
Wie ein Tier fiel Antonio Morelli über den leblosen Körper seiner Frau her. Er störte sich nicht daran, dass die Fliegen sich bereits auf ihr niedergelassen hatten. Es interessierte ihn in seinem Rausch auch nicht, dass seine beiden Kinder auf dem Sofa saßen und ihn beobachteten. Sie verstanden nicht, wieso ihre Mutter keinen Mucks von sich gab.
Antonio hatte jegliche Verbindung zur Realität verloren. Seine Augen waren leer, die Pupillen geweitet und sein Gesicht zeigte keinerlei Anzeichen von Reue oder Scham. In diesem Augenblick existierte für ihn nur noch der morbide Akt, den er gerade vollzog.
Die Kinder beobachteten das grausame Geschehen mit glasigen Augen, unfähig zu begreifen, was hier vor sich ging. Ihr kleiner Verstand konnte die Perversion, die sich vor ihnen abspielte, nicht erfassen. In ihrer kindlichen Naivität dachten sie, ihre Mutter schlafe und Antonio tue das, was Erwachsene eben manchmal tun. Doch ihre Instinkte sagten ihnen, dass irgendetwas nicht stimmte. Die Laute, die ihr Vater von sich gab, waren beängstigend. Grunzend und keuchend bewegte er sich hemmungslos und unrhythmisch über seiner Frau.
Der Raum war erfüllt von einem unerträglichen Gestank, doch Antonio bemerkte auch diesen nicht.
Das Mädchen, die jüngere der beiden Kinder, hatte Tränen in den Augen und klammerte sich ängstlich an ihren Bruder. Sie fühlten sich wie Eindringlinge in einer Welt, die sie nicht verstanden.
Streit, Alkohol und Drogen waren in ihrem Zuhause nichts Neues. Doch was jetzt geschah, riss ein Loch in ihre Wirklichkeit. Etwas Dunkles breitete sich in ihnen aus, und sie wussten, dass sie nie wieder die Gleichen sein würden.
Erst Stunden später, als seine Kinder bereits eingeschlafen waren und Antonio sich bewusst wurde, wie schwerwiegend seine Tat war, begann er bitterlich zu weinen und traf eine Entscheidung.
»Nicht mal die Wochenenden sind diesen Pennern heilig«, schnaufte Frank Kessler, als er mit seinem Kollegen Erik Wagner auf dem Wanderparkplatz nahe des Waldbades in Hilden eintraf.
Es war Mitte Januar, und die eisige Kälte durchdrang ihre Gliedmaßen. Der Asphalt war von einer dünnen Eisschicht überzogen, die unter ihren Schritten leise knirschte. Wagner rieb sich die Finger und zog seinen Mantel enger. In der Morgenluft stieg der Atem der Ermittler als weiße Schwaden auf.
»Natürlich nicht. Die meisten Verbrecher gehen ganz normalen Berufen nach, Frank. Wann soll man sich denn sonst die Zeit nehmen, eine Leiche zu entsorgen?«
»Trottel«, antwortete Kessler mürrisch.
»Ah, da seid ihr ja. Wurde ja auch langsam Zeit.« Polizeikommissar Ismael Yilmaz trat hinter der Absperrung hervor, ging auf die beiden zu und reichte ihnen die vorgeschriebene Schutzkleidung. »Macht euch auf was gefasst, das sieht echt übel aus.«
Die Kälte ließ die Schutzkleidung steif werden, als Yilmaz sie zu der Leiche führte, die in den frühen Morgenstunden gefunden worden war. Die Frau, vermutlich Anfang bis Mitte dreißig, lag nackt auf dem Rücken. Unter ihr befand sich ein blauer Müllsack, den die Kollegen von der Spurensicherung bereits vorsichtig geöffnet hatten.
Kessler trat näher. Die vor Ort aufgestellten Scheinwerfer betonten jedes Detail der Szenerie. Das grelle Licht fraß jede Schattenkante und ließ selbst kleinste Verletzungen unbarmherzig hervortreten.
Dem Opfer war an verschiedenen Stellen Fleisch vom Körper geschnitten worden. In ihrer Brust klaffte ein offenes Loch. Der Täter hatte ihr das Herz entfernt. Ihre Augen waren mit dunklem Klebeband zugeklebt, ihre Mundwinkel waren an beiden Seiten aufgeschlitzt. Als hätte der Täter ihr ein Lächeln ins Gesicht schneiden wollen.
Für einen Moment hörte Kessler nichts außer dem leisen Summen der Scheinwerfer und dem entfernten Knacken des gefrorenen Bodens unter den Stiefeln der Kollegen. Die eisige Ruhe in der Luft verstärkte die makabere Szenerie, die selbst den erfahrenen Ermittler verstörte.
Frank Kessler war sechsundfünfzig und hatte schon viele grausame Dinge sehen müssen. Eine Leiche, die auf eine solche Art und Weise zugerichtet worden war, hatte meistens eine Bedeutung. Dennoch wirkte alles wie eine zahllose Aneinanderreihung von willkürlichen Verstümmelungen.
»Sie wurde definitiv eine Weile irgendwo festgehalten«, stellte Kessler fest und deutete auf die Fesselspuren, die sich an Hand- und Fußgelenken befanden.
»Fragt sich nur, wie lange. Außerdem hat da wohl ganz offensichtlich jemand ein schlechtes Gewissen. Oder wie würdest du die zugeklebten Augen deuten, Frank?«, fragte Wagner und deutete auf das Klebeband.
»Schon möglich. Mal sehen, was Constanze dazu zu sagen hat.«
Anschließend betrachtete Wagner den geöffneten Brustkorb des Opfers. »Dafür braucht man doch sicher vernünftiges Werkzeug und etwas Fingerspitzengefühl, oder? Ich wüsste jetzt nicht, wie ich ’nem Menschen mal eben so das Herz entfernen könnte. Auch wenn ich sicher schon wirklich viele Herzen gestohlen habe. Habt ihr das Herz irgendwo gefunden?«
»Nein, haben wir nicht. Der Zeh ist ebenfalls nicht auffindbar«, erklärte er und wies auf den rechten Fuß des Opfers. »Auch sonst gibt es keine wirklichen Spuren. Nur die Leiche und den Müllsack. Sie wurde heute Morgen von einem Spaziergänger gefunden, der mit seinem Hund Gassi ging. Alles Weitere muss die Kriminaltechnik und die Rechtsmedizin klären.«
Er atmete hörbar aus. »Ich glaube aber, dass es in der heutigen Zeit verdammt leicht ist, an solches Werkzeug heranzukommen. Durch all die True-Crime-Serien und YouTube-Videos gibt es sicherlich irgendwo im Netz Anleitungen zur Entfernung von Herzen. Wir wissen natürlich auch noch nicht, wer die Frau ist, da sie keinerlei Papiere bei sich hatte. Ihr solltet euch auf jeden Fall die Vermisstenfälle ansehen.«
Yilmaz hatte recht. Allein das Internet bot all den Wahnsinnigen da draußen einen nahezu lückenlosen Informationsfluss für jedes noch so kranke Verbrechen. Kessler meinte sich sogar zu erinnern, dass Constanze einmal von einer Internetseite gesprochen hatte, auf der man Rezepte basierend auf Menschenfleisch finden konnte. Seltsamerweise musste er bei dem Anblick der verstümmelten Frau genau daran denken.
»Gibt es hier irgendwelche Zeugen?«, fragte Wagner, unfähig, den Blick von der Leiche abzuwenden. Seit fast drei Jahren war er nun bei der Kripo tätig, und trotz seiner zweiunddreißig Jahre galt er für die meisten immer noch als junges Gemüse. Nicht, dass ihn das sonderlich störte. Solange niemand ihm den Kaffee streitig machte, war alles im grünen Bereich.
Während sein Kollege bereits eine gewisse Nüchternheit beim Anblick von Leichen entwickelt hatte, wuchs in ihm die Faszination für diese morbide Realität zunehmend.
Yilmaz schüttelte den Kopf. »Bisher nicht. Der Spaziergänger hat die Leiche entdeckt, die Polizei gerufen und das war’s. Hier steppt auch um die Uhrzeit nicht wirklich der Bär.« Er sah auf seine Armbanduhr. Es war 4:50 Uhr. »Außerdem ist es Samstag. Normale Menschen schlafen um die Uhrzeit noch.«
Kessler nickte. »Dann bleibt uns wohl jetzt nichts anderes übrig, als herauszufinden, wer die Frau ist, und auf die Ergebnisse von Dr. Stern und den Kollegen zu warten.«
Jerry Kramer verabscheute diesen Job, aber was blieb ihm anderes übrig? Schließlich musste der Kühlschrank gefüllt werden, und die Rechnungen bezahlten sich leider auch nicht von allein.
Seine neueste Klientin trug den Namen Cora Springer, eine dieser spät im Leben gebärenden Damen, die ihre Kinder eher als Accessoires denn als Lebewesen betrachteten. Ihre ständige Sorge war, dass ihr kostbares Schneeflöckchen sich mit den falschen Leuten abgeben könnte.
Dass ihre eigene Tochter Fiona zu diesen »falschen Leuten« gehören könnte, kam Frau Springer natürlich nicht in den Sinn. Schließlich war es offensichtlich, dass Fiona nur von Unschuld und Tugend umgeben war, genau wie jeder andere Teenager, den Jerry in den letzten drei Jahren observieren musste.
Und so fand er sich in der eisigen Kälte auf einer Parkbank im Düsseldorfer Volksgarten wieder, um Fiona und ihre Clique zu beobachten. Das Schneeflöckchen war eindeutig die Anführerin dieser Gruppe. Sie schien den »schlechten Einfluss« geradezu zu verkörpern.
Gemäß den Informationen, die ihm ihre Mutter geliefert hatte, war Fiona fünfzehn Jahre alt, eine Einserschülerin und das Musterkind schlechthin. Jedoch machte ihre Mutter sich Sorgen, da sie in letzter Zeit sehr abwesend sei und ihre Noten allmählich den Bach runtergingen. Dieses »Musterkind« sah aus, als wäre sie einer Gruft entsprungen. Mit ihren schlecht gefärbten, pechschwarzen Haaren, einem Kajalstrich, der den Äquator umrunden konnte, Ringen an jedem Finger und einer auffälligen Kette mit einem Pentagramm-Anhänger erfüllte sie wirklich jedes Klischee, das man sich vorstellen konnte.
Du hältst dich wirklich für so unvorhersehbar und originell, nicht wahr?, dachte Jerry. Insgeheim war er froh, dass dieser Kelch an ihm vorbeigegangen war und er sich in seinem Privatleben nicht mit Teenagern und deren hormongesteuerten Problemen beschäftigen musste.
In der einen Hand hielt Fiona eine Bierflasche, in der anderen einen üppigen Joint, an dem sie genüsslich zog, ohne auch nur einmal zu husten. Man musste kein Profiler sein, um zu erkennen, dass das nicht ihre erste Tüte war. Wegen dieser Kackbratze verpasste Jerry also das Telefonat mit seiner Mutter? Er wusste, dass sie daraus wieder ein Drama machen würde.
Unauffällig machte er ein paar Bilder und begab sich in Richtung der S-Bahn-Haltestelle »Volksgarten«. In Kürze würde er Frau Springer alle erforderlichen Informationen zur Verfügung stellen können. Doch vermutlich würde sie trotzdem hartnäckig an der Unschuld ihres »kleinen schwarzen Schneeflöckchens« festhalten. Wie dem auch sei, sein Auftrag war erledigt, und er hatte sich unerwartet schnell 500 Mäuse verdient.
Natürlich hatte die S1 mal wieder eine exquisite Vorstellung ihrer Verspätung gegeben, na ja, immerhin fuhr sie ausnahmsweise mal, sodass er seinen Anschlussbus, den 783er, um Haaresbreite verpasste. Doch bevor er nun eine Ewigkeit auf den nächsten Bus wartete, wirklich, warum zur Hölle fuhr dieser Bus an einem Sonntag nur einmal stündlich?, kam ihm der Gedanke, dass er die Strecke nach Hause besser zu Fuß zurücklegen sollte. Schließlich, nach all den Jahren, in denen er inzwischen in Hilden lebte, war diese unsinnige Busfrequenz einfach nicht mehr zu ertragen.
An den Wochenenden war es im Industriegebiet auffällig ruhig, abgesehen von einigen rücksichtslosen Rasern, die die Niedenstraße gerne als private Rennstrecke nutzten. Viele Anwohner hatten schon lange den Wunsch geäußert, dass hier endlich ein Blitzer dauerhaft aufgestellt werden sollte. Das hätte nicht nur die Verkehrssicherheit verbessert, sondern auch die Stadtkasse kräftig gefüllt.
In seiner Wohnung, die definitiv keine Prämie für ihre Geräumigkeit gewinnen würde, hatte er endlich Schutz vor der eisigen Kälte gefunden. Die leeren Pizzakartons stapelten sich an verschiedenen Stellen, und die Wäscheberge hatten bereits olympische Ausmaße erreicht. Die vielfältigen Gerüche aus der Küche und dem Wäschekorb sorgten für eine Duftmelange, die wohl am besten als einzigartige »Wohnatmosphäre« bezeichnet werden konnte.
Nachdem er sich halbwegs aufgewärmt und ein Bier geöffnet hatte, startete er seinen Laptop, um Cora Springer die Bilder ihrer Tochter und die Rechnung für seine Dienste zuzusenden.
Gerade als er seinen Laptop zuklappte und sein zweites Bier öffnete, klingelte es an seiner Tür, die sich auch sofort öffnete. Da er offiziell noch im Dienst war, konnten potenzielle Klienten einfach eintreten. Natürlich war das nicht unbedingt die sicherste Methode, denn wer wusste schon, welcher Irrsinnige sich Zutritt zu seinem Reich verschaffen würde. Aber da er ohnehin stets eine geladene HK P30, ein Überbleibsel aus seiner Zeit bei der Kripo, in der Schublade seines Schreibtisches griffbereit hatte, machte er sich darüber weniger Sorgen.
In einem Film noir hätte jetzt vermutlich eine hochgewachsene, umwerfende Blondine seine heiligen vier Wände betreten und ihn unter Tränen angefleht, Beweise für die Untreue ihres geliebten Ehemannes zu finden. Aber an diesem Tag betrat eine Person seine Wohnung, die seiner Meinung nach alles andere als umwerfend war.
Er verharrte, als sein Blick auf das vertraute Gesicht fiel. Dieser Besuch bedeutete Ärger. Da war sich Jerry sicher.
»Schmitty, was führt dich in mein bescheidenes Heim?«, fragte Jerry und lehnte sich entspannt in seinem Bürostuhl zurück.
Kriminalhauptkommissar Georg Schmitt, den alle nur Schmitty nannten, schwieg und nahm Platz auf dem Stuhl ihm gegenüber, auf der anderen Seite von Jerrys Schreibtisch. So saßen sie da und starrten sich an, als ob Jerry an einem Sonntagabend nichts Besseres zu tun hätte, als seinem ehemaligen Kollegen in die hässliche Visage zu glotzen.
Schmitty hatte sich in den letzten Jahren verändert. Er war definitiv fetter als damals. Sein Haar war der Zeit zum Opfer gefallen, die glänzende, kahle Stelle auf seinem Kopf glich einem Hubschrauberlandeplatz.
»Kommt da vielleicht heute noch was, Schmitty?« Jerry wurde ungeduldig.
»Ich brauch deine Hilfe, Jerry«, begann er langsam. Erst jetzt bemerkte Jerry, wie müde er aussah. Wenn Schmitty ihn nach all den Jahren wirklich um Hilfe bitten wollte, musste die Kacke definitiv kräftig am Dampfen sein. Zu dessen Bedauern war Jerry das herzlich egal.
»Was es auch ist, Schmitty, ich will mit deiner Scheiße nichts zu tun haben.«
»Vielleicht hörst du mir erst einmal zu. Danach kannst du noch immer überlegen, ob du mir hilfst oder nicht.«
Jerry dachte einen Moment nach und bedeutete ihm dann mit einem Handwink, fortzufahren. Sollte er nur reden. Am Ende würde Jerry ihn aus seinem Büro rauskommandieren und ihm klarmachen, dass er ihn nie wieder belästigen solle.
»Wir haben letzte Woche eine Leiche hier in Hilden gefunden. Eine junge Schriftstellerin namens Natascha Jankowski. Sie wurde drei Tage zuvor als vermisst gemeldet. Sie war übel zugerichtet. Der Täter hat ihr an verschiedenen Stellen das Fleisch rausgeschnitten. Hat ihr den Brustkorb geöffnet und das Herz mitgehen lassen. Den kleinen Zeh vom rechten Fuß hat er ihr auch abgetrennt. Der ist übrigens auch nicht auffindbar. Zudem hat er ihr ein prachtvolles Lächeln ins Gesicht geschnitten. Die Augen wurden dem Opfer zugeklebt, wir vermuten also, dass er sich mehr oder weniger für seine Taten schämt. Sie wurde post mortem vergewaltigt. Zu den Spermaspuren gibt es jedoch keinen Treffer in der Datenbank. Sie wurde in einem Müllsack auf dem Wanderparkplatz in der Nähe des Waldbades abgelegt. Als sie gefunden wurde, war sie schon einige Tage tot. Du siehst also, wir haben es hier mit einem richtigen Spezialfall zu tun.«
Okay, wow. So was hatten sie schon lange nicht mehr. Es klang interessant, und Jerrys Instinkte regten sich. Trotzdem konnte Schmitty nicht auf ihn zählen. Aber er wusste, dass er noch nicht fertig war, und Jerry hörte angespannt weiter zu.
»Seit gestern Abend wird eine weitere Autorin vermisst. Jennifer Abels. Wir gehen davon aus, dass es sich um den gleichen Täter handelt.«
»Okay, Schmitty. Ich gebe zu, das klingt durchaus interessant. Aber wieso sollte ich dir helfen? Habt ihr keine fähigen Männer mehr?« Irgendetwas war hier nicht richtig. Es ergab keinen Sinn, dass Schmitty ihn in diesen Fall involvieren wollte.
»Natürlich haben wir das. Aber aus Gründen, zu denen ich später noch kommen werde, glaube ich, dass dich dieser Fall interessieren wird.« Schmitty sah ihm tief in die Augen und fuhr fort: »Jerry, du hast schon immer eine unheimliche Gabe gehabt, dich in die Gedanken dieser Kriminellen hineinzuversetzen. Du liebst es, dir vorzustellen, du wärst sie, um besser verstehen zu können, wie sie ticken.«
Verdammt, ja. Er hatte recht. Sich in kranke Psychopathen hineinzuversetzen war definitiv befriedigender, als irgendwelchen Gothic-Punks aufzulauern, nur weil sie sich gerne mal einen Joint genehmigten. Trotzdem wollte Jerry mit der Sache nichts zu tun haben. Doch der drängende Blick und der nervöse Unterton in Schmittys Stimme ließen ihn zögern.
»Jerry, wir stehen unter enormem Druck, diesen Kerl zu stoppen, und ich brauche jemanden, dem ich vertrauen kann. Die Kripo hat niemanden, der so tief in die Psyche der Täter eindringen kann wie du. Ich gebe zu, ich habe auch absolut kein Interesse daran, dass die Kollegen vom LKA uns am Ende den Fall wegnehmen. Das würde ein verdammt schlechtes Licht auf uns werfen. Ich weiß, dass ich bei deinem Rauswurf damals nicht unbedingt kollegial gehandelt habe, wirklich. Aber welche Wahl hatte ich denn?«
Fragte der Penner ihn ernsthaft, welche Wahl er gehabt hatte? Sauber, Schmitty. Wirklich!, dachte Jerry. Für einen kurzen Moment spielte er mit dem Gedanken, seinem ehemaligen Kollegen mit seiner P30 das Hirn rauszuschießen, aber er wollte seinen Teppich nicht noch mehr versiffen, als er es ohnehin schon war. Stattdessen hörte er weiter zu.
»Das Opfer und die vermisste Frau stehen in Verbindung mit einem Bücherclub oder Lesezirkel, oder wie auch immer man so was nennt. Die Teilnehmer veranstalten in ein paar Tagen so ’ne Art Meet and Greet hier im Bürgerhaus.«
Das war durchaus interessant. Es schien, als hätte es ein Irrer speziell auf junge Autoren abgesehen.
»Okay, und weiter?«
»Das hier«, sagte er und warf die Zeitung auf Jerrys Tisch, »ist ein Artikel, in dem alle Teilnehmer aufgelistet sind. Wir vermuten, dass unser Täter es genau auf diese Leute abgesehen hat. Ein Name auf dieser Liste dürfte dich durchaus interessieren.«
Jerry nahm die Zeitung auf und las den Artikel durch. Er betrachtete die Namen der ihm unbekannten Autoren und Buchblogger, bis ihm einer ins Auge stach. Fassungslos knallte er die Zeitung auf den Tisch und starrte Schmitty an. Am liebsten hätte er ihm das Gesicht zu Brei geschlagen, das wäre vielleicht sauberer gewesen, als seine Waffe zu benutzen. Aber es war nicht Schmittys schuld, dass dieser Name auf der Liste stand.
Jerry spürte, wie sich jeder Muskel in seinem Körper anspannte, und ein Teil von ihm fühlte sich verraten. Nicht viele wussten von der Existenz dieser Person und in welcher Verbindung er zu ihr stand.
»Wusste ich doch, dass dich das nicht kaltlässt.« Schmitty genoss scheinbar, dass er Jerry nun doch an den Eiern hatte.
»Hast du eine Kopie der Akte dabei?«, fragte Jerry und lehnte sich mit geschlossenen Augen zurück in seinen Stuhl, während er die Hälfte seiner Bierflasche in einem Zug leerte.
»Hältst du mich für einen Amateur? Natürlich habe ich die dabei.« Schmitty griff erneut in seine Aktentasche und legte sie auf Jerrys Tisch.
»Denk daran, Jerry. Du bist offiziell nicht mehr im Dienst. Die Tatsache, dass du unter deinem Tisch noch immer deine P30 versteckt hältst, ignoriere ich, weil ich dich durchaus schätze. Dass du hier mitspielst, muss streng geheim bleiben, haben wir uns verstanden? Auch kein Wort zu den Kollegen von der Kripo. Erst recht nicht zu Karess.« Er wusste also, dass Jerry und Käthe Karess noch immer engen Kontakt hatten.
»Klar. Und jetzt verzieh dich. Ich meld mich, sobald ich die Akte studiert habe. Übrigens …« Jerry wollte diese Frage nicht stellen. Er wollte mit all dem nichts zu tun haben. Aber Schmitty hatte ihn mit reingezogen, und er konnte auch nicht ignorieren, dass dieser Name auf der Liste stand.
»Übrigens?«, wiederholte Schmitty.
»Weißt du, wo ich den Jungen finde?«
Damals
Karin lag mit dem Rücken auf dem Teppich und starrte die Decke an. Sie sah friedlich aus. Stefan, ihr Ehemann, lag auf dem Sofa, ebenfalls vollkommen weggetreten und in seiner eigenen Welt. Für einen Moment schien es in diesem Haus so etwas wie Frieden zu geben. Die Kinder spielten nur wenige Meter entfernt von ihnen auf einem Bauteppich. Sie störten sich nicht an den Flecken, welche von den wiederholten Rauschexzessen ihrer Eltern resultierten.
Plötzlich und ohne Vorwarnung drehte sich Karin auf den Bauch, zog Arme und Beine an und krabbelte mit verzerrter Miene auf ihre Kinder zu. Sie legte den Kopf schief und betrachtete ihre Tochter. Dann strich sie ihr sanft über das Gesicht und flüsterte: »Deine Jugend gehört mir.« Anschließend biss sie ihr in den kleinen Zeh.
Das Mädchen schrie und versuchte, ihren Fuß wegzuziehen, doch ihre Mutter hatte ihn mit beiden Händen fest umschlungen. Sie ließ erst von ihr ab, als das Blut ihrer Tochter aus ihrem Mund lief und sie den Zeh abgenagt zwischen ihren Zähnen hielt. Ohne darüber nachzudenken, schluckte sie ihn hinunter. Der Junge eilte umgehend in die Küche und verband den Fuß seiner kleinen Schwester mit einem Küchenhandtuch.
Als er das Handtuch fest um ihren Fuß wickelte, hörte er die schrecklichen Worte seiner Mutter in seinem Kopf widerhallen: »Deine Jugend gehört mir.«
Der Junge versuchte, sich auf das Verbinden des Fußes zu konzentrieren. Er spürte, wie eine zermürbende Wut in ihm aufstieg, Wut auf seine Eltern, auf das Chaos, das sie verursachten, und auf die Ohnmacht, in der er und seine Schwester gefangen waren.
Ihre Eltern konnten liebevoll sein, jedoch nur, wenn der Konsum sich in einer bestimmten Menge einpendelte. Zu viel, und sie eskalierten komplett, gefangen in Wahnvorstellungen und Psychosen. Zu wenig, und sie wurden brutal, schrien und schlugen die Kinder. Sie fanden immer einen Grund, sie für jedes noch so kleine Vergehen zu bestrafen.
Die Kinder waren in einem Albtraum gefangen, und niemand wusste, wann sie hieraus erwachen würden.
In den Momenten scheinbarer Ruhe in ihrem Zuhause lauerte stets die unheilvolle Unsicherheit.
Die schmalen, knarrenden Treppen, die aus dem Flur ins Kinderzimmer führten, waren wie der Pfad zu einer düsteren Höhle. Jede Stufe war mit der Spannung des Ungewissen geladen. Die Kinder lernten, sich lautlos zu bewegen, wie Schatten im eigenen Zuhause, um den Zorn ihrer Eltern nicht zu wecken.
Manchmal schienen die Eltern wie zwei verschiedene Wesen zu sein, je nachdem, welche Seite des Abgrunds sie betraten. In den Momenten der scheinbaren Normalität konnte man ihre Liebe spüren, ihre Zärtlichkeit. Doch diese Momente waren so flüchtig wie eine Illusion und verblassten schnell im Dunst des Alkohols oder der Drogen.
Die ständigen Schreckensszenen, die sich in ihrem Zuhause abspielten, hatten Spuren hinterlassen, die weit über ihr junges Alter hinausgingen.
»Vielleicht ist er Koch?«, fragte Erik Wagner mehr an sich selbst als an seinen Kollegen Frank Kessler gerichtet.
»Wie kommst du denn auf den Schwachsinn?« Kessler starrte auf die Bilder und Notizen, die am Flipchart hingen.
»Na ja, schau doch mal, er hat aus der Frau regelrecht Gulasch gemacht.«
Kessler ließ die Bemerkung unkommentiert im Raum stehen. Inzwischen hatte er sich daran gewöhnt, dass sein junger Kollege gern Witze über ihren Job, über die Opfer und überhaupt alles riss. Wagner war ohne jeden Zweifel kompetent und kombinierte Sachverhalte in der Regel viel schneller als alle anderen ihrer Kollegen, doch sein Humor ließ zu wünschen übrig.
Natascha Jankowski wurde übel zugerichtet. Vom Zeitpunkt ihres Verschwindens bis zum Fund ihrer Leiche vergingen mehrere Tage. Der Täter musste sie also irgendwo festgehalten haben. Dr. Stern hatte in ihrem Bericht erklärt, dass das Fleisch mit einer Art Fleischerbeil abgetrennt worden war. Aus diesem Grund notierte Wagner in einer Ecke das Wort ›Metzger?‹.
Kriminaldirektor Horst Wellhausen war wegen der Verwicklung seiner eigenen Frau in dem letzten Fall noch immer beurlaubt, und es war unklar, wann er zurückkehren würde oder ob er überhaupt noch einmal den Dienst antreten würde.
Ihre Ausgangssituation war alles andere als gut. Sie hatten zwar die DNA des Täters, aber ohne eine passende Übereinstimmung war diese vorerst wertlos. Von Jennifer Abels fehlte noch immer jede Spur. Der einzige Anhaltspunkt, den sie hatten, war der Bücherclub, dem die beiden Autorinnen angehörten.
Ein Name aus diesem Club machte Kessler stutzig: Adriano Bellini. Der Name kam ihm bekannt vor, aber er konnte ihn nicht zuordnen. Er war sich aber sicher, dass er ihn schon einmal irgendwo gehört hatte. Damit konnte er sich aber auch noch später beschäftigen.
»Immerhin sind es diesmal keine Kinder«, sagte er gedankenverloren.
Beide Frauen waren in ihren Dreißigern, kinderlos und gingen voll und ganz in ihrer Kunst auf.
»Ändert aber auch nichts an dem Umstand, dass Natascha Jankowski jetzt mausetot ist oder dass mal wieder ein Psycho durch Hilden rennt.«
»Auch wieder wahr. Sieht so aus, als müssten wir uns diesmal mit einer Horde Schreiberlingen abgeben.«
»Na Frank, das klingt aber nicht so, als würde dir das Freude bereiten. Dabei ist Lesen doch so ein herrlicher Zeitvertreib«, sagte Wagner und zog süffisant einen Mundwinkel nach oben.
»Hör bloß auf, Erik. Meine Mutter war Deutschlehrerin und zwang mich regelrecht, von ihr auserwählte Bücher von Goethe und Schiller zu lesen. Das war die reinste Folter. Constanze verschlingt voller Hingabe einen Psychothriller nach dem anderen. Als ob wir in unseren Job nicht schon genug mit Wahnsinn zu tun hätten.«
»Goethe und Schiller? Du bist wirklich ein verdammt armer Kerl, Frank. Ein ganz armer. Ich finde es allerdings sehr bedauerlich, dass Schmitty Karess nicht zurück in unser Team geschickt hat. Mit ihr würde das alles so viel mehr Spaß machen.«
Bei ihrem letzten Fall hatte Kriminaldirektor Wellhausen Kommissarin Käthe Karess ins Boot geholt, zunächst, um ein Auge auf die Arbeit von Kessler und Wagner zu haben. Jedoch hatte sich am Ende alles anders entwickelt. Die Dinge hatten sich überschlagen, und zu guter Letzt rannte Karess in ein brennendes Gebäude, um die Täterin zu stellen. Das hatte sie eines ihrer Tattoos an ihrem Arm gekostet. Die Narben dieser Verbrennungen würden sie ihr Leben lang daran erinnern, wie leichtsinnig sie gewesen war.
»Spaß … is klar, Erik. Zur Not können wir sie ja immer noch konsultieren, wenn wir irgendwo feststecken. Muss Schmitty ja nicht mitbekommen.«
»Wie dem auch sei. Leider habe ich das ungute Gefühl, dass es nicht bei diesem Mord bleiben wird. Auch wenn’s jetzt scheiße klingt, aber ich gehe davon aus, dass Frau Abels inzwischen auch tot ist.«
»Geht mir genau so«, antwortete Kessler finster. »Mein Bauch sagt mir, dass alle Autoren und Buchblogger, die an diesem Büchertreffen teilnehmen wollen, potenzielle Opfer sein könnten.«
»Diese Vermutung habe ich auch. Jedoch könnte unser Täter ebenfalls unter ihnen sein. Was sagt deine werte Verlobte eigentlich zu dem Fall?«
Wagner spielte auf Dr. Constanze Levit an. Sie war die interne Polizeipsychiaterin, und sie und Kessler steckten mitten in den Hochzeitsvorbereitungen.
»Sie ist noch dabei, ein Profil zu erstellen. Natürlich ganz inoffiziell. Will sich noch mit ein paar Kollegen kurzschließen. Sie hat diesen Fall natürlich auch mit den beiden vom letzten Jahr verglichen, um sich ein besseres Bild über den Täter machen zu können. Hier hat sie bereits gravierende Unterschiede feststellen können: Im Seiler-Fall hat der Täter damals aus allen Opfern mit Hingabe ein vollendetes Kunstwerk erschaffen. Es wurden sogar Bilder der Opfer aufgenommen und im Internet verbreitet. Ihr Fall im letzten Herbst hatte es auch in sich. Die Zielperson war so in ihrem Wahn, der verrückte Hutmacher zu sein, gefangen, dass sie die kleinen Mädchen missbraucht und ermordet hat, weil sie davon ausging, dass sie so ihre kleinen Alices ins Wunderland zurückschicken würde. Wieder alles voller Liebe und Hingabe. Aber das hier«, er deutete auf die Bilder der entstellten Leichen, »sieht aus, als hätte unser Täter die Opfer einfach auf den Müll geworfen. Sieht für mich schon beinahe nach Schlachtabfällen aus. Er hat sie noch nicht einmal großartig versteckt. Vermutlich wollte er, dass wir sie finden.«
Wagner nickte zustimmend und versuchte, seine Emotionen bezüglich des Hutmacher-Falls nicht zuzulassen. Er hatte der Person einfach viel zu nahegestanden und war am Ende überaus schockiert gewesen, als die Wahrheit ans Licht gekommen war.
Kessler entging nicht, dass seine Worte in Wagner etwas in Gang gesetzt hatten, und fuhr unmittelbar fort: »Die Tatsache, dass die Frau nach ihrem Tod vergewaltigt wurde, dürfen wir auf keinen Fall außer Acht lassen. Sieht so aus, als hätten wir es hier mit einem ganz Perversen zu tun. Nekrophilie is schon echt harter Tobak. Meinst du, er hat es nur auf Frauen abgesehen? Immerhin haben wir ja auch ein paar männliche Teilnehmer in diesem Buchclub.«
»Hmmm«, summte Wagner und fuhr mit seinen Händen durch seine blonden Locken. »Loch ist Loch, Frank.«
»Bitte was?«, fragte er, da er Wagner nicht ganz folgen konnte.
»Das soll heißen, dass wir erst einmal nicht davon ausgehen, dass er es ausschließlich auf Frauen abgesehen hat.« Wagner zwinkerte seinem Kollegen zu.
»Du weißt schon, dass du manchmal einfach nur widerlich bist, oder?« Angewidert schüttelte Kessler mit dem Kopf, als er die Andeutung seines Kollegen verstand.
»Natürlich weiß ich das. Dennoch sollten wir uns zunächst mal mit der Organisatorin dieses Bücherclubs treffen und versuchen, so viel wie möglich über die Teilnehmer zu erfahren. Möglicherweise ist der Täter ja auch einer von ihnen. Vielleicht ist er ja selbst nicht so talentiert wie seine Kollegen und muss darum die Konkurrenz beseitigen.«
»Wer organisiert dieses Treffen?«
Wagner betrachtete seine Notizen. »Eine gewisse Shira Lachmann.«
»Hmm. Noch nie von ihr gehört.«
Wagner drehte sich zu seinem PC und begann hektisch, etwas in seine Tastatur zu tippen.
»Ah. Hör zu. Shira Lachmann ist freiberufliche Autorin. Sie hat bisher selbst zwei Psychothriller veröffentlicht. Des Weiteren gibt es noch ein Fotomagazin, das ›Nackt und echt auf’m Hocker‹ heißt.«
»Was genau soll das denn sein?«, fragte Kessler und legte die Stirn in Falten.
»Ein Fotoprojekt, bei dem es darum geht, Menschen nackt und fast ungeschminkt, ohne Photoshop und alle möglichen Verfremdungen zu zeigen. Dazu gibt es zu jedem Teilnehmer eine kurze Geschichte.«
»Wozu macht man denn so was?«
Wagner hob den Kopf und sah Kessler an. »Wozu?«, wiederholte er mit einem spöttischen Lächeln. »Anscheinend hat diese Frau Lachmann ein Faible für Nacktheit und Hocker. Vielleicht ist sie der Überzeugung, dass ein Kunstlederhocker unter dem nackten Popo die ultimative Inspiration für die künstlerische Seele ist.« Er tippte weiter auf seiner Tastatur und fuhr fort: »Es ist so eine Art sozial-künstlerisches Experiment. Die Leute entblößen nicht nur ihre Körper, sondern auch ihre Seelen, während sie auf Hockern thronen. Eine Mischung aus Selbstakzeptanz und einem minimalistischen Möbelstück, die ich persönlich sehr interessant finde.«
Kessler zog eine Augenbraue hoch. »Interessant?«
Wagner lächelte. »Ja, interessant im Sinne von ›ich würde selbst nicht mitmachen, aber es ist faszinierend, dass es Leute gibt, die das tun‹.«
»Aha. Gut, dann schauen wir morgen mal, was wir von dieser Frau in Erfahrung bringen können. Wann und wo genau findet dieses Treffen eigentlich statt?«
»Am 26. Januar, also kommenden Freitag am Nachmittag in der Cafeteria des Bürgerhauses in Hilden. Frau Lachmann wird aber schon morgen Vormittag vor Ort sein, um die letzten Vorbereitungen zu treffen. So steht’s jedenfalls im Blog auf ihrer Homepage.«
Zwischen Büchern, Schreibchaos, düsterer Literatur und gelegentlichen Zusammenbrüchen am Marketingalltag sammelt sich auf meinem Blog alles, was keinen Platz zwischen zwei Buchdeckeln gefunden hat. Wenn du mitlesen möchtest, kannst du meinen Blog abonnieren.