Darf man jemanden lieben und trotzdem wollen, dass dieser Mensch stirbt?
Meine Antwort darauf ist: Ja.
Wenn Liebe bedeutet, einen Menschen nicht an ein Leben zu ketten, das längst keines mehr ist.
Meine Tante hatte Multiple Sklerose. Sie starb mit 58 Jahren.
Sie war meine Taufpatin. Aber eigentlich war sie viel mehr als das. Sie war mein ganzes Leben lang da. Als Kind nahm sie mich oft mit zu Allkauf, aus dem später Real und dann Kaufland wurde.
Wenn ich keine Lust auf Einkaufen hatte, ging mein Onkel (ihr Ehemann) mit mir in das kleine Café im Einkaufszentrum, und wir tranken Kakao. Meistens brachte meine Tante mir trotzdem noch eine kleine Überraschung mit.
Bei ihr trank ich auch zum ersten Mal Eiskaffee, in einem Alter, in dem Kinder eigentlich noch keinen Kaffee trinken sollten. Solche Erinnerungen machen sie für mich aus. Sie war nahbar. Liebevoll. Präsent. Sie gab mir das Gefühl, gesehen zu werden.
Als ich die Schule wechseln musste, war sie es, die sich um alles kümmerte, weil mein Vater restlos überfordert war.
Ich habe jahrelang dabei zugesehen, wie ihr Körper sie Stück für Stück im Stich gelassen hat, während ihr Kopf vollkommen klar blieb. Sie konnte zeitweise kaum noch richtig sehen. In ihren Händen und Beinen hatte sie immer weniger Gefühl. Sie ging am Rollator, irgendwann nur noch schwerfällig, jeder Weg ein Kampf gegen einen Körper, der ihr nicht mehr gehorchte. Über die Jahre nahm sie immer weiter ab, bis sie am Ende nur noch knapp 45 Kilo wog.
Irgendwann war die Krankheit so weit fortgeschritten, dass auch ihre Lunge betroffen war. Sie hatte zeitweise Erstickungsanfälle. Genau davor hatte sie die größte Angst: irgendwann elendig zu ersticken und würdelos aufgefunden zu werden.
Oft sagte sie: »Weißt du, Bienchen, jeden Hund würde man einschläfern lassen. Aber mich hält man mit Pillen am Leben. Dabei ist das hier doch gar kein Leben.«
Und verdammt. Sie hatte so recht.
Ein selbstbestimmter Abschied
Sie hatte keine Kinder. Als sie Anfang zwanzig die Diagnose Multiple Sklerose bekam, hatte sie sich bewusst sterilisieren lassen, weil damals für sie nicht klar war, ob und in welchem Ausmaß diese Krankheit weitergegeben werden könnte. Dieses Risiko wollte sie nicht eingehen. Fünf Jahre vor ihrem Tod war außerdem ihr Mann an Krebs gestorben.
Sie wollte so nicht weiterleben. Die ständigen Schmerzen, der zunehmende Kontrollverlust und all die Begleiterscheinungen, die mit jedem Schub kamen, trieben sie fast in den Wahnsinn. Nicht, weil sie nicht mehr denken konnte. Nicht, weil sie nicht wusste, was sie tat. Sondern weil sie sehr genau wusste, was dieses Leben ihr noch ließ.
Meine Großeltern väterlicherseits, mein Vater und mein Onkel (beide waren die Brüder meiner Tante) wohnten alle in derselben Straße. Meine Großeltern starben allerdings schon vor meiner Tante. Räumliche Nähe gab es also genug. Nur emotional wurde es schnell dünn.
Mein Vater und mein Onkel ließen sich meist nur blicken, wenn es unbedingt nötig war. Ja, sie erledigten Einkäufe. Aber im Grunde war es oft dasselbe: rein, das Nötigste machen, wieder raus. Besonders schlimm wurde es, wenn es um ihren Wunsch zu sterben ging. Sobald meine Tante über ihre Angst, ihre Gedanken oder ihre Verzweiflung sprach, wurde sie nicht ernst genommen. Meistens hieß es nur: »Du bist bescheuert.«
Sehr liebevoll, ich weiß.
Einmal platzte mir der Kragen. Ich sagte meinem Vater, dass sein Verhalten unsensibel sei. Seine Antwort war nur: »Ist mir egal. Die spinnt mit ihrem Sterben. Sie soll doch froh sein, dass sie lebt. So ist es besser, als wenn sie tot ist. Sie soll sich nicht so anstellen.«
Das ließ sogar mich sprachlos zurück.
Und genau da sitzt meine Wut. Nicht nur darüber, was gesagt wurde, sondern darüber, wie selbstverständlich diese Kälte war. Meine Tante war für mich immer da gewesen. Sie hatte sich gekümmert, Verantwortung übernommen und Dinge getragen, die andere bequem von sich weggeschoben haben. Aber als sie selbst Halt gebraucht hätte, bekam sie Vorwürfe, Ungeduld und Abwertung.
Das macht mich bis heute wütend. Weil sie mehr verdient hatte. Weil sie nicht bescheuert war. Weil sie Angst hatte. Weil sie sterblich war. Weil sie ein Mensch war und keine lästige Aufgabe, die man zwischen zwei Einkäufen erledigt.
Irgendwann suchte sie sich Hilfe bei einem Sterbehilfeverein. Man hielt sie für depressiv. Aber sie war nicht depressiv. Sie war klar. Sie war müde. Und sie wollte nicht länger in einem Körper gefangen sein, der ihr jeden Tag ein weiteres Stück Würde nahm.
Ich war von Anfang an eingeweiht. Ich saß neben ihr und las ihr die Unterlagen eines Sterbehilfevereins vor, weil sie selbst kaum noch sehen konnte und weil manches so behördenmäßig formuliert war, dass ich ihr erklären musste, wie genau alles ablaufen würde. Wir gingen alles gemeinsam durch. Jeden Schritt. Den Tag bestimmte sie selbst. Eigentlich wollte sie den Termin auf den Todestag meines Onkels legen, aber das war organisatorisch nicht möglich. Also wurde es sein Geburtstag.
Kurz hatten wir überlegt, ob ich an dem Tag bei ihr bleiben sollte, wenn der Sterbehilfeverein kommen würde. Nach Rücksprache mit dem Verein riet man uns davon ab. Nicht aus emotionalen Gründen, sondern wegen dieser typisch deutschen Absurdität, dass man selbst in einem zutiefst menschlichen Moment noch überlegen muss, ob einem irgendeine juristische Falltür unter den Füßen aufgeht. Es sollte nicht einmal der Verdacht entstehen, ich hätte mich aus irgendeiner Gesetzeslücke heraus der unterlassenen Hilfeleistung schuldig gemacht.
Die Struktur des Todes
Also planten wir alles so, wie sie es wollte. Wann ich »zufällig« in ihre Wohnung kommen sollte. Wann ich sie finden würde. Wen ich danach informieren musste. Wie es weitergehen sollte.
Sie hatte mir sämtliche Vollmachten ausgestellt und alles akribisch vorbereitet. Die Kündigungen für Versicherungen, die Wohnung und alles, was noch an ihrem Leben hing, hatte sie bereits ausgedruckt und selbst unterschrieben. Als ihre Bevollmächtigte setzte ich meine Unterschrift daneben, damit wir für jeden Behördenwahnsinn doppelt abgesichert waren. Ich musste nach ihrem Tod nur noch das jeweilige Datum einfügen und die Post wegbringen. Die Umschläge waren bereits von ihr adressiert und frankiert. Es war alles bereit für ein Leben danach, in dem sie nicht mehr vorkam.
Sie hinterließ mir einen Ordner mit allen wichtigen Informationen, Telefonnummern, Ärzten, Terminen, Absagen und einer vollständigen Liste mit dem Titel: »Was Bienchen nach meinem Tod erledigen muss.« Alles war sauber durchnummeriert.
Das war meine Tante. Selbst ihr eigener Tod hatte mehr Struktur als so manches Leben.
Am Tag vor ihrem Tod war ich bei ihr. Ich komme aus einer Familie, in der man über Gefühle nicht spricht. Nicht richtig. Nicht offen. Nicht einmal mein eigener Vater hat mir je gesagt, dass er mich lieb hat. Vielleicht war es genau deshalb so ungewohnt, dass mir in diesem Moment die folgenden Worte über die Lippen kamen: »Hab dich lieb, Moni.«
Wenige Stunden später telefonierten wir das allerletzte Mal. Es ging um Steuerkram. Komisch, dass gerade so etwas hängen bleibt. Und trotzdem sind diese letzten Worte für mich heute nicht entscheidend. Was bleibt, ist nicht der Steuerkram. Was bleibt, sind die Worte, die ich zuvor ganz bewusst gewählt habe: »Hab dich lieb, Moni.«
Festhalten ist grausamer als Loslassen
Meine Tante ist der Grund, warum ich heute sage, dass man sich wünschen darf, dass ein geliebter Mensch stirbt. Nicht, weil man ihn loswerden will. Nicht, weil Liebe endet. Sondern weil man irgendwann begreift, dass Festhalten grausamer sein kann als Loslassen.
Gerade in der Zeit vor ihrem Termin wollte ich nur noch, dass der bürokratische Teil endlich erledigt ist. Dass sie bekommt, was sie sich gewünscht und verdient hatte: einen friedlichen Tod.
Und genau das war dieser Abschied: friedlich.
Es blieben keine offenen Fragen zurück. Kein »Hätte ich doch noch ...«. Kein verzweifeltes Nachgreifen nach einem Moment, der ohnehin nicht mehr zu retten gewesen wäre. Wir hatten gesprochen. Wir hatten geplant. Wir wussten, was kommt.
Vielleicht war es deshalb der erste Tod in meiner Familie, bei dem ich keine Tränen vergossen habe. Nicht, weil es mir egal war. Sondern weil dieser Tod nicht wie ein Überfall kam. Er kam nicht nachts durch irgendeine Hintertür. Er stand im Raum. Wir sahen ihn an. Und zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich das Gefühl, dass ein Abschied nicht nur Verlust sein muss, sondern auch Gnade sein kann.
Diese Zeit hat mich verändert. Es war, als hätte jemand einen Vorhang zur Seite gezogen, hinter dem etwas liegt, das alle kennen, aber niemand wirklich ansehen will: unsere Sprachlosigkeit vor dem Tod.
Wir reden über Lebensqualität, solange es um Ernährung, Bewegung und Achtsamkeit geht. Sobald ein Mensch aber sagt, dass zu dieser Lebensqualität auch gehören kann, das eigene Sterben selbst bestimmen zu dürfen, wird es still. Oder laut. Beides ist selten hilfreich.
Was mich bis heute nicht loslässt, ist die Selbstverständlichkeit, mit der Menschen anderen absprechen, über ihr eigenes Ende entscheiden zu dürfen. Selbstbestimmung klingt offenbar nur so lange gut, wie sie niemanden überfordert.
Ich habe bei meiner Tante keinen Moment der Schwäche gesehen. Ich habe einen Menschen gesehen, der bei vollem Bewusstsein wusste, wo seine Grenze liegt. Und der den Mut hatte, diese Grenze nicht von anderen verwalten zu lassen.
Die andere Art von Selbsttherapie
Irgendwo musste diese Erfahrung hin. Also landete sie, wie vieles bei mir, in einer Geschichte. Menschen therapieren sich mit Yoga, Tagebüchern oder Schweigeseminaren. Ich schreibe eben über Tod, Schuld und moralische Abgründe. Jeder hat sein Wellnessprogramm.
Diese Erfahrung ist in Tödliche Zeilen eingeflossen. Nicht als Eins-zu-eins-Erinnerung. Nicht als versteckte Biografie mit anderem Namen. Aber als Gefühl. Als Frage. Als dieser dunkle Punkt, an dem Liebe, Tod, Verantwortung, Erleichterung und Selbstbestimmung ineinanderlaufen, ohne sich sauber voneinander trennen zu lassen.
Aber am Ende ist das alles nicht der Kern.
Nicht das Buch. Nicht die Frage, ob Sterbehilfe polarisiert, obwohl ein Tabu niemanden schützt. Nicht die moralische Panik anderer Menschen, die plötzlich sehr genau wissen wollen, wie viel Leiden jemand auszuhalten hat.
Der Kern ist eine Frau, die mit 58 Jahren müde war. Klar, entschlossen und gefangen in einem Körper, der Schritt für Schritt seine Funktionen einstellte.
Und ich, die neben ihr saß, Unterlagen vorlas, Listen entgegennahm, Termine kannte, Umschläge abschickte und trotzdem am Ende nur einen einzigen Satz hatte, der wirklich zählte:
»Hab dich lieb, Moni.«
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