Warum mir Tabus am Arsch vorbeigehen

Unsere Gesellschaft behauptet gern, Kunst dürfe alles. Bis Kunst tatsächlich etwas zeigt, das Menschen unangenehm findet. Dann beginnt zuverlässig dieselbe Diskussion. In Büchern, Serien, Filmen, Spielen und eigentlich überall dort, wo Menschen freiwillig dunkle Inhalte konsumieren und anschließend überrascht tun, dass Dunkelheit nicht nach Vanillekipferl riecht.

Dann fallen Sätze wie:

»Aber was ist die Botschaft?«

»Muss das wirklich sein?«

»Warum wird das nicht kritischer eingeordnet?«

Und jedes Mal denke ich mir: Wir reden hier über Unterhaltungsliteratur. Nicht über die Begleitunterlagen eines Ethik-Leistungskurses.

Dunkel, aber bitte konsumierbar

Das Absurde daran ist, dass Menschen seit Jahren begeistert düstere Geschichten konsumieren. Nicht vereinzelt. Nicht heimlich unter der Bettdecke mit schlechtem Gewissen und Taschenlampe. Sondern offen, routiniert und mit Snacks.

Menschen schauen Serien über Serienmörder beim Abendessen, hören True-Crime-Podcasts über Kannibalismus auf dem Weg zur Arbeit und nennen einen Abend voller Gewaltverbrechen, Sekten, Entführungen und psychologischer Abgründe anschließend gemütlich einen »True-Crime-Abend«. Gesellschaftlich ist das inzwischen völlig normal. Man sitzt auf der Couch, isst Chips und hört sich an, wie jemand in einem Keller verschwand. Romantik ist tot, aber immerhin mit Dolby Surround.

 

Psychothriller dürfen offenbar sehr viel. Sie dürfen Menschen zerstören, foltern, manipulieren, morden und Traumata verteilen wie Gratisproben im Supermarkt. Kein Problem. Solange die Leiche atmosphärisch ausgeleuchtet ist und im Hintergrund ein düsteres Klavier klimpert, wird erstmal Popcorn geholt.

Aber wehe, ein Psychothriller oder eine Dark-Fantasy-Geschichte wird wirklich unangenehm. Wehe, die Dunkelheit bleibt nicht dekorativ. Wehe, sie berührt kein hübsch inszeniertes Verbrechen, sondern ein Tabu, das Menschen persönlich trifft. Dann startet plötzlich die moralische Betriebsversammlung. Dann tun alle überrascht, dass düstere Kunst möglicherweise düster sein könnte.

Moralisch grau verkauft sich hervorragend

Dabei ist die Faszination für moralisch fragwürdige Figuren kein neuer Trend. Hannibal Lecter wurde zu einer der bekanntesten Figuren der Literatur- und Filmgeschichte. Der Joker wird seit Jahrzehnten analysiert, gefeiert, zitiert und ästhetisch ausgeschlachtet. Lolita wird bis heute gelesen, diskutiert und literarisch eingeordnet.

 

An dieser Stelle möchte ich kurz einwerfen, dass ich Dr. Lecter übertrieben heiß finde. Lasst euch davon nicht irritieren.

Wir machen mal weiter.

 

Parallel romantisiert unsere Gesellschaft regelmäßig toxische Figuren, solange sie attraktiv genug aussehen, traurige Augen haben und bedeutungsschwer aus Fenstern starren. BookTok hat dafür inzwischen einen hübschen Begriff: morally grey. Klingt natürlich deutlich eleganter als »emotionaler Totalschaden mit Kontrollproblemen«.

 

Das Interessante daran ist nicht, dass Menschen solche Figuren mögen. Das haben sie schon immer getan. Menschen sind keine nüchternen Maschinen mit moralisch einwandfrei sortierter Innenausstattung. Menschen sind Wesen, die gleichzeitig empört über problematische Inhalte posten und danach drei Stunden lang Videos über attraktive Serienkiller schauen. Die Evolution hat wirklich einiges geleistet, aber Konsequenz gehörte offenbar nicht zum Paket.

 

Spannend wird es erst, wenn dieselben Menschen nervös werden, sobald Geschichten ihre moralischen Grauzonen nicht mehr ästhetisch polstern. Solange der toxische Bookboyfriend gut aussieht, ein Trauma besitzt und regungslos im Regen steht, funktioniert das Ganze als romantisierte Fiktion. Wird eine Geschichte dagegen wirklich manipulativ, verstörend oder psychologisch hässlich, entsteht sofort der Reflex, alles moralisch absichern zu wollen.

 

 

Dann soll Kunst erklären. Warnen. Einordnen. Kommentieren. Sich am besten vorsorglich selbst entschuldigen, damit niemand aus Versehen mit einem unangenehmen Gedanken allein gelassen wird. 

Kunst schuldet niemandem Erziehung

Autoren sind nicht automatisch zur Aufklärung verpflichtet. Düstere Abgründe dürfen auch einfach der Unterhaltung dienen. Nicht jede Figur braucht eine moralisch wertvolle Funktion, und nicht jede düstere Fantasie ist ein politisches Manifest.

 

Geschichten dürfen verstören. Sie dürfen neugierig machen. Sie dürfen Menschen faszinieren, obwohl sie moralisch unbequem sind. Das nennt sich Fiktion. Ein Konzept, das eigentlich nicht neu ist, aber offenbar regelmäßig aus dem kollektiven Gedächtnis fällt wie ein schlecht befestigtes Bücherregal.

 

Kunst muss nicht ständig ein emotionales Sicherheitsgeländer montieren. Sie muss nicht vor jedem Abgrund ein Schild aufstellen, auf dem steht: »Achtung, hier folgt ein moralisch fragwürdiger Inhalt, den die Autorin selbstverständlich nicht als Lebensberatung empfiehlt.« Man darf davon ausgehen, dass die meisten erwachsenen Leser verstehen, dass ein Mord in einem Psychothriller keine Bastelanleitung ist. Und wenn nicht, haben wir vermutlich größere gesellschaftliche Probleme als fehlende Triggerwarnungen.

 

Düstere Kunst darf unbequem sein. Sie darf hässlich sein. Sie darf moralisch unsauber wirken. Sie darf Fragen offenlassen, ohne sich am Ende mit pädagogischem Glitzer zu übergeben.

 

 

Und ja, um das Thema direkt anzusprechen: Man darf sogar Bücher lesen, mögen oder literarisch interessant finden, in denen Themen wie Inzest bewusst als Teil einer düsteren oder verstörenden Geschichte genutzt werden, ohne daraus automatisch eine Aufklärungsbroschüre mit Romanhandlung zu machen.

Manche Tabus sind gleicher als andere

Tatsächlich habe ich diese Reaktionen nicht nur theoretisch beobachtet. In einem meiner Bücher kommt das Thema Inzest vor. Ich werde weder das Buch nennen noch die genaue Konstellation verraten. Spannung funktioniert schließlich schlecht, wenn man Spoiler verteilt wie Kamelle an Karneval.

 

Interessant waren allerdings weniger die Diskussionen über die Geschichte selbst. Auffällig waren vielmehr die Reaktionen auf die bloße Existenz des Themas. Denn Menschen lesen teilweise problemlos Bücher voller Gewalt, psychologischer Zerstörung und menschlicher Abgründe, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Literarische Gewalt wird inzwischen konsumiert wie Chips auf der Couch. Solange die Leiche hübsch ausgeleuchtet ist und im Hintergrund ein düsteres Klavier klimpert, funktioniert die Abendunterhaltung erstaunlich reibungslos.

 

Sobald allerdings bestimmte sexuelle oder familiäre Tabus auftauchen, verändert sich die Stimmung schlagartig. Dann fallen Sätze wie »Krank«, »Sowas muss doch nicht sein«, »Dafür braucht es Triggerwarnungen« oder »Wie kann man über sowas schreiben?«

 

Und nein: Dabei ging es oft nicht einmal um die Qualität der Geschichte oder die Art der Darstellung. Für manche Menschen reichte bereits die Tatsache, dass das Thema überhaupt vorkam. Das allein genügte offenbar, um innerlich die Sirenen anzuwerfen und mit einer moralischen Warnweste durch die Kommentarspalte zu rennen.

 

Besonders faszinierend fand ich dabei, dass einige Leser die Thematik ernsthaft als unrealistisch bezeichneten.

Inzest. Unrealistisch. Natürlich.

Ein kurzer Urlaub im Sauerland würde eventuell helfen. Die Realität ist manchmal deutlich kreativer als Literatur. Leider.

 

Noch interessanter wird das Ganze allerdings, wenn man betrachtet, welche Geschichten gesellschaftlich völlig problemlos akzeptiert werden. Ein erheblicher Teil der Menschen, die sich über solche Themen empören, hat vermutlich ohne Schwierigkeiten Game of Thrones geschaut. Eine Geschichte, deren Handlung ohne Inzest ungefähr nach drei Folgen in sich zusammenfallen würde wie ein IKEA-Regal nach drei Umzügen.

 

Vielleicht werden bestimmte Tabus gesellschaftlich leichter akzeptiert, wenn nebenbei Drachen durch die Gegend fliegen und Menschen in mittelalterlichen Palästen bedeutungsvoll Wein trinken. Offensichtlich löst das viele Probleme.

 

Memo an mich: Kessler* im nächsten Psychothriller einfach einen Drachen reiten lassen.

Nicht jede Meinung ist Kritik

Wegen solcher Diskussionen habe ich einige Menschen auf Instagram blockiert. Nicht wegen Kritik. Kritik an meinen Büchern ist vollkommen legitim. Niemand muss meine Themen mögen. Niemand muss meine Figuren ertragen. Niemand muss ein Buch weiterlesen, das ihm zu nah, zu hart oder zu unangenehm wird.

 

Zwischen »Das Thema war nichts für mich« und »Mit dir stimmt psychisch etwas nicht, weil du darüber schreibst« liegt allerdings ein gewaltiger Unterschied. Das eine ist Literaturkritik. Das andere ist der Versuch, Autoren psychologisch zu diagnostizieren, weil man ein Buch gelesen hat.

Eine Beschäftigung, die erschreckend viele Menschen ausüben, obwohl sie vermutlich schon an der Bedienungsanleitung eines Druckers scheitern würden und danach den Drucker für manipulativ halten.

 

Das Internet hat irgendwann kollektiv beschlossen, dass Menschen plötzlich Hobby-Psychologen sind, sobald sie einen Thriller gelesen und drei TikToks über Narzissmus konsumiert haben. Seitdem wird nicht mehr nur über Texte gesprochen, sondern direkt über die seelische Verfassung der Person, die sie geschrieben hat. Als wäre jede erfundene Szene ein CT-Bild der Autorin.

Das ist keine Kritik. Das ist Projektion mit WLAN.

 

Eine Geschichte über Gewalt macht niemanden automatisch gewalttätig. Eine Geschichte über Manipulation macht niemanden automatisch manipulativ. Und eine Geschichte über ein sexuelles oder familiäres Tabu bedeutet nicht, dass der Autor morgens aufsteht und denkt: »Heute romantisiere ich mal gesellschaftliche Abgründe, weil Kaffee allein nicht mehr reicht.«

 

 

Fiktion ist nicht Beichte. Fiktion ist nicht Diagnosematerial. Fiktion ist ein Raum, in dem Gedanken, Ängste, Abgründe, Fantasien und gesellschaftliche Schatten sichtbar gemacht werden können, ohne dass man daraus sofort ein psychologisches Gutachten über die schreibende Person basteln muss.

Psychothriller sind keine Wohlfühlräume

Psychothriller sind keine gemütlichen Safe Spaces mit emotionaler Fußbodenheizung. Sie sollen verstören. Sie sollen Grenzen berühren, die unangenehm sind. Sie sollen Dinge zeigen, die Menschen lieber verdrängen würden.

Genau deshalb lesen viele Menschen dieses Genre überhaupt. Nicht trotz der Dunkelheit. Wegen ihr.

 

Tabus üben seit jeher eine seltsame Faszination aus. Literatur macht sichtbar, worüber Gesellschaften normalerweise schweigen. Manchmal reagieren Menschen nicht aggressiv auf solche Themen, weil sie unrealistisch wären. Manchmal reagieren sie aggressiv, weil diese Themen unangenehm nah an der Realität liegen.

Das ist der Punkt, an dem Kunst unbequem wird. Sie nimmt etwas, das gesellschaftlich lieber weggeschoben wird, und legt es mitten auf den Tisch. Ohne Serviette. Ohne Entschuldigung. Ohne pädagogisches Begleitschreiben.

 

Natürlich muss man nicht alles lesen. Natürlich darf man Grenzen haben. Natürlich darf ein Thema für jemanden zu viel sein. Aber persönliche Grenze und allgemeines Schreibverbot sind nicht dasselbe. Nur weil ein Stoff für einen selbst unerträglich ist, wird er nicht automatisch literarisch illegitim.

Diese Unterscheidung scheint im Internet erstaunlich schwer zu sein. Vielleicht, weil sie mehr verlangt als einen schnellen Kommentar mit moralischem Hochglanzlack.

Verstörung ist kein Fehler

Kunst war nie dafür gedacht, ausschließlich brave Gefühle zu erzeugen. Die interessantesten Geschichten waren oft diejenigen, die Menschen irritiert haben. Geschichten, die unangenehm waren, moralisch unsauber wirkten und ein seltsames Gefühl hinterlassen haben. So ein Gefühl, bei dem man das Buch zuklappt, kurz die Zimmerdecke anstarrt und sich fragt, ob man sich Sorgen machen sollte. Oder ob die Sorgen längst zu spät kommen.

 

Vielleicht reagieren Menschen deshalb so nervös auf düstere Kunst. Nicht weil sie versagt. Weil sie funktioniert.

Sie zwingt uns dazu, uns mit Dingen auseinanderzusetzen, die wir lieber auf Abstand halten würden. Mit Abgründen. Mit Widersprüchen. Mit Gedanken, die sich nicht sauber sortieren lassen. Das ist natürlich unbequem. Menschen mögen Ordnung. Schubladen. Eindeutige Antworten. Idealerweise mit Warnhinweis und moralischer Zusammenfassung auf der letzten Seite.

 

Nur entstehen genau daraus selten die Geschichten, die bleiben.

Kunst, die niemanden irritiert, beschäftigt meist auch niemanden lange. Die Werke, über die wir Jahre später noch sprechen, sind selten diejenigen, die uns sofort bestätigt haben. Es sind die Geschichten, die Fragen offenlassen, Widersprüche sichtbar machen und sich wie ein kleiner geistiger Fremdkörper festsetzen. Nicht dramatisch. Nur hartnäckig genug, um gelegentlich wieder aufzutauchen, wenn man eigentlich etwas völlig anderes machen wollte.

 

Düstere Kunst bleibt nicht trotz ihrer Dunkelheit im Gedächtnis, sondern häufig gerade wegen ihr. Sie fordert heraus, statt zu beruhigen. Sie hinterlässt Spuren, die oft länger bestehen als jede klare Botschaft.

Oder, etwas morbider formuliert: Manche Geschichten verschwinden nach dem Lesen höflich aus dem Kopf. Andere richten sich dort ein wie ein ungebetener Geist und weigern sich konsequent auszuziehen.

Meist sind es die interessanteren.

 

Ich werde also weiterhin über Tabus schreiben. Über psychologische Abgründe. Über kaputte Menschen. Über Figuren, die dringend Therapie bräuchten, aber stattdessen lieber emotionale Katastrophen auslösen. Nicht, weil ich provozieren muss. Die Realität da draußen ist so viel kranker als fast alles, was mein Gehirn und ich uns gemeinsam ausdenken könnten.

An dieser Stelle deshalb ein herzliches literarisches Dankeschön an alle Psychopathen dieser Welt.

Ihr seid für Autoren wirklich unfassbar wertvoll.

Frank Kessler ist einer der Ermittler aus meiner Kessler und Wagner Thriller-Serie. 

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