Das tat ich oft, wenn Unsicherheit an mir nagte. Benutzt hatte ich es selten, doch es gab mir Halt. Vielleicht, weil Tristan es mir vor einer Ewigkeit geschenkt hatte.
Jeder Instinkt schrie, nicht zu gehen. Alles in mir warnte vor dieser Falle, vor dieser angeblichen Wahrheit, die nach nichts als Verderben roch. Doch gleich daneben brannte der andere Gedanke: Wenn ich bleibe, wenn ich nichts tue, sterbe ich wie alle anderen. Langsam. Nutzlos. Vergessen.
Ich musste zwischen zwei Arten des Untergangs wählen. Keine ließ Raum für Hoffnung.
Ich sah zu Tristan. »Was denkst du?«
Er fuhr sich über den Mund. Sein Blick blieb an mir hängen, offen, verletzlich, zu ehrlich für diesen verrotteten Raum. »Das sagte ich bereits«, murmelte er heiser. »Wir haben kein Zuhause mehr. Und ich will nicht in dieser Bruchbude sterben. Nicht so. Und nicht ohne es wenigstens versucht zu haben.«
Ich atmete schwer. Ich wollte Nein sagen. Ich wollte ihnen zeigen, dass ich nicht blind hinter irgendeiner verheißungsvoll klingenden Lüge herlaufe. Aber tief unter der Angst, hinter all den Schichten aus Wut und Müdigkeit, glomm ein winziges, verzweifeltes Fünkchen Hoffnung. Vielleicht war dort draußen irgendwo noch ein Faden übrig, der uns gehörte.
»Ihr wisst nicht zufällig, wo wir einen dieser Knotenpunkte finden können, oder?«, fragte ich, bemüht, nicht vollkommen die Beherrschung zu verlieren.
»Geht nach Westen«, sagte Jacob. »Dort findet ihr die Hexe.«
»Welche Hexe?«, fragte ich misstrauisch. Es war ja nicht so, dass es in dieser Welt nur eine einzige gab.
»Jene im Brothäuslein.«
Wunderbar. Von allen Hexen, die in dieser Welt existierten, sollten wir ausgerechnet zu dieser.
»Was?« Tristan riss die Augen auf und schnappte nach Luft. »Aber die … die frisst Menschen.«
»Er hat recht«, stimmte ich zu. »Woher wollt ihr wissen, dass sie uns nicht einfach frisst?«
Jacob schüttelte den Kopf. »Sie hat seit jeher Kinder bevorzugt. Ihr seid zu alt.«
Tristan schnappte empört nach Luft. »Zu alt? Ich bin in der Blüte meiner Jugend!«
»Das wirst du auch immer bleiben«, stöhnte ich. Es gab für uns keinen Alterungsprozess, keine Geburt. Nichts. Wir wurden so, wie wir waren, in diese Welt geworfen.
Ich sah wieder zu den Grimms. »Ist das Brothäuslein der erste Knotenpunkt?«
»Nein.«
»Wieso wundert mich das nicht?«, stöhnte ich und war kurz davor, den beiden die Haut vom Gesicht zu prügeln. Dummerweise hätte ich dafür nicht lange auf sie einschlagen müssen. »Was ist dann der erste Knotenpunkt? Wie viel gibt es überhaupt davon? Und der wievielte ist die Hexe?«
»Mehr können wir euch nicht sagen.«
Meine Hände ballten sich zu Fäusten.
»Schon klar. Wir haben es verstanden«, flötete Tristan. »Knotenpunkte. Anker. Gefäß. Archivar. Das sollte sich einrichten lassen. Und am Ende sind wir vielleicht auch Erzählte. Habe ich das richtig verstanden?«
Die beiden musterten ihn schweigend. Schließlich lächelte Wilhelm und zog die Made langsam aus seinem Ohr. Er ließ sie zwischen seinen Fingern rollen und legte sie anschließend auf den Tisch. »Das, mein lieber Junge, ist jedenfalls nicht falsch. Ihr habt nur das Wichtigste vergessen.«
»Und was ist an der ganzen Sache das Wichtigste?« Tristan verdrehte genervt die Augen.
Ich bewunderte ihn dafür, dass er so gelassen bleiben konnte.
Es verging eine gefühlte Ewigkeit. Die Brüder starrten einander an, als müssten sie abwägen, wie viel sie uns noch preisgeben konnten. Oder wollten.
»Am Ende«, erklärte Wilhelm schließlich, »werdet ihr euren Anfang finden. Und wenn dies geschieht, werdet ihr begreifen, warum unsere Geschichten immer einen Preis verlangt haben.«
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