»Haunting Adeline« wird verfilmt. Bitte atmen Sie trotzdem weiter.

Die geplante Verfilmung von »Haunting Adeline« hat offenbar eine mittelschwere moralische Naturkatastrophe ausgelöst.

Das Buch wurde gelesen, gekauft, empfohlen, gefeiert, verrissen, erneut gekauft und jahrelang durch die sozialen Medien geprügelt. Nun soll die Geschichte tatsächlich verfilmt werden. Mit Bildern. Bewegten sogar. Und plötzlich benehmen sich erstaunlich viele Menschen, als hätte irgendjemand heimlich einen völlig neuen Inhalt hineingeschrieben.

Nur zur Erinnerung: Stalking, Gewalt, fehlender Konsens, Obsession und eine Beziehung, bei der man im echten Leben vermutlich eher die Polizei als einen Hochzeitsplaner anrufen würde, waren bereits vorher Teil der Geschichte.

Die Verfilmung erfindet all das nicht.

Sie verfilmt es.

Der entscheidende Unterschied scheint darin zu liegen, dass die eigene Fantasie bisher einen gnädigen Weichzeichner darüberlegen konnte. Im Kopf war alles offenbar düster, aber ästhetisch. Problematisch, aber irgendwie sexy. Verstörend, aber bitte mit hübscher Kieferlinie. Sobald das Ganze jedoch von Schauspielern dargestellt werden könnte, entdeckt ein Teil der Leserschaft überraschend, was eigentlich im Buch stand.

Man kann natürlich sagen: Ich konnte es lesen, aber ich möchte es nicht sehen.

Völlig legitim.

Menschen reagieren auf Bilder anders als auf Texte. Beim Lesen lässt sich eine Szene überfliegen, abschwächen oder in der eigenen Vorstellung so lange umgestalten, bis sie gerade noch in die persönliche Komfortzone passt. Ein Film lässt für diese freundliche Selbsttäuschung deutlich weniger Spielraum.

Dann schaut man ihn eben nicht.

Das ist eine erstaunlich einfache Lösung, die ohne Petitionen, Verbotsforderungen und öffentlich vorgetragene moralische Krampfanfälle auskommt.

Ich selbst lese übrigens keine Dark Romance. Nicht, weil ich das Genre für moralisch verwerflichen Teufelskram halte oder glaube, man dürfe über bestimmte Dinge nicht schreiben. Meinetwegen darf Fiktion jedes Tabu nehmen, es dreimal durch den Dreck ziehen, romantisieren, überhöhen und anschließend mit Schleifchen versehen. Es ist Fiktion. Sie muss sich nicht benehmen.

Den ersten Band von »Haunting Adeline« habe ich damals aus Neugier gelesen, weil gefühlt jeder zweite Post dieses Buch angepriesen hat und man irgendwann kaum noch daran vorbeikam, ohne das Internet vollständig zu verlassen. Danke an die Bookies für diese Form der sanften Gehirnwäsche.

Danach habe ich für mich festgestellt: Ist nicht mein Genre. Fertig. Kein moralischer Zusammenbruch, keine Grundsatzrede und auch kein digitaler Scheiterhaufen für alle, die das Buch trotzdem mögen.

Den Film werde ich mir trotzdem ansehen. Schon allein, weil mich inzwischen ernsthaft interessiert, wie dieser Stoff umgesetzt werden soll, sobald der gnädige Weichzeichner im eigenen Kopf wegfällt und stattdessen echte Menschen vor der Kamera stehen. Oder liegen. Vermutlich häufiger Letzteres.

Darstellung ist keine Befürwortung

Am aktuellen Aufschrei beunruhigt mich weniger das Buch als die Art, wie inzwischen mit Fiktion umgegangen wird.

Jede Darstellung wird zunehmend als Zustimmung gelesen. Jede Romantisierung als politische Stellungnahme. Jede problematische Figur als persönliches Bekenntnis der Autorin.

Und wer das Werk liest oder sieht, wird gleich mitverdächtigt.

Als würde man mit dem Kauf eines Romans eine eidesstattliche Erklärung abgeben:

»Ich bestätige hiermit, dass ich sämtliche Verhaltensweisen der Figuren für gesellschaftlich erstrebenswert halte.«

So funktioniert Fiktion nicht.

Eine Autorin ist nicht jede Figur, die sie schreibt. Ein Leser befürwortet nicht jeden Inhalt, den er konsumiert. Ein Film ist keine Anleitung für das eigene Leben. Niemand unterstellt Kriminalautoren, sie hätten insgeheim Sympathien für ihre Mörder, nur weil diese über Hunderte Seiten hinweg clever, charismatisch oder attraktiv inszeniert werden.

Hannibal Lecter gehört zu den bekanntesten und faszinierendsten Figuren der Film- und Literaturgeschichte. Trotzdem nimmt kaum jemand ernsthaft an, seine Fans betrachteten Kannibalismus als erstrebenswertes Lebensmodell.

Man kann einen Stoff ablehnen oder geschmacklos finden.

Man darf ihn aber auch einfach genießen. Ohne vorsorgliche Distanzierung, ohne moralischen Beipackzettel und ohne vorher öffentlich zu versichern, dass man im echten Leben selbstverständlich weder gestalkt noch entführt noch dekorativ an eine Wand gekettet werden möchte. Was jemand in einer Geschichte genießt, sagt nichts darüber aus, wie er sein eigenes Leben führen möchte.

Man kann seine Wirkung kritisieren und darüber diskutieren, wie Gewalt oder Sexualität inszeniert werden.

Aber Kritik ist nicht dasselbe wie die Forderung, ein Werk dürfe nicht existieren.

Persönliches Unbehagen ist kein allgemeingültiges Veröffentlichungsverbot.

Denkt denn niemand an die Minderjährigen?

Ein besonders beliebtes Argument lautet derzeit, Minderjährige könnten sich trotz Altersfreigabe Zugang zu dem Film verschaffen. Deshalb müsse mehr Verantwortung übernommen werden. Manche gehen gleich einen Schritt weiter und kommen zu dem Schluss, der Film dürfe am besten gar nicht veröffentlicht werden.

Das ist natürlich vollkommen logisch. Jugendliche könnten schließlich versuchen, Regeln zu umgehen. Eine völlig neue Entwicklung in der Menschheitsgeschichte.

Noch nie hat sich ein Vierzehnjähriger einen Horrorfilm von einem älteren Freund ausgeliehen. Noch nie wurde bei einer Alterskontrolle gelogen. Noch nie haben Minderjährige Ballerspiele, Gangsta-Rap oder Tarantino-Filme konsumiert, die nicht für sie bestimmt waren.

Man sollte deshalb vorsorglich sämtliche Medien für Erwachsene abschaffen. Sicher ist sicher. Vielleicht ersetzen wir sie durch Dokumentationen über verantwortungsvolle Haushaltsführung und gesunde Konfliktkommunikation.

Jugendschutz ist wichtig. Niemand bestreitet das.

Aber Jugendschutz bedeutet Altersfreigaben, Zugangsbeschränkungen, klare Inhaltsangaben und eine Vermarktung, die sich nicht gezielt an Kinder richtet.

Jugendschutz bedeutet nicht, dass Erwachsene keine Inhalte mehr bekommen dürfen, weil Jugendliche möglicherweise Wege finden könnten, sie trotzdem zu sehen.

Sonst dürfte man konsequenterweise kaum noch etwas veröffentlichen.

Dark Romance ist selbstverständlich ein Sonderfall

An dieser Stelle folgt meist das nächste Argument: Man könne »Haunting Adeline« nicht mit anderen Genres vergleichen, weil hier toxische Beziehungen romantisiert würden, und das sei eben etwas grundsätzlich anderes.

Ja.

Natürlich werden sie romantisiert.

Das Genre heißt nicht »Sachbuch über gesunde Partnerschaftsmodelle mit therapeutischer Einordnung, Quellenverzeichnis und Empfehlung zur Paarberatung«.

Aber genau dieses Zugeständnis ist kein Argument gegen das Genre, sondern die Grundlage dafür, wie Fiktion überhaupt funktioniert. Viele Thriller romantisieren die Genialität des Killers, der der Polizei immer einen Schritt voraus ist. Heist-Filme romantisieren den Diebstahl als elegantes Handwerk. Piratenfilme verwandeln Entführung und Freibeuterei in Abenteuerlust. Andere Genres werden ebenfalls moralisch kritisiert. Trotzdem wird ihren Zuschauern wesentlich seltener unterstellt, sie übernähmen die dargestellte Fantasie als Lebensmodell.

Wer einen Serienmörder in einem Thriller faszinierend findet, möchte nicht zwangsläufig einen zum Abendessen einladen. Wer Horror schaut, hofft nicht heimlich auf einen maskierten Mann im eigenen Schlafzimmer. Und wer eine toxische Beziehung in einem Roman spannend oder erotisch findet, möchte deshalb noch lange nicht real gestalkt, kontrolliert oder misshandelt werden.

Der naheliegende Einwand lautet, dass man das Böse bei Serienmördern und Piraten von außen beobachtet, während Dark Romance den Leser unmittelbar in die Perspektive der betroffenen Figur zieht und die Dynamik zugleich erotisch auflädt. Das stimmt. Es ändert jedoch nichts daran, dass Fiktion uns ständig Gefühle für Figuren, Wünsche und Situationen erleben lässt, die wir in der Realität entschieden ablehnen würden.

Bei Walter White fiebern Zuschauer über Jahre hinweg mit, hoffen, dass er seinen Gegnern entkommt, und entschuldigen seine Entscheidungen länger, als es irgendein vernünftiger Mensch im echten Leben tun würde. Nicht, weil sie Drogenhandel, Mord oder den Ruin einer Familie plötzlich für nachahmenswert halten, sondern weil Geschichten uns emotional in Perspektiven hineinziehen können, ohne daraus Zustimmung zu machen.

Genau darin liegt eines der ältesten Prinzipien fiktionalen Erzählens: etwas mitzufühlen, ohne es im eigenen Leben haben zu wollen.

Dieser Zusammenhang sollte eigentlich nicht kompliziert sein.

Trotzdem wird gerade bei Dark Romance auffällig oft so getan, als seien erwachsene Leserinnen willenlose Gefäße, die jede Handlung sofort als Beziehungsratgeber übernehmen und bei der nächsten roten Flagge vorsorglich schon mal das Brautkleid bestellen.

Ein Roman zeigt eine obsessive Beziehung, und schon steht angeblich die gesellschaftliche Ordnung auf dem Spiel.

Ein Krimi zeigt fünf Leichen, und alle bleiben überraschend entspannt.

Ein Happy End ist kein Gütesiegel

Besonders problematisch scheint für manche zu sein, dass die Figuren trotz der toxischen Dynamik zusammenbleiben.

Das gilt dann als endgültiger Beweis dafür, dass die Geschichte das Verhalten befürwortet.

Dabei ist ein Happy End innerhalb einer Geschichte keine staatliche Anerkennung der dargestellten Beziehung. Es bedeutet nur, dass diese Figuren in dieser Fiktion ihr gemeinsames Ende bekommen.

Geschichten müssen schlechte Menschen nicht bestrafen. Sie müssen problematische Paare nicht trennen. Sie müssen keine moralische Abschlussprüfung bestehen, bevor der letzte Vorhang fällt.

Eine Autorin darf ihre Figuren glücklich enden lassen, obwohl jeder halbwegs vernünftige Mensch im echten Leben zu Flucht, Therapie und juristischer Beratung raten würde. Das ist keine Panne. Das ist erzählerische Freiheit.

Wer nur Geschichten akzeptiert, in denen moralisch fragwürdiges Verhalten am Ende zuverlässig sanktioniert wird, sucht möglicherweise weniger Kunst als eine pädagogische Unterrichtseinheit mit Lernzielkontrolle.

Empörung bringt mehr Reichweite als eine differenzierte Debatte

»Ich werde den Film nicht sehen« erzeugt kaum Aufmerksamkeit. »Dieser Film ist gefährlich und darf niemals veröffentlicht werden« bringt Kommentare, Reichweite und moralische Erhabenheit. Empörung ist eben auch nur Content, nur mit überlegenerem Gesichtsausdruck.

Also wird das Ringlicht angeworfen, die Kamera auf Augenhöhe gestellt und der Zeigefinger so lange poliert, bis er im Hochformat glänzt. Dann folgt ein Video mit bedeutungsschwerem Blick, dramatischer Pause und der festen Überzeugung, gerade nicht nur eine Meinung zu äußern, sondern persönlich die Gesellschaft vor dem Untergang zu bewahren.

Je härter die Formulierung, desto besser die Reichweite. Aus »Das ist nichts für mich« wird »Dieser Stoff ist gefährlich«. Aus Kritik wird Warnung. Aus persönlicher Abneigung eine angebliche Gefahr für andere. Und aus einer Verfilmung plötzlich der Beweis dafür, dass Werte, Jugend und vermutlich die gesamte westliche Zivilisation unmittelbar vor dem Zusammenbruch stehen.

Differenzierung lässt sich eben schlecht in fünfzehn Sekunden schneiden. Empörung dagegen funktioniert sofort. Sie braucht keine saubere Argumentation, keinen Kontext und schon gar nicht die lästige Möglichkeit, dass andere Menschen Fiktion anders wahrnehmen könnten. Sie braucht nur einen ernsten Blick in die Kamera und genug Selbstgewissheit, um aus dem eigenen Unbehagen eine allgemeingültige Wahrheit zu basteln.

Der Film ist dabei oft fast nebensächlich. Hauptsache, die eigene Haltung lässt sich sichtbar inszenieren. Schließlich wäre es furchtbar schade, wenn die eigene Überlegenheit unbemerkt bliebe.

Es bleibt trotzdem nur ein Film, Brigitte!

»Haunting Adeline« ist Fiktion. Keine Beziehungsempfehlung. Kein Erziehungsratgeber. Kein gesellschaftlicher Masterplan. Wen das jetzt noch immer überrascht: Pech gehabt.

Wer die Verfilmung sehen möchte, darf das tun. Wer sie kritisieren möchte, ebenfalls.

Aber Erwachsene müssen nicht vor jedem schwierigen, verstörenden oder moralisch fragwürdigen Inhalt geschützt werden, nur weil andere Erwachsene seine Existenz nicht ertragen.

Und wer beim Gedanken an die Verfilmung akute Schnappatmung bekommt, sollte vielleicht zunächst eine revolutionäre Form des Selbstschutzes ausprobieren:

Den Film einfach nicht ansehen.

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Kommentare: 2
  • #1

    Karsten (Sonntag, 19 Juli 2026 11:23)

    Du hast es wunderbar auf den Punkt gebracht!
    Mit 14 habe ich zum ersten Mal "Freitag der 13." Als eine unsagbar schlechte VHS-Kopie. Diese kursierte heimlich in meiner Klasse.
    Sollte man jede Animostät berücksichtigen, dann wäre es definitiv richtig, jegliche Art von Medien abzuschaffen. Mir geht dieses "Es triggert mich und jetzt brauche ich ne Therapie" einfach nur noch auf die Nerven. Leute, lasst einfach die Finger davon, wenn ihr befürchtet, dass euch etwas in eine Krise stürzen könnte.
    Mir sagt die Story übrigens gerade gar nichts vielleicht sollte ich mal reinlesen.

  • #2

    Carola (Sonntag, 19 Juli 2026 18:05)

    Du hast es wieder mal genau auf den Punkt gebracht. Ich habe früher auch die Struwwelpeter Geschichten gelesen und bin heute keine Fingerabschneidende, Schwarzpulver in Pfeifen stopfende und Kinder anzündende Alte Frau-Punkt!