Spontan würde ich sagen: Dank Corona.
Ich war damals als Fotografin selbstständig und durch die Auflagen blieben natürlich die Aufträge weg. Also hatte ich Zeit. Verdammt viel Zeit. Aber im Grunde fing alles sehr viel früher an.
Das Kind, das angeblich »spinnt«
Als Kind habe ich mir schon immer Geschichten ausgedacht, vorzugsweise mündlich, dummerweise haben die Erwachsenen mich nicht so ganz verstanden und dachten, ich würde einfach spinnen.
Vielleicht stimmte das sogar.
Auf der anderen Seite … wo ich herkomme, hatte man es eh nicht so mit Literatur und Geschichten.
Früh übt sich, wer keine Zeichenbegrenzung akzeptiert
In der 6. Klasse mussten wir eine Kurzgeschichte in einer halben Seite fortführen. Halbe Seite … bei mir wurde es eine Geschichte, die fast mein halbes Heft ausfüllte. Keiner konnte folgen, der Lehrer sagte, so geht das nicht.
Ich war offensichtlich schon damals schlecht darin, mich kurzzufassen.
Erste Geschichten und fragwürdige Erfolgserlebnisse
Später habe ich mit Freunden, die im gleichen Haus wohnten wie ich, Kurzgeschichten geschrieben. Zum ersten Mal gab es hier wirklich positives Feedback, weil die Eltern dieser Freunde den Kram tatsächlich gut fanden. Natürlich kann man das jetzt infrage stellen und prüfen, wer hier den größeren Dachschaden hatte.
Ich kann heute nicht mehr sagen, worum genau es in diesen Geschichten ging, aber es war definitiv irgendwas mit Fantasy.
Der Aldi-Tüten-Satz, der nie gestorben ist
Ein Satz von damals ist aber bis heute hängen geblieben:
»Ich rannte mit der Aldi-Tüte über die Straße.«
Dieser Satz war nicht von mir, sondern von einem Kumpel, aber der hängt bis heute in unseren Köpfen und ist hier und da noch immer ein Running Gag.
Und die Bilder in meinem Kopf sind noch immer lustig. Für mich.
Menschenhirne sind wirklich faszinierend. Millionen Erinnerungen und gespeichert bleibt ausgerechnet die Aldi-Tüte. Großartige Datenverwaltung. Fast menschlich.
Dunkelheit, Fantasy und komplett entgleiste Ideen
Mit 15 schrieb ich die ersten Kapitel eines, wie ich heute weiß, Dark-Fantasy-Romans. Dunkelheit war offenbar schon damals mein Spezialgebiet.
Irgendwann hab ich das Manuskript vor lauter Frust gelöscht. Den Plot selbst habe ich aber noch immer in meinem Kopf. Vielleicht wird das Ding ja doch eines Tages verwirklicht.
Als ich ab 2006 in Elternzeit war und mein Hirn mal wieder im Eskalationsmodus war, schrieb ich meine Kindheitserinnerungen als total abgedrehte Parodie, mit mehr Fäkalhumor, als gesund wäre.
Ich nannte den Ort, wo ich herkomme, in diesen Geschichten Hähnchenwald.
Jetzt muss ich zeitlich kurz springen. Beschwerden bitte schriftlich einreichen.
Vor einigen Wochen lag ich mit einer ausgewachsenen Männergrippe auf der Couch und begann, ausgerechnet in diesen alten Geschichten zu lesen.
Ihr kennt das: Man klappt den Laptop auf, klickt sich durch tausend Ordner und denkt irgendwann: Oh krass, was haben wir denn da für krankes Zeug?
Nicht? Okay, auch nicht schlimm.
Jedenfalls war das eventuell nicht ganz so klug, denn ich erkannte plötzlich, dass mein zwanzig Jahre jüngeres Ich dort offenbar das Rohmaterial für eine komplette Novellenserie deponiert hatte.
Sobald meine Dark-Fantasy-Trilogie endlich fertig ist – ich sage bewusst ENDLICH, da das matschige Ding hinter meiner Stirn langsam ungeduldig an meinem Nervensystem kratzt –, wird aus meinen alten Erinnerungen ein neues Projekt entstehen. Düster, sarkastisch und absolut grenzwertig.
Der Arbeitstitel lautet übrigens: Hähnchenwald: Grünau vergisst man nicht, man überlebt sie höchstens.
Aber wir machen mal weiter.
Das Leben kam dazwischen
Dann legte ich das Schreiben eine sehr lange Zeit beiseite. Ich hatte Kinder, Schule, später die Uni … also Verantwortung, soweit das Auge reicht.
Verwirrt euch gerade die Reihenfolge? Aber ja, ich hab erst mal einen Haufen Kinder bekommen. Dann mein Abi nachgeholt und dann studiert. Karriereberater hätten vermutlich körperliche Schmerzen bekommen.
Wie dem auch sei: Ich habe all meine Schreibträume in eine große Erinnerungskiste gepackt und … vergessen.
Die Zecke in meinem Hirn
Bis ich Ende 2022/ Anfang 2023, wie bereits erwähnt, dank Corona die Zeit zum Schreiben fand.
So entstand innerhalb weniger Wochen die Rohfassung zu »In Vollendung«.
Die Idee kam, als ich die Fotos meiner bisherigen Projekte durchgesehen habe. Ich hatte damals eine Serie, die »Vom Leben gezeichnet« hieß. Dabei ging es um die bildliche Umsetzung von psychischen und nicht sichtbaren Krankheiten.
Ich stellte mir vor, wie es wohl wäre, wenn ein Serienmörder diese Fotos als Mordszenen inszenieren würde. Und ganz unerwartet setzte sich dieser halbe Plot wie eine garstige Zecke in meinem Hirn fest.
Also kaufte ich mir vollkommen entschlossen Papyrus Autor. Ja, ich hätte in Word schreiben können, aber ich brauchte Motivation. Und was soll ich sagen? Der Roman floss geradezu aus meinen Fingern.
Eigentlich sollte es nur bei diesem Roman bleiben. Ehrlich. Ich dachte:
»Ich hau das Ding jetzt raus und dann hoffen wir, dass die Auflagen bald gelockert werden und wieder mehr Aufträge eintrudeln.«
Spoiler: Ist nicht passiert. Also ja, die Auflagen wurden aufgehoben. Die Aufträge blieben dennoch aus.
Vielleicht war das das Beste, was mir passieren konnte. Oder das Verrückteste. Auslegungssache.
Dass ich drei Jahre später sieben Bücher veröffentlicht haben würde und eine ganze Trilogie aus dem Boden stemme, hätte ich nie gedacht.
Und trotzdem ist genau das passiert!
Nach meinem zweiten Roman »Fahr wohl, kleine Alice« meldete ich das Fotografengewerbe ab. War ja dann nur noch Schmuck am Nachthemd.
Vermisse ich die Fotografie? Definitiv, aber meine Kamera liegt noch immer brav in meiner Tasche und läuft nicht weg. Für meine Coverbilder und kleinere private Projekte packe ich sie immer noch sehr gerne aus.
Aber die letzten Jahre haben mir gezeigt, wie sehr ich für das Schreiben brenne. Und wer sagt denn, dass man bei einer Kunstrichtung bleiben muss?
Hier und da ecke ich mit meinen Büchern an. Verständlich. Die sind nicht für den Massenmarkt. Ich lebe die Dunkelheit, die irgendwo tief in mir wachgehalten wird, voll und ganz aus und ich kann mir in der Tat keinen besseren Beruf vorstellen. Ich liebe einfach alles daran.
Bei einem Verlag habe ich mich nie beworben. Mir war von Anfang an klar: Ich gehe ins Selfpublishing. Auch wenn ich, wie gesagt, eigentlich nur einen Roman schreiben wollte.
Ich könnte jetzt über all meine absurden Entscheidungen im Selfpublishing philosophieren, aber das würde an dieser Stelle den Rahmen sprengen.
Der Weg bis hierher war alles andere als einfach. Ich habe Fehler gemacht, Geld verbrannt und mich mehr als einmal gefragt, was zur Hölle ich da eigentlich tue.
Mein erster Roman wurde damals sogar wegen eines idiotischen Fehlers von mir nahezu vollständig unkorrigiert veröffentlicht.
Und das war leider längst nicht der einzige Moment, in dem ich mir im Nachhinein selbst ein Schreibverbot hätte erteilen müssen.
Vielleicht mache ich daraus wirklich mal einen eigenen Beitrag. Therapeutisch wäre es vermutlich sinnvoll. Für mich und vielleicht auch für einige, die gerade an sich zweifeln.
Mit jedem Buch, jeder Veröffentlichung und jedem Schlag ins Gesicht lernte ich dazu, wurde besser und verstand irgendwann: Das ist noch lange nicht das Ende.
Vielleicht hatten die Erwachsenen damals also doch recht. Ich habe tatsächlich gesponnen.
Nur inzwischen werde ich dafür bezahlt.
Kommentar schreiben