Hier ist die korrigierte, direkt kopierbare Fassung auf Basis deines hochgeladenen Textes.
Vor einiger Zeit hielt ich zum ersten Mal in meinem Leben ein Buch mit einem integrierten Duftsticker in der Hand. Weil ich ein grundehrlicher, folgsamer Mensch bin, habe ich also brav den Zeigefinger angefeuchtet, an dem Ding gerieben, intensiv geschnuppert und dachte mir sekundenlang nur: »Okay. Und was genau soll das jetzt?«
Vielleicht lag meine akute Irritation auch daran, dass das Buch selbst bereits roch wie ein kleiner Chemieunfall auf Industrieskala, weil die Druckerei sämtliche Seiten pechschwarz eingefärbt hatte. Machen wir uns doch nichts vor: Diese eingefärbten Buchschnitte und Trend-Ausgaben riechen oft ganz gewaltig. Und zwar nicht geheimnisvoll, nicht düster, nicht ästhetisch und erst recht nicht nach bibliophiler Romantik.
Sie riechen nach frisch laminiertem Tod.
Da hilft dann leider auch kein Duftsticker der Welt mehr. Wenn ich ein Buch in die Hand nehme, will ich Gänsehaut. Ich will Atmosphäre, Spannung, emotionale Abgründe und im besten Fall das Gefühl, nach dem letzten Kapitel kurz nicht mehr ganz dieselbe Person zu sein wie vorher. Was ich eher nicht brauche, sind chemisch induzierte Atembeschwerden oder das dringende Bedürfnis, mir danach dreimal die Hände zu waschen. Wobei manche Genres auf dem aktuellen Buchmarkt inzwischen ohnehin beides gleichzeitig auslösen.
Und mal ganz ehrlich unter uns: Ich habe für mich einfach keinen inneren Frieden damit gefunden, in einer gut besuchten Buchhandlung öffentlich an irgendwelchen Stickern herumzureiben. Vor allem nicht mit diesem hochkonzentrierten, leicht derangierten Gesichtsausdruck, den man beim Schnüffeln nun mal unwillkürlich einnimmt. Das wirkt auf Außenstehende nicht wie tiefes Literaturinteresse. Das wirkt wie der Beginn eines sehr speziellen, behandlungsbedürftigen Fetischs. An dieser Stelle winke ich kurz respektvoll, aber mit leicht besorgtem Blick in Richtung Dark-Romance-Abteilung.
Bücher zum Reiben und Schnuppern
Bisher gab es eigentlich nur eine einzige Abteilung, die an solchen interaktiven Stickern absolut nicht gespart hat: die Kleinkind-Ecke. Prinzessin Lillifee im Garten der Düfte, ein Riechsticker auf dem Cover, einer auf den Innenseiten, teilweise gefühlt auf jeder zweiten Doppelseite irgendein chemisch präparierter Punkt zum Reiben und Riechen nach künstlicher Erdbeere. Kann man machen. Muss man bei erwachsenen Lesern aber vielleicht nicht eins zu eins kopieren.
Natürlich verstehe ich, dass der Buchmarkt verdammt hart geworden ist. Sichtbarkeit ist knapp. Aufmerksamkeit ist teuer. Marketing muss immer lauter werden. Special Editions, Farbschnitt, exklusive Vorbesteller-Goodies, Bonuskapitel, Charakterkarten, signierte Prints und das ewige Ausstattung-Wettrüsten fordern ihren Tribut. Irgendwann sitzt vermutlich eine Marketingabteilung in einem Meeting, starrt erschöpft an die Decke und sagt: »Das Buch braucht einfach mehr Geruch.« Und alle nicken betreten und unterschreiben das Budget.
Aber genau da beginnt das Problem. Wenn ein Buch immer stärker über Ausstattung, Reiz und Sammelwert verkauft wird, verschiebt sich die Aufmerksamkeit. Dann steht nicht mehr zuerst der Text im Mittelpunkt, sondern das Erlebnis drumherum. Das Buch wird zum Objekt, zur Deko, zum Event, zur Limited Edition, zum multisensorischen Warenpaket mit Plotbeilage. Der Inhalt ist noch da, irgendwo zwischen Farbschnitt, Sticker, Prägung und künstlichem Sandelholz, aber er muss sich inzwischen ziemlich anstrengen, um nicht wie ein beiliegender Bonus zu wirken.
Wenn Literatur zum Erlebnisprodukt wird
Reichen Farbschnitte, glitzernde Coverprägungen und limitierte Ausgaben inzwischen nicht mehr aus, um eine Käuferschicht zu erreichen, die ohne Tropes, Sonderausstattung und sensorische Bestechung offenbar nicht mehr sicher erkennt, dass sie gerade ein Buch vor sich hat? Brauchen wir wirklich eine multisensorische Literaturerfahrung für alle fünf Sinne? Was kommt als Nächstes? Kleine Soundmodule im Buchdeckel, die beim Aufschlagen losplärren? Knöpfe, die auf sanften Druck die letzten qualvollen Schreie meiner Thriller-Opfer abspielen? Oder exzessives Stöhnen? Oder am besten eine unheilige Kombination aus beidem, weil irgendjemand im Marketing beschlossen hat, dass die Zielgruppen heute ohnehin nicht mehr sauber voneinander getrennt werden müssen?
Ich will gar nicht so tun, als wäre schöne Ausstattung grundsätzlich ein Problem. Ein hochwertiges Cover, guter Satz, schönes Papier, ein durchdachtes Design, ein passender Farbschnitt, all das kann ein Buch aufwerten. Natürlich darf ein Buch schön sein. Natürlich darf es als Objekt Freude machen. Niemand verlangt, dass wir Bücher künftig nur noch in braune Pappe wickeln und bei Kerzenschein aus Schuldgefühlen lesen, damit der literarische Ernst gewahrt bleibt.
Aber zwischen schöner Ausstattung und einem sensorischen Erlebnispark mit ISBN liegt ein Unterschied.
Wenn das Buch immer mehr können muss, außer einfach ein gutes Buch zu sein, wird es irgendwann absurd. Dann riecht es, glitzert, schimmert, schäumt innerlich vor Marktlogik und wartet nur noch darauf, beim Aufklappen einen kleinen Jingle abzuspielen, damit auch wirklich niemand aus Versehen allein mit einem Satz konfrontiert wird.
Und spätestens da frage ich mich, ob wir noch Bücher verkaufen oder bereits Eintrittskarten für einen sehr nervösen Freizeitpark aus Papier.
Der Shadow-Daddy riecht nach Sandelholz
Die Kollegin Magali Volkmann sprach in einem Reel einmal vom sogenannten »Shadow-Daddy-Geruch«. Ich habe mich aufklären lassen: Diese düsteren Traumtypen in den aktuellen Bestsellern riechen angeblich alle ausnahmslos nach Sandelholz. Seitdem habe ich leider ein sehr konkretes, verstörendes Bild im Kopf.
Da sitzt also eine erwachsene Frau in der Bahn, reibt vornübergebeugt und ernsthaft an einem integrierten Shadow-Daddy-Sticker, während langsam der Duft von Sandelholz aufsteigt. Zeitgleich atmet oder stöhnt es schwer aus dem eingebauten Buchdeckel-Lautsprecher, weil die Branche offenbar beschlossen hat, dass stille Seiten für moderne Leser nicht mehr genug emotionale Belästigung erzeugen. Und plötzlich sitzt du da im Pendlerverkehr mit deinem Roman in der Hand und fragst dich ernsthaft, an welchem Punkt der Kulturgeschichte Literatur beschlossen hat, sich wie ein reines Vorspiel zu verhalten.
Da wären wir dann endgültig wieder im Epizentrum der Dark Romance angekommen. Nicht, weil Dark Romance per se das Problem wäre, sondern weil manche Vermarktung rundherum inzwischen wirkt, als müsse jedes Buch zusätzlich noch Duftkerze, Beziehungsersatz, Tropes-Katalog und diskret verpacktes Hormonmanagement leisten. Manchmal möchte man dem Buchmarkt ein Glas Wasser reichen und sagen: »Setz dich kurz. Atme. Du musst nicht alles gleichzeitig sein.«
Das olfaktorische Problem mit meinen Psychothrillern
Für mich als Autorin wird dieses Konzept allerdings extrem schwierig. Stellen wir uns doch einmal ganz kurz vor, ich würde diesen interaktiven Trend eins zu eins auf meine eigenen Psychothriller anwenden. Nehmen wir zum Beispiel mein Buch Tödliche Zeilen: Meinen Worten sollst du folgen. Das ist ein Buch, in dem Nekrophilie thematisch eine tragende Rolle spielt.
Was genau klebe ich da bitte für einen Duftsticker auf Seite 142 hinein? Vier Tage alte Leiche im heißen Sommerwind? Frische Verwesung mit einer dezenten Note von feuchtem Asphalt? Oder das Bouquet einer Pathologie um 3:17 Uhr nachts? Ich gebe offen zu, allein die Tatsache, dass ich diese Duftnoten gerade gedanklich sortiere, dürfte reichen, um mich beim Bundeskriminalamt zumindest als kreativen Störfall zu markieren.
Alternativ gäbe es für die Hardcore-Fans natürlich noch meine ganz persönliche »Kesslers Duftkollektion«: Angstschweiß nach einer Woche brutaler Jagd und ohne Dusche. Sehr limitiert in der Auflage, extrem intensiv im Abgang und in mehreren Ländern der Europäischen Union vermutlich aus seuchenschutzrechtlichen Gründen schwer vermittelbar. Spätestens ab diesem Punkt wäre ich dann offiziell die perverse Thrillerautorin aus dem Internet, die man auf den Social-Media-Plattformen so lange öffentlich seziert, bis sie freiwillig die Tastatur abgibt, ihre Koffer packt und fortan isoliert in den Hildener Wäldern lebt.
Genau daran merkt man, wie absurd dieser Trend wird, sobald man ihn konsequent weiterdenkt. Bei romantisierten Schattenmännern funktioniert Sandelholz vielleicht noch als Verkaufstrick. Bei Psychothrillern wird es sofort ein Fall für Atemschutzmasken und moralische Ausschüsse. Und bei Horror, True Crime oder Splatter wollen wir wahrscheinlich gar nicht erst aussprechen, was dort olfaktorisch möglich wäre, ohne dass jemand vom Ordnungsamt die Tür eintritt.
Die einzig logische Eskalation
Aber wenn wir schon kollektiv und völlig die Kontrolle über den Verstand verlieren, dann bitte mit Anlauf und richtig. Deshalb kündige ich hiermit exklusiv meine nächste Marketing-Innovation an: Ich entwickle Lecksticker für den Buch-Innentext. Denn offenbar reicht das bloße Lesen gedruckter Worte heute einfach nicht mehr aus, um das menschliche Gehirn zu stimulieren. Literatur muss im Jahr 2026 riechen, schreien, stöhnen, schmecken und vermutlich demnächst auch noch steuerlich absetzbar sein.
Vielleicht gibt es dann bald Thriller-Schmuckausgaben mit metallischem Blutgeschmack auf Seite 87. Romantasy-Ausgaben mit essbarem Nebel auf der Karte. Cozy-Crime-Editionen mit Keksaroma und eingebautem Teekannen-Geräusch. Dark-Romance-Sonderausgaben, bei denen man das Buch nach dem Lesen erst einmal mit einem feuchten Tuch abwischen möchte. Und irgendwo sitzt wieder ein Marketingteam, völlig übermüdet, aber überzeugt, und sagt: »Das ist Nähe zur Zielgruppe.«
Nein, Kevin. Das ist ein Hilferuf mit Druckfreigabe
Natürlich ist das überspitzt. Satire hat diese unangenehme Angewohnheit, Dinge so lange weiterzudenken, bis sie aussehen wie das, was sie eigentlich längst sind. Duftsticker sind nicht der Untergang der Literatur. Vermutlich nicht. Aber sie sind ein ziemlich schönes Symptom für einen Markt, der immer hektischer versucht, Aufmerksamkeit über Ausstattung, Reiz und Erlebnis zu erzeugen, statt darauf zu vertrauen, dass ein Buch auch dann wirken kann, wenn es einfach gelesen wird.
Vielleicht bin ich altmodisch. Vielleicht bin ich nur reizüberflutet. Vielleicht möchte ein kleiner, störrischer Teil meines Gehirns immer noch glauben, dass Seiten nicht riechen, sprechen, stöhnen oder schmecken müssen, um etwas in einem Menschen auszulösen. Ein guter Satz kann genug sein. Eine gute Szene kann genug sein. Ein gutes Buch kann genug sein.
Wenn du diesen Gedanken inzwischen fast schon radikal findest, herzlichen Glückwunsch: Dein Restverstand leistet noch Widerstand.
Kommentar schreiben