Was darf ein E-Book eigentlich kosten?

Oder anders gefragt: Wie berechnet man den Wert eines Buches, ohne unterwegs den Verstand, die Geduld und den letzten Funken Menschenliebe in einer brennenden Mülltonne hinter einem Netto zu verlieren?

Denn erstaunlicherweise wird genau diese Diskussion bei Büchern geführt. Besonders bei E-Books. Und ganz besonders bei Selfpublishern.

Kaum kostet ein digitales Buch mehr als ein räudiger Energy-Drink mit Koffeinvergiftungsgarantie, taucht zuverlässig irgendwo im Internet eine Person auf, die erklärt: »Also mehr als 3,99 € würde ich dafür aber niemals bezahlen.«

Faszinierend.

Vor allem, weil dieselbe Person vermutlich letzte Woche völlig schmerzfrei 18 € für Kino, Nachos und eine Cola bezahlt hat, um zwei Stunden lang zuzusehen, wie ein Mann im Spandexanzug New York zum siebenundvierzigsten Mal vor einem explodierenden Himmel rettet.

Der Film gehört ihr danach übrigens auch nicht und die Nachos haben zu diesem Zeitpunkt vermutlich bereits den Verdauungstrakt erreicht.

Aber beim E-Book beginnt plötzlich die große Eigentumsdebatte. Menschen behandeln digitale Bücher teilweise wie herrenlose PDF-Dateien, die nachts irgendwo unter einer Brücke gefunden wurden.

Dabei stecken in jedem Buch Stunden, Monate oder manchmal sogar Jahre an Arbeit. Und genau diese Arbeit hat ein Recht auf Bezahlung.

Wie misst man eigentlich geistigen Zerfall?

Man könnte sagen: »Ich rechne einfach aus, wie viele Stunden ich an einem Buch gearbeitet habe.«

Praktisch scheitert das schon daran, dass kreatives Arbeiten ungefähr so sauber dokumentierbar ist wie ein Kokainabend mit drei Influencern und einem schlecht erzogenen Dackel.

In Papyrus kann ich zwar sehen, wie lange einzelne Dokumente geöffnet waren. Das Problem ist nur: Ein Buch besteht selten aus einem einzigen Dokument.

Es gibt alte Fassungen, Notizen, Szenensammlungen, Recherchedateien, Überarbeitungsstände, Textfriedhöfe voller gelöschter Kapitel, spontane Ideen, chaotische Zwischenlösungen und emotionale Eskalationen in Dateiform.

Natürlich könnte ich jede Schreibsession mit einer Stoppuhr erfassen. Ich könnte mir allerdings auch freiwillig mit einem Hammer gegen das Schienbein schlagen und würde emotional vermutlich denselben Mehrwert daraus ziehen.

Dazu kommt die eigentliche Schwierigkeit: Was zählt überhaupt als Arbeitszeit? Nur das Schreiben? Also nur der Moment, in dem Finger aktiv auf Tasten drücken?

Dann wären Recherche, Plotentwicklung, Figurenaufbau, Überarbeitung, Lektoratsdurchgänge, Korrekturen, Weltenbau, Veröffentlichungsorganisation, Klappentext, Metadaten, Coverplanung und Marketingvorbereitung offenbar magisch kostenlos.

Und was ist mit den Momenten, in denen Szenen im Kopf weiterlaufen, obwohl man offiziell gerade einkaufen, duschen oder schlafen sollte wie ein halbwegs funktionierender Mensch?

Ein Buch entsteht nicht nur am Schreibtisch. Ein Teil davon entsteht nachts um halb zwei, wenn man plötzlich kerzengerade im Bett sitzt, weil einem einfällt, dass Kapitel 14 logisch komplett implodiert und man die letzten vier Wochen Arbeit theoretisch auch direkt in einen Schredder werfen könnte.

Wer nur die Finger auf der Tastatur zählt, hat noch nicht verstanden, wie ein Buch entsteht.

Der Stundenlohn des Wahnsinns

Wichtig ist bei diesem Abschnitt: Hier geht es bewusst zunächst nur um die Basiskosten der eigentlichen E-Book-Produktion. Also um Schreiben, Überarbeitung, Lektorat, Korrektorat und Covergestaltung. Themen wie Marketing, Werbung, Social Media, Druckkosten oder zusätzliche Veröffentlichungsstrategien kommen später noch separat dazu. Sonst verwandelt sich diese Rechnung irgendwann endgültig in eine wirtschaftliche True-Crime-Dokumentation.

Für ein einziges Buch verbringe ich ungefähr 720 Stunden mit Schreiben, Überarbeiten, Löschen, neu schreiben, Kaffee trinken, Existenzkrisen, innerlich sterben und anschließend trotzdem weitermachen, weil Selfpublishing im Kern einfach ein Stockholm-Syndrom mit ISBN ist.

Rechnet man das mit einem Stundenlohn von 13,90 €, landet man bei ungefähr 10.008 €. Und das nur für die reine Arbeitszeit.

Wichtig dabei: Ich rechne hier bewusst lediglich mit dem gesetzlichen Mindestlohn. Nicht mit irgendeinem Luxusgehalt. Nicht mit kreativer Elitevergütung. Nicht mit einem akademischen Mediengehalt. Sondern mit dem absoluten Minimum, das in Deutschland offiziell überhaupt als Arbeit anerkannt wird.

Diese 10.008 € bekomme ich natürlich nicht einfach überwiesen. Die Summe macht lediglich sichtbar, welchen theoretischen Wert diese Arbeitszeit hätte, wenn man sie wie normale Arbeit behandeln würde. Denn während ich schreibe, überarbeite und organisiere, kann ich in derselben Zeit nicht gleichzeitig einem anderen bezahlten Beruf nachgehen. Genau deshalb gehört Arbeitszeit am Ende auch zur wirtschaftlichen Realität eines Buches.

Gerade kreative Menschen vergessen dabei erstaunlich oft, die eigene Arbeitszeit überhaupt mit einzuberechnen. Viele kalkulieren Druckkosten, Cover, Programme, Werbung oder Lektorate, behandeln ihre eigenen Stunden aber gleichzeitig wie eine magisch kostenlose Ressource. Dabei ist Zeit am Ende ebenfalls ein wirtschaftlicher Wert. Selbst wenn man kreative Arbeit nie hundertprozentig exakt erfassen kann, sollte man zumindest grob berechnen, wie viel Arbeitszeit tatsächlich in einem Projekt steckt. Nicht, um plötzlich reich zu werden, sondern um die eigene Arbeit überhaupt ernst zu nehmen. Denn wer die eigene Arbeitszeit dauerhaft mit null Euro bewertet, erklärt seine kreative Leistung irgendwann automatisch selbst zum kostenlosen Hobby.

Und selbst mit diesem niedrig angesetzten Mindestlohn landet man bereits bei einer Summe, bei der manche Menschen Schnappatmung bekommen, sobald ein E-Book mehr als 4,99 € kostet.

Dabei wird oft vergessen, dass moderne Selfpublisher längst nicht mehr nur Bücher schreiben.

Denn Selfpublisher schreiben heute nicht nur Bücher. Sie übernehmen oft zusätzlich Coverdesign, Werbung, Social Media, Veröffentlichungsplanung, Metadatenpflege, Sichtbarkeit und kompletten Markenaufbau selbst.

Würde man diese Arbeit auf klassische Berufsfelder herunterbrechen, läge sie vermutlich irgendwo zwischen Redaktion, Mediengestaltung, Content-Marketing, Projektmanagement und Vertrieb. Ein Selfpublisher schreibt nicht nur ein Buch. Er entwickelt ein Produkt, organisiert dessen Veröffentlichung, kümmert sich um Außenwirkung, Plattformen und Sichtbarkeit und übernimmt oft Aufgaben, die in klassischen Medienberufen auf mehrere Menschen verteilt wären.

Oder anders gesagt: Früher schrieb man Manuskripte. Heute betreibt man nebenbei versehentlich noch eine kleine Medienagentur mit emotionalem Totalschaden.

Selbstausbeutung mit Photoshop

Ich gestalte meine Cover selbst. Nicht, weil ich nachts heimlich mit Adobe Photoshop verheiratet bin, sondern weil ich früher selbstständig als Fotografin gearbeitet habe und offenbar eine chronisch schlechte Beziehung zu Freizeit entwickelt habe.

Die Covergestaltung ist aber nicht plötzlich kostenlos, nur weil ich sie selbst mache.

Für ein Cover sitze ich ungefähr 42 bis 56 Stunden.

Rechnet man das ebenfalls mit 13,90 € pro Stunde, landet man bei ungefähr 583,80 bis 778,40 € theoretischen Arbeitskosten.

Selbermachen spart also kein Geld. Es bedeutet nur, dass niemand bezahlt wird, während man sich freiwillig den eigenen geistigen Zerfall organisiert wie ein Ein-Personen-Zirkus auf Koffeinbasis.

Was Panik in Euro kostet

Wenn man alles zusammenrechnet, landet man ungefähr bei 12.592 bis 14.086 €. Und dabei handelt es sich noch immer nur um die Basiskosten. Und ja, diese gelten lediglich für ein einziges Buch. Ich weiß, die Realität ist bitter. Wird aber noch bitterer. Warum? Hier ist noch nicht einmal alles enthalten.

Denn auch diese Rechnung behandelt bewusst nur die eigentliche Produktion des E-Books. Marketingkosten, Werbeanzeigen, Social-Media-Arbeit, Druckkosten, Bloggeraktionen, Communitypflege oder Sichtbarkeitsstrategien habe ich bewusst außen vor gelassen, da diese hier den Rahmen sprengen würden.

Wichtig ist mir an dieser Stelle aber auch: Diese Zahlen sollen niemanden davon abhalten, selbst zu schreiben oder zu veröffentlichen. Viele dieser Kosten sind keine starren Pflichtbeträge, die plötzlich wie ein finanzieller Endgegner vor der Tür stehen. Gerade im Selfpublishing arbeiten viele Menschen mit Testlesern, Korrekturlesern, befreundeten Kreativen oder kleinen Unterstützungsnetzwerken zusammen. Manche gestalten Cover selbst, andere lernen Programme, tauschen Leistungen oder wachsen Schritt für Schritt überhaupt erst in diese Bereiche hinein.

Natürlich ersetzt das nicht automatisch ein professionelles Volllektorat für mehrere tausend Euro. Aber zwischen »hochglanzpolierter Verlagsproduktion« und »grammatikalischem Verkehrsunfall mit Kapitelüberschriften« existiert eine ziemlich große Realität, in der die meisten Autoren überhaupt erst anfangen.

Ich selbst spare ebenfalls viele tatsächliche Kosten, weil ich vieles eigenständig umsetze oder Unterstützung aus meinem Umfeld bekomme. Niemand sollte ein Buchprojekt direkt begraben, nur weil beim ersten Blick auf mögliche Kosten kurz die Seele den Körper verlassen möchte. Es gibt fast immer Wege, Ausgaben zu reduzieren, Hilfe zu finden oder sich bestimmte Dinge nach und nach aufzubauen.

Trotzdem verschwindet die eigentliche Arbeit dahinter nicht einfach. Die Zeit, die Fähigkeiten, die Überarbeitung und der gesamte Aufwand existieren ja trotzdem, selbst wenn man vieles eigenständig auffängt oder günstiger lösen kann. Und darum geht es mir bei diesen Zahlen überhaupt: sichtbar zu machen, dass hinter einem Buch mehr steckt als eine Datei, die zufällig auf Amazon gelandet ist.

Die eigentliche Frage beginnt allerdings erst danach: Was bleibt von dieser Rechnung am Ende überhaupt übrig?

Der Break-even des Wahnsinns

Ein E-Book kostet bei mir ungefähr 4,99 €. Davon bleiben mir bei KDP ungefähr 3,23 € pro Verkauf.

Das bedeutet: Um allein die theoretischen Kosten eines einzigen Buches wieder einzuspielen, bräuchte ich ungefähr 3.899 bis 4.361 Verkäufe.

Nicht Gewinn. Nicht Luxus. Nicht: »Autoren verdienen sich dumm und dämlich.«

Nur: Null.

Der wunderschöne wirtschaftliche Zustand namens: »Herzlichen Glückwunsch. Der finanzielle Schaden wurde theoretisch neutralisiert.«

Praktisch fühlt sich das ungefähr so an, als würde man nach einem Autounfall gesagt bekommen, dass immerhin die Warnblinkanlage noch funktioniert.

Nicht enthalten ist übrigens auch der Moment, in dem das Finanzamt im Folgejahr freundlich an die Tür der Realität klopft und daran erinnert, dass kreative Selbstzerstörung selbstverständlich trotzdem steuerpflichtig bleibt.

Ich bin verheiratet und in Steuerklasse 5.

Das bedeutet vereinfacht gesagt: Der Staat schaut sich meine Abrechnung an und entscheidet anschließend, dass ich offenbar aus purer Leidenschaft existiere und Geld vermutlich nur ein optionales Hobby für andere Menschen ist.

Es gibt wenige Erfahrungen, die so spirituell zermürbend sind wie nachts um halb eins mit verheultem Gesicht vor einer Steuerabrechnung zu sitzen und sich zu fragen, ob man nicht vielleicht doch einfach Ziegenzüchter in Norwegen hätte werden sollen.

Warum Bücher ständig ihren Wert rechtfertigen müssen

Das Interessante ist gar nicht, dass Menschen Preise vergleichen. Das macht jeder. Dennoch scheinen Bücher anders als andere Unterhaltungsmedien bewertet zu werden. Vor allem, wenn sie nur digital sind.

Natürlich darf jeder Leser selbst entscheiden, wie viel Geld er für Bücher ausgeben möchte.

Niemand ist verpflichtet, ein E-Book für 4,99 €, 6,99 € oder mehr zu kaufen.

Aber daraus folgt nicht automatisch, dass andere Menschen deshalb kein Recht hätten, ihre Arbeit höher zu bewerten.

Im Selfpublishing trägt der Autor das Risiko, die Kosten, die Verantwortung, die Arbeitszeit und die komplette Organisation selbst. Dann darf er auch entscheiden, welchen Preis er für angemessen hält, ohne behandelt zu werden, als hätte er gerade den globalen Aktienmarkt angezündet.

Denn am Ende geht es nicht nur um Marktpreise. Sondern um eine viel unbequemere Frage: »Was ist kreative Arbeit eigentlich wert?« Und warum erwarten wir so oft, dass Kunst möglichst billig sein soll?

Mir hat auf TikTok tatsächlich einmal jemand erklärt, dass ich als Selfpublisherin ohnehin keine »richtige« Autorin sei. Wenn mich kein Verlag genommen hätte, müsse ich dementsprechend schlecht sein. Deshalb sollte ich froh sein, wenn überhaupt jemand meine Bücher lese. Und beim Preis solle ich am besten bei 99 Cent bleiben.

Das war einer dieser Momente, in denen man kurz innehält und sich fragt, ob manche Menschen beim Schreiben solcher Kommentare eigentlich von einer Mischung aus Überheblichkeit und WLAN betrieben werden. Denn hinter solchen Aussagen steckt eine ziemlich unangenehme Vorstellung: dass kreative Arbeit plötzlich weniger wert sei, sobald sie außerhalb eines Verlags entsteht. Als würden Geschichten magisch besser werden, sobald irgendwo ein V

Die letzte unbequeme Frage

Das Interessante ist gar nicht, dass Menschen Preise vergleichen. Das macht jeder. Spannend wird es dort, wo Bücher plötzlich anders bewertet werden als andere Unterhaltungsformen.

Niemand verlässt das Kino und sagt: »Also technisch gesehen gehört mir der Film jetzt gar nicht.«

Bei E-Books wird genau dieses Argument regelmäßig gebracht.

 

Und irgendwo zwischen diesen beiden Denkweisen sitzt wahrscheinlich ein Philosoph mit Alkoholproblem in einer schlecht beleuchteten Küche und fragt sich, warum die Menschheit kulturell irgendwann falsch abgebogen ist.

Was ein Buch am Ende wirklich wert ist

Irgendwann bleibt trotzdem eine einzige Frage übrig, die sich viele Kunstschaffende viel zu selten ehrlich stellen: Wie viel ist mir meine eigene Arbeit wert?

Ich habe sie berechnet. Das Ergebnis kennt ihr jetzt.

Er wurde nachts um halb zwei im Bett kalkuliert, zwischen Panik und Plotloch.

Und während ich das hier schreibe, diskutiert irgendwo ein Kommentarspalten-Rambo auf Amazon darüber, ob 4,99 € nicht vielleicht doch ein bisschen frech seien.

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